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Sepp Maier: "Gefreut habe ich mich nicht"

Wie ganz Fußballdeutschland war Bayern-Torwarttrainer Sepp Maier überrascht, als Jürgen Klinsmann von den Bayern als Nachfolger Ottmar Hitzfelds präsentiert wurde. Im stern.de-Interview äußert der 63-Jährige Zweifel an Klinsmanns Reformkräften - und macht aus seinem Unmut keinen Hehl.

Herr Maier, Hand aufs Herz. Was haben Sie gedacht, als klar war, dass Jürgen Klinsmann im Sommer neuer Bayern-Trainer wird?

Damit hat sicher keiner gerechnet, auch nicht im engeren Bayern-Umfeld. Da ist niemand, außer dem Vorstand, eingeweiht gewesen. OK, der Name ist vorher in Gesprächen gefallen, mehr aber auch nicht.

Was erwarten Sie vom neuen Bayern-Trainer?

Er muss wissen, dass Nationaltrainer und Vereinstrainer zwei paar Stiefel sind. Das Geschäft in Vereinen ist wesentlich härter, da muss er sich drauf einstellen. Der FC Bayern ist ein gewachsener Verein. Da versteht der Vorstand viel vom Fußball. Es ist nirgendwo so stark wie hier, dass eine eigene Meinung vorherrscht. Das könnte zum Problem werden, gerade wenn es mal nicht so läuft. Am schwierigsten wird es sein, mit dem täglichen Medienrummel in München zurechtzukommen. Das weiß er aber auch, immerhin war er zwei Jahre als Spieler hier. Es ist Teil des Geschäfts. Hier sind jeden Tag fünf bis zehn Journalisten auf dem Trainingsgelände, am Freitag 30.

Erwarten Sie eine komplette Erneuerung der Trainingsstruktur?

Ich habe 20 Jahre als Torwart hier gespielt, bin nun seit 22 Jahren Torwarttrainer. Da bekommt man einiges mit. In dieser Zeit haben sich schon öfter die Trainingsinhalte geändert. Das ist normal, wenn ein neuer Trainer kommt. Wir haben jetzt doch auch schon einen riesigen Trainerstab mit sieben Experten. Da ist der FC Bayern schon federführend. 25 Spieler zu trainieren kann einer alleine nicht schaffen, diese Erkenntnis ist nicht neu. Wir arbeiten schon lange mit Experten zusammen, einer für das Warmmachen, einer für die Stabilisierung. Nur ein Pfarrer fehlt noch.

Dennoch gilt Klinsmann seit der Modernisierung des DFB unter seiner Zeit als Bundestrainer vielen als der große Reformapostel.

Er muss sich hier erst einmal profilieren. Fakt ist: Er findet ein hervorragendes Umfeld vor, da muss nicht viel verändert werden. Zunächst ist wichtig, dass er mit den starken Männern im Verein kann. Der Umgang mit den Spielern ist ebenso wichtig. Man muss permanent die gute Stimmung hochhalten. Da muss er aufpassen. Es sind hier immer die gleichen Mechanismen: Verliert der FC Bayern drei Spiele in Folge, gibt es Ärger. Hier wird jedes Jahr ein Titel erwartet.

Wie würden Sie die Ära des scheidenden Trainers Ottmar Hitzfeld bewerten?

An seine Leistungen für den Verein muss jeder neue Coach erst einmal ranreichen. Es war für alle hier eine schöne, erfolgreiche Zeit. Hitzfeld ist ein wahrer Gentleman: Freundschaftlich, aufrichtig und kollegial. In Großbritannien würde er zum Sir geadelt werden.

Zwei weitere Bayern-Legenden hören im Sommer auf. Oliver Kahn hängt sein Torwarttrikot in den Schrank, und Sie beenden Ihre Tätigkeit als Torwarttrainer.

Das Ganze ist eine extreme Belastung für den Körper und die Nerven. Michael Rensing wird sich schnell etablieren und auf alle Fälle die Nummer eins beim FC Bayern werden.

Wer soll Ihrer Meinung nach die Nummer eins bei der EM sein?

Jens Lehmann wird es wohl werden. Er muss aber ebenso wie Timo Hildebrand aufpassen, weil Robert Enke kontinuierlich gute Leistungen bringt. Ansonsten drängt sich keiner auf. Lehmann braucht aber Praxis im Verein, dann wird er auch spielen. Immerhin hat er gute Qualifikationsspiele gemacht. Wenn er im Tor steht, ohne im Verein zu spielen, werden sich die anderen beiden aber auf den Schlips getreten fühlen und sauer sein.

Der FC Bayern startet als Tabellenführer in die Rückrunden und gilt mit seinem Topkader als absoluter Favorit auf die Meisterschaft. Wie ist die Stimmung im Team?

Spitzenmäßig. Es ist auch gut, dass die Trainerpersonalie früh entschieden wurde. So kann sich jeder drauf einstellen.

Hätten Sie es sich vorstellen können, unter Klinsmann zu arbeiten? Immerhin haben Sie ihn 2006 als "linken Vogel" bezeichnet, wegen dessen Ausbootung von Kahn als Stammkeeper der deutschen Nationalmannschaft.

Wir sind nicht die besten Freunde, das ist bekannt. Gefreut habe ich mich über die Entscheidung, dass er Bayern-Trainer wird, nicht. Ich wünsche ihm trotzdem alles Gute.

Interview: Martin Sonnleitner

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