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Schalke-Krise: "System Rangnick" vor dem Scheitern

So richtig passte Ralf Rangnick eigentlich nie zu Schalke 04. Das Champions-League-Duell gegen Fenerbahce Istanbul wird für den Trainer jetzt zum Schicksalsspiel. Die Zeichen stehen auf Trennung.

Von Klaus Bellstedt

Jedes Jahr, wenn in Deutschland die Blätter von den Bäumen fallen, geht bei den Bundesliga-Trainern die Angst um. In schöner Regelmäßigkeit beginnen nach gut einem Drittel der Saison die "heißesten Stühle" der Branche zu wackeln. Gefallen ist bereits der von Wolfgang Wolf beim 1. FC Nürnberg. Damit hätte man rechnen können, gehört doch der Trainerjob beim "Club" traditionell zu den unsichersten der Liga. Dass aber Ralf Rangnick nach nur elf Spieltagen und vor dem richtungsweisenden Champions-League-Auftritt seiner Schalker gegen Fenerbahce Istanbul (Mittwoch, 20.45 Uhr) so ernsthaft um sein Amt bangen muss, war zu Beginn der neuen Spielzeit nicht abzusehen.

Mit Kuranyi, Rafinha, Larsen, Ernst und Bajramovic hat der Vizemeister fünf neue Stars geholt - für knapp 15 Millionen Euro Ablöse plus Handgelder. "Die beste Truppe der letzten zehn Jahre" (O-Ton Rudi Assauer) war angetreten, um endlich die von den Fans so lang ersehnten Meisterschaft in den Pott zu holen. Davon sind die Schalker im Herbst 2005 so weit entfernt wie die Kuh vom Tanzen. Die Situationsanalyse ist ernüchternd: Aus in der zweiten Pokalrunde nach dem desaströsen 0:6 bei Eintracht Frankfurt, in der Champions League noch ohne Sieg und auf nationaler Ebene schon jetzt gewaltige zehn Punkte hinter Spitzenreiter Bayern München - die "Königsblauen", sie taumeln immer tiefer in die Krise.

Zu viele Häuptlinge

Auf Schalke jagt deshalb eine Krisensitzung die nächste. Am Sonntag nach der 0:1-Niederlage im Verfolgerduell beim HSV mussten Führungsspieler wie Sand, Krstajic oder Bordon um 8.30 Uhr auf der Geschäftsstelle antreten. Die Vorstände Schnusenberg, Müller und Assauer wollten wissen, warum das Team nicht harmoniert. Ralf Rangnick war nicht dabei. Als sich die gesamte Mannschaft in der Umkleidekabine wenig später von der Führungsriege weitere Vorwürfe gefallen lassen musste, war schließlich auch der Trainer anwesend. Hinterher sprach man von einer Demonstration für Rangnick. "Wir wollten ihm zeigen, dass er nicht allein ist", sagte Teammanager Andreas Müller. Und genau darin liegt das Problem: Treueschwüre der Verantwortlichen pro Rangnick nach dem Motto "wir stehen hinter dir, Trainer", stoßen dem schon länger übel auf. Der 47-Jährige will gar nicht, dass jemand hinter ihm steht.

Wer Rangnick kennt, der weiß, dass er seinen Job wissenschaftlich und perfektionistisch betreibt. Der "Professor" ist deshalb auch kein Teamplayer - im Gegenteil: Schalkes Coach braucht im sportlichen Bereich die alleinige Entscheidungsgewalt, um erfolgreich zu sein. Bei seinen bisherigen Stationen in Ulm, Stuttgart und Hannover war das größtenteils auch so, auf Schalke weht bekanntermaßen ein anderer Wind. Knapp über ein Jahr ist der schwäbische Sturkopf bei den "Königsblauen" nun im Amt, aber so deutlich wie zum jetzigen Zeitpunkt wurde ihm wohl noch nie vor Augen geführt, dass das "System Rangnick" beim westdeutschen Traditionsklub nicht funktionieren kann. Nach seinem Geschmack tummeln sich in seinem Hoheitsgebiet - angeführt von Rudi Assasuer - immer noch zu viele Häuptlinge.

Rangnick erreicht das Team nicht mehr

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Ralf Rangnick das Kapitel "Schalke" deshalb längst abgeschlossen hat. Anders ist die stoische Ruhe, die der Trainer gegenüber der Öffentlichkeit vorführt, wohl kaum zu erklären. Seine Durchhalteparolen vor dem Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Istanbul klingen jedenfalls stark nach Resignation: "Wir müssen dieses Endspiel gewinnen", sieh an! Rudi Assauers Äußerungen nach der Niederlage in Hamburg ließen erahnen, wie wenig sich Rangnick und Team noch zu sagen haben. Es werde, sagte der Manager, für den Coach immer schwieriger, die Mannschaft zu erreichen. Anweisungen aus der Teamsitzung seien in keiner Weise umgesetzt worden. Schlechter könnten die Voraussetzungen also nicht sein, um den drohenden Champions-League-Knockout zu verhindern und damit weiteres Ungemach sowohl in sportlicher als auch in finanzieller Hinsicht vom Klub abzuwenden. Ralf Rangnick und der FC Schalke 04 - doch alles nur ein Missverständnis? Vieles spricht dafür.

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