HOME

Pressestimmen zu Hitzlspergers Coming-out: Viel Anerkennung - und eine dünne Ausrede

In der Presse ist das Coming-out von Ex-Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger überaus positiv kommentiert worden. Ausgerechnet ein prominentes Fußball-Blatt tut sich jedoch schwer.

Ungewohnt synchron betitelten sowohl "Bild-Zeitung" als auch "taz" ihre Donnerstagsausgaben mit "Respekt!" - und zollten damit Thomas Hitzlsperger selbigen zu seinem Coming-out. Vier Monate nach dem Ende seiner Karriere würde der 31-Jährige den "wichtigsten Treffer" seiner Karriere landen, schreibt "Bild". Kommentator Walter M. Straten merkt jedoch an: "Er spricht offen über seine Homosexualität - wenn auch aus der Deckung heraus. Nach seinem Karriere-Ende muss er keine Pfiffe im Stadion mehr fürchten".

Der Schritt sei in Anbetracht des kurz zuvor vollzogenen Karriereendes mutig, schreibt die "taz". "Er kommt aus einer Welt, die gemeinhin als homophob gilt, aus der Machowelt des Männerfußballs. Jetzt ist es raus! Und ein wahrer Lovestorm bricht über ihn herein. Alle finden toll, dass er sich geoutet hat. Zu Recht!"

Held wider Willen, Vorreiter mit Absicht

"Ein Anfang ist gemacht" überschreibt die "Süddeutsche Zeitung" einen Kommentar und beschreibt die ungewöhnliche Karriere Hitzlspergers, die in England begann und ganz leise im vergangenen Jahr endete. Besonders sein Abschied habe gezeigt, dass er niemand sein wollte, der sich an einem Heldenkult erfreut habe. Nun habe er jedoch wissentlich eine Vorreiterrolle eingenommen. "Er weiß, dass er jetzt erst mal eine Menge Schlagzeilen produzieren wird. Im Interview mit der Wochenzeitung 'Die Zeit' hat er seine Homosexualität öffentlich gemacht und ist fürs Erste nun doch geworden, was er nie sein wollte: eine Figur, die sie in der Fußball-Szene als historisch begreifen werden."

Die Sprachlosigkeit des Fußball-Sprachrohrs

In der Donnerstagsausgabe der Fußball-Zeitschrift "kicker" findet sich nur ein kurzer Kommentar von Chefredakteur Jean-Julien Beer zu dem Thema. "In einem weltoffenen Deutschland aber sind weder Sexualität noch Religion eines Sportler zu thematisieren oder gar zu tabuisieren - und schon gar keine Eilmeldung wert", schreibt Beer und gibt dies als Begründung an dafür, dass es im aktuellen "kicker" keine weitere Berichterstattung dazu gibt. Der Kommentar schließt mit den Worten: "Es gibt so viel Interessantes und Wichtiges zu berichten. Auch im Fußball."

Erstaunlich ist dahingehend, dass die Online-Ausgabe

"kicker.de"

dem Thema ausführlich Platz einräumt. So geht "kicker.de" darauf ein, dass Hitzlsperger schon während seiner Aktiven Zeit in der Saison 2011/12 mit dem Gedanken gespielt hatte, seine Homosexualität öffentlich zu machen. Damals spielte er noch beim VfL Wolfsburg und "er sei jedoch von verschiedenen Leuten gewarnt worden".

Titelseite in Großbritannien

Auch international sorgte der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler für Aufsehen. Der britischen Tageszeitung "The Guardian" gab Hitzelsberger ein Interview und landete damit auf der ersten Seite der Donnerstagsausgabe. Der "Guardian" plauderte mit Hitzlsperger auch über die Reaktionen seiner Familie, der sich der Sportler zuerst anvertraut habe. "Ich war überrascht und glücklich darüber, dass sie alle absolut kein Problem damit haben", so der 31-Jährige. "Wo ich herkomme, aus dem ländlichen Bayern, betrachten viele Homosexualität als 'unnormal'. Mir war bewusst, dass es negative Reaktionen von denen geben wird, die es niemals verstehen werden - auch gegenüber meiner Familie. Aber das war ihnen egal. Ich habe nichts außer bedingungsloser Unterstützung von [meiner Familie] erfahren."

Wäre es auch ohne Sotschi so gekommen?

"Sotschi und Putin haben Thomas Hitzlsperger dazu gebracht, sich zu offenbaren", schreibt die niederländische Zeitung "de Volkskrant". "Ob er seine Homosexualität wohl auch öffentlich gemacht hätte, wenn die Olympischen Winterspiele nicht gerade im russischen Sotschi stattfinden würden? Diese Frage bleibt zwar unbeantwortet. Aber Hitzlsperger hatte eigens darauf hingewiesen, dass er sich dazu bewusst wenige Wochen vor der Eröffnungszeremonie öffentlich äußern wollte. Das homosexuellen-feindliche Klima in Russland ist seit Monaten ein internationales Debattenthema."

Courage nicht entwerten

Über das Coming-out des früheren Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger schreibt "Der Standard" aus Wien am Donnerstag:

"Es ist auch nicht (allein) der Fußball daran schuld. In dieser Arena der betonten Männlichkeit sind Geschlechterbilder vielleicht noch etwas antiquierter. Doch es gibt keine Insel namens Fußball in der Gesellschaft. Am Sport von Millionen zeigt sich, wie große Teile der Gesellschaft ticken. Es gibt Grund zur Hoffnung, dass es sich zum Besseren wendet - dass dank aufgeklärter Einsicht und mutiger Vorbilder die Homosexualität von Sportlern bald keine Nachricht mehr wert ist. Noch ist es aber nicht so weit. So zu tun, als wäre ein Fußballer-Coming-Out schon heute keine große Sache, entwertet die Courage, die ein Schritt wie jener von Hitzlsperger braucht."

ono/DPA / DPA

Wissenscommunity