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Polizeipräsdenz in Fußballstadien: Auch Baden-Württemberg setzt weniger Beamte ein

NRW startet den Testlauf: Weniger Polizei rund um Fußballspiele. Baden-Württemberg verzichtet auf Tests, zieht die Beamten gleich aus den Stadien ab. In Bayern stößt die Diskussion auf Unverständnis.

Von Gerd Elendt

Nachdem in Nordrhein-Westfalen die Polizei weniger präsent in Fußballstadien sein wird, plant auch das baden-württembergische Innenministerium, der "NRW-Linie zu folgen". Während in NRW erst in einem Pilotprojekt, das bis zum 27. September läuft, an vier Bundesliga-Spieltagen geprüft wird, ob sich das neue Konzept bewähren könnte, will man in Baden-Württemberg den reduzierten Polizeieinsatz ohne Testphase in der laufenden Ligasaison starten.

Mehr Clubs, mehr Einsätze

"Es gab schon ein Gespräch mit den Polizeiführern", sagt der Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums. "Das Protokoll und die Ergebnisse werden gerade zusammengestellt." Dann werde noch einmal mit dem Minister abgestimmt und danach gingen die Pläne raus an die Dienststellen. "Derzeit gibt es also noch keine schriftlichen Anweisungen".

Das Problem der Polizei, so sieht man es im Stuttgarter Innenministerium, sei das gleiche, wie in Nordrhein-Westfalen: "Die Einsatzstunden steigen, denn wir haben jetzt noch einen Club mehr in den obersten drei Ligen" sagt Andreas Schanz.

Leverkusen gegen Mainz ist harmlos

Für NRW-Innenminister Ralf Jäger sind die Fußball-Einsätze seiner Beamten zu einem echten Personalproblem geworden. Ein Drittel der Bereitschaftspolizisten in NRW ist ausschließlich mit Fußball beschäftigt. "Jetzt sind auch noch zwei Westvereine aufgestiegen", sagt Jäger. "Damit haben wir in einer Saison 231 Spiele in unserem Land." 21 Spiele, somit zehn Prozent mehr als bislang schon. "Wir müssen unsere Kräfte deshalb optimieren."

Die Fußball-Experten des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW (LZPD) haben sich die Spiele der letzten drei Jahre daraufhin genau auf mögliche Gewalt-Risiken angesehen. "Danach wussten wir: Spiele wie Leverkusen gegen Mainz 05, sind harmlos und brauchen keine große Polizeibegleitung", sagt Jäger.

"Einsätze bei Risikospielen bleiben unangetastet", betont der Innenminister. Gegen Gewalttäter würde selbstverständlich auch weiterhin konsequent vorgegangen. Aber ansonsten appelliert man in NRW an die Eigenverantwortung der Fans. "Gespräche mit Fans haben mir gezeigt, dass sie bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen", sagt Jäger. "Das können sie jetzt unter Beweis stellen."

Vereine in die Pflicht genommen

In der neuen Einsatzkonzeption des NRW Innenministeriums heißt es unmissverständlich. "In Zusammenhang mit der Einsatzvorbereitung ist auch darauf hinzuwirken, dass die beteiligten Vereine ihrer Verantwortung nachkommen und insbesondere positiven Einfluss auf ihre Anhängerschaft ausüben". Gästefans sollen künftig von Ordnern der Vereine begleitet werden und Störer ausgeschlossen werden. Die Begleitung von Shuttleverkehren will die Polizei an Rhein und Ruhr ganz den Vereinen überlassen. Kein Polizeifahrzeug mehr, das mit Blaulicht vor Fan-Bussen vom Bahnhof zum Stadium herfährt.

Bayern behält altes Konzept

Im Münchener Innenministerium haben die Herren der Polizeiabteilung gestern "etwas geschmunzelt", wie ihr Sprecher sagt, als sie Ralf Jäger von "Lage angepassten Runterfahren des Kräfteeinsatzes der Bereitschaftspolizei" reden hörten. Denn "Lage angepasst" mache man sowieso jeden Einsatz in Bayern. Wenn bei einem Spiel Krawalle zu erwarten sind, dann sei der Einsatz selbstverständlich höher, als bei Spielen, bei denen keine Ausschreitungen zu erwarten sind. "Wir praktizieren also den 'Lage angepassten Einsatz von Polizisten' ohnehin schon." Jägers bayerischer Minister-Kollege Joachim Herrmann ist der Meinung, dass selbstverständlich gewährleistet sein muss, "dass eine Familie mit Kindern zu einem Fußballspiel gehen kann und sich dort sicher fühlt".

Einen Grund, über neue Modelle des polizeilichen Einsatzes bei Liga-Fußballspielen nachzudenken, sieht man in München nicht: "Dass der Jäger wegen der zwei Vereine, die er jetzt mehr hat, in Not geraten ist, das ist kein Anlass für uns, unser Konzept zu ändern", sagt der Sprecher des bayerischen Innenministers.

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