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P. Köster: Kabinenpredigt: Reformiert den Videobeweis oder schafft ihn ab!

Der Videobeweis in seiner gegenwärtigen Form ist eine Zumutung. Die Fußballverbände müssen endlich reagieren, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Von Philipp Köster

Werder Fans halten Banner gegen den Videobeweis hoch.

Werder Fans halten Banner gegen den Videobeweis hoch.

Es gibt eine schöne Szene im Filmklassiker "The Big Lebowski", in der Lebowskis guter Kumpel Walter Sobchak sich beim Bowling derart über einen nicht geahndeten Regelverstoß echauffiert, dass er schließlich wild mit einer Pistole herumfuchtelt und durch die Halle krakeelt: "Bin ich denn der einzige, dem Regeln noch etwas bedeuten?"

An diesem Wochenende erinnerten die Argumente, mit denen wieder einmal der und seine Anwendung in den Bundesliga-Stadien verteidigt wurde, stark an Walter Sobchak. Dass in manchen Stadien kalibrierte Linien zur Abseitsfeststellung zur Verfügung stehen und in anderen nicht – eine Kinderkrankheit. Dass die Zuschauer im Stadion nach wie vor völlig im Unklaren gelassen werden, weshalb ein Treffer annulliert oder ein Spieler vom Platz gestellt wird – Achselzucken. Dass nach wie vor völlig willkürlich erscheint, wann die Videoassistenten eingreifen, dass sie bisweilen brutale Fouls wie das von Freiburgs Abrashis an Bremens Bargfrede bagatellisieren und klare Elfmeter ignorieren – alles Ansichtssache. Hauptsache, die Regeln werden eingehalten.

Videobeweis: Statt Gerechtigkeit wütende Debatten

All die Willkür, all die Unklarheiten werden mantraartig mit dem Hinweis auf die allumfassende Gerechtigkeit gerechtfertigt, die nun angeblich in den Stadien Einzug gehalten hat. Merkwürdig nur, dass sich trotzdem keine Glocke der Harmonie und Zufriedenheit über die Bundesliga gelegt hat – eher im Gegenteil wird fast noch wütender und erzürnter debattiert. Gladbachs Coach Dieter Hecking ätzte nach dem Spiel gegen Dortmund völlig zu Recht, in der Videozentrale sei wohl zwischendurch einer eingenickt anstatt die Catcheinlage gegen Jannik Vestergaard im Dortmunder Strafraum zu ahnden.

Der nach wie vor hohe Aggressionspegel mag einerseits daran liegen, dass Spieler und Trainer immer noch gerne Sündenböcke für Niederlagen suchen, früher wurden die Referees gescholten, nun die Videoassistenten. Andererseits weigern sich die Befürworter des Videobeweises zu begreifen, dass für ein paar Abseitstore weniger und Platzverweise mehr etwas viel Wichtigeres für die Fans auf den Rängen verloren gegangen ist, nämlich die Unmittelbarkeit des Spiels. Jeder Zuschauer konnte sich früher darauf verlassen, dass alles Wichtige im Stadion passierte. Alles, was zum Spiel gehörte, geschah unten auf dem Rasen. Auch für diese Live-Erlebnis, für die Exklusivität des ersten Augenblicks gingen und gehen Fans ins Stadion.

Die Entscheidung fällt nicht auf dem Platz, sondern im Keller

Die amateurhafte Handhabung des Videobeweises, die Verlagerung wichtiger Spielentscheidungen in einen anonymen Kölner Keller, die vollständige Intransparenz der getroffenen Urteile für die Zuschauer im Stadion, der eklatante Autoritätsverlust der Referees auf dem Spielfeld, all das empfinden die Anhänger auf den Rängen als ungemein störend. Und es stellt sich die Frage, ob es wirklich solch unrealistischen Aufwand bedeutet, alle Nachbetrachtungen am Bildschirm an den Spielfeldrand zu verlegen und hinterher auch den Grund eines nicht gegebenen Tores zu erfahren? 

So unausgegoren das Videobeweis-Experiment auch ist, vielleicht würden die Zuschauer in den Stadien sogar gnädiger urteilen, hätten sie nicht den Eindruck, dass derzeit ohnehin keine Rücksicht mehr auf die Stadiongänger genommen wird. Seit Jahren wird der Fußball konsequent auf die Bedürfnisse der Fernsehzuschauer ausgerichtet, die Montagsspiele sind nur das letzte Beispiel, wie egal vielen Funktionären die aktiven Anhänger und ihre Bedürfnisse sind.

Wenn die Fußballverbände weiterhin die völlig berechtigte Kritik der Anhänger, der Trainer und Spieler ignorieren, wird der Videobeweis das Publikum nur weiter spalten und nicht wie erhofft das Spiel befrieden.

 

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