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Podolski-Ausraster: Wie ein kleiner, beleidigter Junge

Lukas Podolski wird für die Ohrfeige, die er im WM-Qualifikationsspiels gegen Wales Michael Ballack verpasste, nicht vom DFB bestraft. Offiziell gilt die Sache als erledigt. Für Podolski hat der Ausraster dennoch Folgen. Das Bild vom "lieben Poldi" hat Risse bekommen - das weiß auch Bundestrainer Joachim Löw.

Von Tim Schulze

Der DFB gab bekannt, dass Podolski trotz seiner Backpfeife, die er Michael Ballack während des WM-Länderspiel gegen Wales versetzte, keine Strafe kassieren wird. "Mit Disziplinar-Maßnahmen tut man sich beim DFB schwer", sagte Nationalmannschaftsmanager Bierhoff am Donnerstag morgen. "Es wird keine Geldstrafen oder sonstige Sanktionen geben."

Das Verhalten von Lukas Podolski wird also keine offiziellen Konsequenzen nach sich ziehen. Aber der Vorfall wirft Fragen auf. Immerhin hat hier ein junger, wenn auch sehr etablierter Spieler, dem unumschränkten Leitwolf der Nationalmannschaft während eines wichtigen Länderspiels eine Ohrfeige verpasst. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft.

Die beiden Steithähne haben zwar - nach offiziellen Verlautbarungen - noch in der Nacht nach dem 2:0-Sieg ihre Differenzen ausgeräumt. Die Stimmungslage in der DFB-Elf aber ist eindeutig: Für den Ausraster hat keiner von Podolskis Mitspielern Verständnis. Ballacks knurrige Art, mit der er sein Kapitänsamt ausübt, ist seit der Euopameisterschaft ein Thema im Team, aber in diesem Fall stehen alle eindeutig hinter dem "Capitano".

Oliver Bierhoff meinte vor dem Rückflug nach Deutschland, das "Wichtigste ist, dass nichts hängenbleibt". Das wird nicht der Fall sein. Hängenbleiben wird, dass Lukas Podolski sich wie ein kleiner, beleidigter Junge verhalten hat, der seinen Frust nicht anders kanalisieren kann, als auf einen Mitspieler loszugehen. Und der scheinbar große Probleme damit hat, den sicherlich rauhen Tonfall von Michael Ballack wie ein Profi wegzustecken.

Das Bild vom ewig scherzenden und stets gutgelaunten Poldi, der seinen Mannschaftskameraden lustige Streiche spielt, hat erhebliche Risse bekommen. Dass ein angeblich geläuterter Podolski beim Einsteigen ins Flugzeug schon wieder mit den Kollegen Witze riss, zeigt nur: Der Betroffene hat offensichtlich gar nichts verstanden.

Ballack fand nach dem Spiel deutliche Worte: "Lukas ist einer junger Spieler, der noch viel zu lernen hat. Das muss er akzeptieren." Bayern Trainer Jürgen Klinsmann hat von Podolski immer gefordert, dass er mehr Einsatz und mehr Biss zeigen müsse, um sich bei den Bayern durchzusetzen. Daran scheint es bei Podolski zu fehlen. Es ist schon oft gesagt worden, dass Podolski eine Umgebung braucht, in der er sich wohlfühlt. Solange die Fans ihren "Poldi" feiern können, ist die Gemütslage des 23-Jährigen im Gleichgewicht. So war es in der Vergangenheit bei seinen Auftritten im Adler-Dress oft.

Aber die "Wohlfühl-Oase" Nationalmannschaft ist Vergangenheit. Die Weltmeisterschaft 2010 naht, der Konkurrenzdruck wird auch für Podolski größer. Bundestrainer Löw hat mit seinem Festhalten an Mario Gomez trotz dessen Torlosigkeit gezeigt, was er von dem Stuttgarter Torjäger hält. Auch in der Nationalmannschaft muss Podolski in Zukunft mehr zeigen. Mit Leistungen wie gegen Wales wird er auf lange Sicht seinen bisher garantierten Stammplatz verlieren. Und das Löw von seinen Spielern eine gewisse mentale Stärke und einen "guten" Charakter verlangt, ist kein Geheimnis. Podolski hat seinem Ansehen in der Nationalmannschaft einen Bärendienst erwiesen. Es wird etwas "hängenbleiben" - und das nicht zum Vorteil von Podolski.

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