Schiedsrichter "Die Grenze ist überschritten"


Wie noch nie wird im Fußball gegen Schiedsrichter gehetzt. Urs Meier, einer ihrer Besten, über Morddrohungen und Sperren für gewissenlose Trainer.

Die Fußballwelt ist erschüttert, dass Ihr ehemaliger Kollege Anders Frisk plötzlich seine Karriere beendet, nachdem er Morddrohungen von englischen Fanatikern erhalten hat. Können Sie Frisks Reaktion nachvollziehen?

Ich denke, das war ein Hilferuf. Er wollte ein Zeichen setzen, ein Zeichen, dass der Bogen überspannt ist.

Haben Sie Kontakt zu ihm?

Ich habe ihm E-Mails geschrieben, aber er hat sie noch nicht beantwortet. Im Moment bricht alles über ihm zusammen. Er ist erst 42, er hatte noch eine WM vor sich, er wäre sicher ein Favorit gewesen für das Finale 2006. Und so ein Mann hört von einem auf den anderen Tag auf.

Vergangenen Sommer, ein halbes Jahr bevor Sie aus Altersgründen Ihre internationale Karriere beenden mussten, haben Sie nach dem EM-Spiel England gegen Portugal etwas Ähnliches erlebt: Die britische Boulevardpresse hetzte aufs Übelste gegen Sie.

Da bist du plötzlich einem Feldzug ausgesetzt, der nicht nur auf dich persönlich zielt, sondern auf die Familie, das Umfeld, das Geschäft - auf die Existenz. Man wollte mich als Betrüger darstellen. Sie haben meine Ex-Frau fotografiert und gesagt: Erst hat er die Frau beschissen, dann England. Sie haben drei Tage lang unser Dorf belagert, waren beim Bäcker, beim Metzger. Sie wollten mich fertig machen.

Man hat eine gewaltige England-Flagge neben Ihr Haus gelegt, so als wollte man es als Ziel markieren. Fühlten Sie sich zum Abschuss freigegeben?

Es war, als wäre eine Meute Jäger hinter mir her. Ich war nicht mehr ich selbst, ich war unruhig, schwach, sensibel. Ich hatte richtig Angst. Die Kinder haben geweint. Du hast dauernd ein mulmiges Gefühl, schaust morgens unters Auto, bevor du einsteigst. Zwei bewaffnete Polizisten haben mein Haus bewacht. Man riet mir unterzutauchen. Ich habe mich dann in den Bergen versteckt.

Auch drei französische Schiedsrichter wurden bedroht - sie pfeifen dennoch weiter. Hat Frisk mit seinem Abschied nicht das falsche Zeichen gesetzt?

Nein. Er hat einfach nur die Notbremse gezogen. Ein paar Monate zuvor war er in Rom, von einer Münze am Kopf getroffen, blutend vom Platz gegangen. Ich habe danach mit ihm gesprochen, und er sagte, er wolle kämpfen. Aber diese Sache mit Chelsea war dann zu viel (siehe Kasten "Der Rücktritt"). Uns allen muss jetzt bewusst sein, dass der Fall Frisk eine Zäsur im europäischen Fußball ist: Es werden Kampagnen gegen einzelne Schiedsrichter geführt.

Chelsea-Trainer José Mourinho, der Frisk diffamiert hat, wird für seine Psychotricks sogar bewundert.

Das ist ja das Schlimme. Aber das ist ein gesellschaftliches Problem - dass Betrüger gelobt werden. Wir müssen Maßnahmen ergreifen gegen diese Leute, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und in der Öffentlichkeit Schiedsrichter diskreditieren. Ich bin mit dem deutschen Schiedsrichter-Obmann Volker Roth absolut einer Meinung: Leute wie Mourinho sind Feinde des Fußballs. Wenn man die Unparteiischen so systematisch schwächt, geht das gegen den Sport.

Offenbar ist es das Kalkül von Mourinho.

Wenn es so ist - umso schlimmer. Wenn er damit Erfolg hat, wird er kopiert, dann kriegen wir bald noch drei, vier Mourinhos auf den Fußballplätzen Europas.

Also, was tun?

Harte Strafen. Mit Geldbußen kommt man nicht weiter, die zahlt Chelsea-Besitzer Abramowitsch doch aus der linken Manteltasche für seinen Coach, wenn der damit Erfolg hat. Nein, eine Strafe muss wehtun. Das habe ich schon nach meinem Fall gesagt - aber jetzt muss etwas geschehen. Man muss einen Klub, einen Verband zwingen, Stellung zu nehmen. Ansonsten muss man Sperren aussprechen. Wenn der Trainer im Viertelfinale gegen den FC Bayern nicht auf der Bank sitzen darf, wird ihn das schmerzen. Oder ein Klub oder ein Landesverband bekommen einen Punkteabzug. Eine Nationalmannschaft würde dann in die nächste Qualifikation mit drei oder sechs Minuspunkten starten. Ebenso Chelsea in der nächsten Gruppenphase der Champions League. Das kostete den Verein dann keine 30 000 Euro mehr, sondern 30 Millionen, wenn's schlecht läuft.

Glauben Sie, dass es noch eine Strafe geben wird für Mourinho?

Das will ich hoffen.

Fehlt den Schiedsrichtern der institutionelle Schutz?

Eigentlich nicht. Speziell der europäische Verband UEFA hat immer umgehend reagiert und streng sanktioniert. Da haben wir Rückendeckung gespürt, auch wenn mal ein Spiel danebenging. Aber seit etwa einem Jahr loten Spieler, Trainer, Vereine die Grenzen aus. Die sind zwar längst überschritten, aber es passiert nichts. Deswegen ist es so dringlich, dass die Verbände etwas unternehmen, Leitplanken setzen. Das ufert sonst weiter aus.

Ist der Respekt verloren gegangen?

Auf dem Platz noch nicht. Aber im Umgang miteinander nach dem Spiel. Da kommen die Beschimpfungen. Speziell bei Ihnen in Deutschland wird seit dem Hoyzer-Skandal jede Entscheidung der Schiedsrichter in Zweifel gezogen, das führt zu Verunsicherung. Die Kollegen stehen unter einem noch größeren Druck. Man sieht, wie ein paar schwarze Schafe die Glaubwürdigkeit einer ganzen Gilde erschüttert haben.

Können elektronische Hilfen Objektivität in die Diskussion zurückbringen?

Man hört Wunderdinge über einen Mikrochip, der in den Ball implantiert wird, um festzustellen, ob er nun hinter der Torlinie war oder nicht. Wenn es stimmt, dass es dabei eine Maximalabweichung von drei oder vier Millimetern gibt, dann muss ich sagen: genial. Gerade die Frage: "Tor oder nicht?" ist so elementar und gleichzeitig so schwer zu beurteilen - speziell, wenn ein Ball in der Luft ist. Da kommt es immer auf die Sicht an, sowohl für den Schiedsrichter wie für den Assistenten. Wenn uns die Technik bessere Möglichkeiten bietet, dann sollten wir sie auch einsetzen. Wir haben bei den letzten Turnieren solch ein Glück gehabt, dass es kein Wembley-Tor gab.

Deswegen entwickeln auch die Deutschen so einen Ball - die sind traumatisiert.

Eben. Anders sehe ich das in der Frage des Videobeweises. Davon halte ich nichts. In Deutschland sind in Umfragen 75 Prozent der Fans dafür. Aber wie soll das denn gehen? Wenn ich fälschlicherweise Abseits gepfiffen habe, soll ich dann die Spieler wieder auf ihre Positionen zurückstellen und sagen: So, jetzt spielt weiter, als wäre nichts gewesen? Sie wissen doch selbst, dass Bilder verfälschen können. Und dann: Welche Bilder zeigt mir der Regisseur? Aus der einen Perspektive sieht eine Situation nach Schwalbe aus, aus der anderen würde man Elfmeter geben. Dann kommt's darauf an, zu welcher Mannschaft der Regisseur hält.

In modernen Stadien werden auf Großleinwänden Szenen in Zeitlupe gezeigt - heizt das nicht das Publikum unnötig auf?

Das ist eine Grauzone. Man kann schöne Tore zeigen, aber keine strittigen Szenen. Wenn die Stadionregie mit dieser Verantwortung nicht umgehen kann, muss man es verbieten. Ich bin auch dafür, Monitore vom Spielfeldrand zu verbannen. Die vergiften die Atmosphäre, und die Schiedsrichter geraten unglaublich unter Druck.

Man wird in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass Schiedsrichter ein Scheißjob ist.

Ich finde, es ist das schönste Hobby für einen jungen Mann oder eine junge Frau.

Ihre Lebensgefährtin Nicole Petignat ist auch Schiedsrichterin.

Sie ist die erste Frau, die zwei UEFA-Cup-Spiele geleitet hat, sie ist eigentlich schon die Schiedsrichterin.

Aber noch mal: Macht ihr und den Kollegen das Pfeifen derzeit noch Spaß?

Den meisten schon. Unter Fehlentscheidungen leidest du als Schiedsrichter zwar eine ganze Woche lang, machst dir Vorwürfe, aber die Kunst ist: Du musst deine Fehler akzeptieren, sonst landest du in der Klapsmühle. Und: Diesen Druck, den Vereine haben, Nationalmannschaften, den darfst du nicht auf dich selbst laden. Ich habe die schwierigen Spiele geliebt, da habe ich eigentlich auch nie Fehler gemacht, weil du so konzentriert bist. Du musst dir einfach sagen: He, da spielt Rot gegen Weiß. Und jetzt lasst uns das Spiel genießen!

Wie bitte? Sie konnten als Schiedsrichter Spiele richtig genießen?

Natürlich. Zum Beispiel das Tor von Zinedine Zidane im Champions-League-Finale 2002 Real Madrid gegen Bayer Leverkusen.

Jeder normale Fan flippt bei so einem Treffer aus. Wie bewahren Sie die Contenance?

Du applaudierst natürlich nicht - aber du bläst schon anders in die Pfeife. Das ist nicht Freude für Real Madrid, sondern Begeisterung an der reinen Schönheit.

Markus Götting print

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