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Ronaldinho: Comeback des Disco-Kings

Verbraucht und verdorben schien Weltstar Ronaldinho in Barcelona. Auf sich aufmerksam machte der Brasilianer meist nur mit Schlagzeilen über Disco-Besuche. Beim AC Mailand überrascht der 28-Jährige seit Saisonbeginn positiv, ist dort bester Mann und will gegen Wolfsburg gewinnen.

Von Julius Müller-Meiningen

Manchmal muss man ein Fußballerleben lang warten, um zu bekommen, was man will. Ronaldinho hat am Sonntag zum ersten Mal in seiner Karriere gegen Juventus Turin gespielt. Der AC Mailand verlor mit 4:2, doch Ronaldinho bekam am Ende, was er sich ersehnt hatte: das Trikot des von ihm verehrten Alessandro Del Piero. Es war ein besonderer Moment, als da der eine Weltstar das verschwitzte Leibchen des anderen erbat und es anschließend stolz wie ein kleiner Junge davontrug. Demütig und selbstbewusst zugleich wirkte Ronaldinho in diesem Moment. Vielleicht ist es diese neue Bescheidenheit, die seine erste Saison beim AC Mailand so gut hat beginnen lassen.

Milan-Trainer Carlo Ancelotti wunderte sich bereits über den Trainingseifer des 28-Jährigen. So etwas hatte man vom Brasilianer nicht gehört, der zuletzt beim FC Barcelona kaum noch spielte und vor allem wegen seiner Disco-Ausflüge von sich reden machte. Tanzen zu gehen gefällt Ronaldinho immer noch, aber nun klappt es auch auf dem Fußballplatz wieder.

Es hätte eine schöne Geschichte werden können im Spitzenspiel der Serie A: Ronaldinho bereitete gegen Juve den 1:1-Ausgleich des 18-Jährigen Alexandre Pato vor und legte wie immer in den bisherigen Spielen auffallend oft seinen Mitspielern den Ball auf, anstatt selbst den Abschluss zu suchen. Dann verlor der AC Mailand aber deutlich, ohne die verletzten Kaká und Gattuso, und Ronaldinho hatte zwar ein gutes, aber kein besonderes Spiel gemacht. Das passiert nicht oft zurzeit. In 13 Ligaspielen erzielte der Brasilianer bereits sieben Tore, dazu zwei in den bislang fünf Uefa-Cup-Partien. Am Mittwochabend muss der VfL Wolfsburg auf ihn achten. Ronaldinho ist damit der beste Torschütze seiner Mannschaft, die im Spiel nach vorne mit dem brasilianischen Dreigestirn Kaká, Ronaldinho und Pato unberechenbar geworden ist.

Gerade steckt die Mannschaft wegen ihrer schwachen Abwehrleistungen zwar in einem kleinen Tief. Doch Platz vier in der Tabelle der Serie A (neun Punkte Abstand auf Tabellenführer Inter Mailand) ist vor allem auch den Toren des 28-Jährigen zu verdanken. Ronaldinho sieht irgendwie sachlicher aus in den rot-schwarzen Streifen des Milan-Trikots als noch im spektakuläreren Rot-Blau des FC Barcelona. Und so spielt er auch, mannschaftsdienlicher. Die Divazeiten sind vorbei.

Wer konnte das schon ahnen, als Beobachter den Transfer im Sommer als großes Risiko einschätzten? Milan-Mittelfeldspieler Clarence Seedorf bezeichnete den Neuzugang als "Sahnehäubchen", mit dem aber nicht unbedingt eine neue Mannschaft aufgebaut werden könne. Das hat Milan nach den erfolgreichen Jahren (Champions-League-Sieger 2003 und 2007) und einer in die Jahre gekommenen Defensive um den 40-jährigen Paolo Maldini unbedingt nötig. Aber die Neueinkäufe wie der Franzose Mathieu Flamini (defensives Mittelfeld) oder der Schweizer Philippe Senderos (Abwehr) haben sich in Mailand noch nicht etablieren können. Der einzige Neue, der wirklich funktioniert, ist Ronaldinho.

Anscheinend liegt das vor allem am Vertrauen, das ihm von Verein und Fans entgegengebracht wird. "Ich fühle mich bei Milan als ein bedeutender Spieler, so wie alle meine Mitspieler auch", sagt Ronaldinho. "Jeden Tag läuft es besser." Trainer Ancelotti glaubt, es sei die "Wärme der Fans", die Ronaldinho beflügele. Dabei ist es wohl gerade die Fürsorge Ancelottis, die der Brasilianer braucht. Er dürfe ruhig in die Disco gehen, wenn er anschließend trotzdem gut spielt, sagt der Trainer. Ronaldinho selbst meint: "Ich bin ein stinknormaler Typ. Nach der Arbeit will ich Spaß haben. Zum Teufel mit den Moralisten!" Niemand will sich mehr über solche Sprüche aufregen - solange Ronaldinhos Leistungen stimmen.

In Mailand wissen sie, was sie an ihrem wieder auferstehenden Star haben. Der Transfer kostete zwar viel Geld (21 Mio. Euro) . Dafür sicherten sich 18.000 Tifosi unmittelbar nach Ronaldinhos Wechsel eine Dauerkarte. Mit durchschnittlich 60.000 Zuschauern hat der AC Mailand den besten Zuschauerschnitt der Liga. 50.000 Trikots mit Ronaldinhos Namen verkauften sich bereits, und acht neue Sponsoren werben nun bei Milan. Ronaldinho ist ein lohnendes Geschäft. Doch beinahe wäre der Deal geplatzt, gestand der Brasilianer in diesen Tagen. Manchester City hatte dem FC Barcelona 30 Mio. Euro und Ronaldinho ein prächtiges Gehalt geboten. Die Versuchung war groß, doch der Wille, bei Milan zu spielen, stärker. Ein "Modellklub" sei dieser Verein, hatten Ronaldinho schon die brasilianischen Vorgänger Cafu, Leonardo, Serginho berichtet. Neben (Ersatz-)Torhüter Dida, dem gerade neu eingekauften Abwehrspieler Thiago Silva, den Stürmern Pato und Kaká stammt auch Emerson aus dem südamerikanischen Land. "Mein kleines Brasilien", nennt Ronaldinho den AC Mailand deshalb. Noch ein Grund mehr, sich dort wohlzufühlen.

FTD

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