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Randale beim Schweinske-Cup in Hamburg: Nur Hass in den Augen

Nach dem neuerlichen Gewalt-Exzess im deutschen Fußball bei einem Hamburger Hallenturnier schieben sich die Verantwortlichen gegenseitig die Schuld an der Prügel-Orgie zu. Der FC St. Pauli, dessen "Fans" an den Krawallen beteiligt waren, wirft der Polizei handwerkliche Fehler vor. Die wehrt sich vehement.

Von Klaus Bellstedt

Carsten Wolff kommt seit vielen Jahren mit seiner Familie zum Schweinske-Cup, der früher mal Ratsherren- und später auch Salzbrenner-Cup hieß, in die Alsterdorfer Sporthalle nach Hamburg-Winterhude. Wolff, der sein Geld als Werber verdient, wird nach den Vorkommnissen vom Freitagabend nie wieder diese Traditionsveranstaltung besuchen - sofern sie denn überhaupt weiter ausgetragen wird. Noch zwei Tage danach steht der Familienvater unter Schock und kann seine Eindrücke gegenüber stern.de kaum in Worte fassen: "Es war der blanke Hass, den ich in den Augen dieser Chaoten sehen konnte. Ich spüre Wut und Verzweiflung darüber, was diese Vollidioten meiner Familie und mir angetan haben."

Mit "Vollidioten" meint der 42-jährige Augenzeuge ganz explizit gewaltbereite Fans des "FC. St. Pauli, des HSV und des VfB Lübeck". Die hatten sich untereinander geprügelt und so für einen Abbruch des Cups gesorgt. Die Krawallmacher schlugen zunächst im Innenraum der Arena oben auf den Tribünen aufeinander ein, später zerlegten sie den VIP-Bereich der Halle. Eltern, wie Carsten Wolff und seine Frau, suchten mit ihren Kindern verzweifelt nach Fluchtwegen. "Wir wussten nicht, wohin. Niemand hat uns gesagt, wo wir sicher sind, ob draußen oder drinnen."

Traurige Bilanz der Krawalle, die nach dem Abbruch vor der Halle weitergingen: 35 Personen wurden verletzt, weitere 40 erlitten Augenreizungen durch den Pfefferspray-Einsatz der Polizei. Zu Schaden kamen auch 14 Beamte. Einer trug einen Kieferbruch davon, ein anderer einen Achillessehnenriss, ein Ordner eine Schulterausrenkung. Insgesamt 74 Randalierer, davon 72 Anhänger des FC St. Pauli, wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen. Es wurden 23 Strafanzeigen gestellt.

Pauli beschuldigt Polizei

Die Schuldfrage ist noch ungeklärt. Bis jetzt weiß die Polizei nicht, wer den ersten Stein geworfen hat. Alle drei Klubs distanzieren sich von ihren gewalttätigen Anhängern. "Die Provokation ging nicht von den Fans des FC. St. Pauli aus", sagte Clubsprecher Christian Bönig am Tag danach. Dafür spricht die Schilderung von Carsten Wolff: "Ich habe deutlich sehen können, wie VfB-Lübeck-Anhänger zunächst gemeinsam mit HSV-Chaoten versucht haben, in den Pauli-Block einzudringen. Sie wurden aber von der Polizei gestoppt." Danach sei die Lage eskaliert.

Der Zweitligist geht sogar so weit, dass er die Schuld für die Krawalle den Organisatoren und Sicherheitskräften zuschiebt: "Wir sind der Ansicht, dass durch massive handwerkliche Fehler der Polizei und der Veranstalter die Auseinandersetzungen verursacht worden sind", sagte St. Paulis Sicherheitschef Sven Brux am Montag auf einer Pressekonferenz des Kiez-Klubs. "Offensichtlich hat die Polizei die Lübecker Fans machen lassen. Ob bewusst, kann ich nicht sagen."

"Deutsche, wehrt euch, geht nicht zu Pauli"

Mirko Streiber von der Hamburger Polizei will diese Aussagen nicht stehen lassen: "Ich kann die Vorwürfe vom FC St. Pauli nicht nachvollziehen. Wir haben niemanden 'machen lassen', sondern lediglich reagiert. Fakt ist, dass es sowohl auf Hamburger, als auch auf Lübecker Seite eine kriminelle Minderheit gab, die Gewalt gesucht hat. Nur deshalb waren sie in der Halle. Davon kann sich auch der FC St. Pauli nicht frei machen. Wir wurden mit Eisenstangen und draußen vor der Arena von Pauli-Fans mit Steinplatten attackiert." Schlagstock- und Pfeffersprayeinsatz seien infolgedessen nur konsequent gewesen, so Streiber weiter zu stern.de.

In Fan-Foren ist von einem "Banner-Klau" zu lesen. Lübecker Ultras, seit Jahren mit St. Pauli verfeindet, sollen zwei Banner aus dem Hamburger Block entwendet haben. Daraufhin hätten sich Pauli-Anhänger gleich dutzendweise ihre Skimasken übergezogen und zurückgeschlagen. Im weiteren Verlauf des Turniers soll die Gruppe aus verbündeten HSV- und Lübecker Chaoten auch rassistische, antisemitische und homophobe Sprüche losgelassen haben, um so weiter zu provozieren. "Es fielen Sätze wie 'Deutsche, wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli'", berichtet Carsten Wolff.

Keine Garantie für Sicherheit

Knapp zwei Monate nach den Vorfällen am Rande des Pokalspiels zwischen Dortmund und Dresden, als Tausende gewaltbereite Dynamo-Anhänger in und um die Signal-Iduna-Arena wüteten und so fast für einen Spielabbruch sorgten, gibt es nun also erneut einen Gewalt-Exzess im deutschen Fußball. Dass es sich dieses Mal um eine Prügel-Orgie während der Winterpause, noch dazu bei einem spaßigen Hallenturnier, handelt, macht die Angelegenheit umso bedenklicher - und zeigt: Wann und wo immer sich gewaltbereite Fußballfans zu organisierter Randale verabreden, haben es Veranstalter und Polizei schwer, kurzfristig für Sicherheit zu sorgen.

Der Hamburger Fußball-Verband (HFV) hat bereits die Zukunft des Turniers infrage gestellt. "Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden für die Veranstalter dieses Turniers wird es in Zukunft schwer, unter solchen Voraussetzungen Sponsoren für derartige Veranstaltungen zu gewinnen", sagt HFV-Chef Dirk Fischer. Und fordert: "Die Täter müssen gefasst, bestraft und zur Schadenswiedergutmachung herangezogen werden." Für die Polizei steht das Ende der Veranstaltung so gut wie fest. "Nach diesen Erfahrungen sollte das Turnier nicht wieder stattfinden. Bei so massiver Gewalt ist die Sicherheit nicht zu gewährleisten", sagt Einsatzleiter Robert Golz. Carsten Wolff und seine Familie würden aber auch beim Fortbestehen des Fußball-Hallenturniers nicht wiederkommen: "Ich bin nicht lebensmüde."

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