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Tag der Legenden Wiedersehen mit Kinderträumen


Rund 70 ehemalige Fußballstars dreier Generationen trafen sich am Hamburger Millerntor zum Kick für einen guten Zweck. Beim "Tag der Legenden" zauberten Welt- und Europameister gegen lokale Legenden der Hansestadt, von denen nicht wenige selber einst weltberühmte Fußballer waren.
Von Martin Sonnleitner

Das Hamburger Millerntor hat schon so einige geschichtsträchtige Ereignisse auf dem Buckel. Nun war es wieder soweit. Beim “Tag der Legenden“, der dritten von Fernseh-Moderator Reinhold Beckmann initiierten Aktion zugunsten sozial benachteiligter Jugendlicher, trafen sich Fußballstars dreier Generationen im Stadion des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli zum Kick ums runde Leder.

Ein herrlicher Sonntagmittag in der Elbmetropole. 13 Uhr. Die Sonne funkelt direkt durch die Fenster des letzten noch stehenden Teils vom Klubheim des FC St. Pauli. Demnächst wird hier, auf dem Hamburger Kiez eine futuristische Arena mit neuen, zeitgemäßen Gesängen den Fußball der Zukunft abbilden.

Basler-Bashing

“Tag der Legenden“, großes Kino am Millerntor. "Gold" von Brian Ferry wabbert aus den Stadionboxen und erinnert an die achtziger Jahre. Die beiden Busse mit Kicker-Idolen aus drei Generationen sind noch nicht vorgefahren. Fans und Reporter lauern aufgeregt, um die besten Sicht- und Interview- oder Kameraplätze zu ergattern.

Lou Richter, bekannter TV-Mann, wird als Stadionsprecher “Mister Sportschau“ Heribert Fassbender zur Seite stehen. “Es ist ein Wiedersehen mit Kinderträumen“, freut sich Richter über die 70 geladenen Ex-Stars. Und meckert: “Mario Basler hat dreimal zugesagt, jetzt kommt er schon wieder nicht. Dann sich drüber zu beschweren, dass es im heutigen Fußball keine echten Typen mehr gibt, geht nicht.“

Da steht schon mal ein Local-Hero. André Trulsen, Co-Trainer beim FC St. Pauli. Ob er denn auch eine Legende sei? Lachen. Ja was? Immerhin aus Hamburger Sicht, schließlich kickt heute eine internationale Legendenauswahl gegen Hamburger Fußballhelden der Vergangenheit. “Ich denke schon, dass ich in meiner Karriere einiges erreicht habe“, sagt “Truller“ ganz unprätentiös, dennoch stolz.

Elber mag Poldi

Da rauscht der erste Bus an. Zunächst lugt der einstige Top-Schiedsrichter Bernd Heynemann aus der Beifahrertür. Da hoppeln auch schon Stig Töfting, Michael Rummenigge, Karlheinz Riedle und Rüdiger Abramczik aus dem Gefährt. Dort drüben ist Horst Eckel, Weltmeister von 1954. Klaus Fischer, mit 182 Toren hinter Gerd Müller zweitbester Torschütze der Bundesliga aller Zeiten, doziert sofort über die Kunst des richtigen Fallrückziehers: “Den muss man können, um ihn zu machen“, so Fischer. Eckel hebt hingegen auch Spieler, die nie Weltmeister geworden sind, in den Rang einer Legende: “Es gibt keine halben Legenden.“

Drüben eine Traube. Spaßbombe a.D. Giovane Elber am Mikrofon. Auch er engagiert sich im fernen Brasilien, seiner Heimat, für notbedürftige Kinder. “Spaßvögel sind wichtig für die Mannschaft, bei allem Ernst des Geschäfts“, so der beste ausländische Bundesliga-Torschütze aller Zeiten. Elber glaubt: “Podolski ist als Spaßvogel auf dem besten Wege, in meine Fußstapfen zu treten, auch wenn er kölsch spricht.“

Eine andere rheinische Frohnatur, der pfundige Pfundskerl Reiner Calmund (spielte nicht mit), einst Manager bei Bayer Leverkusen, erwähnt “eine schöne Geschichte für einen guten Zweck“ und freut sich schon auf “die dritte Halbzeit“. Ein wenig intellektueller referiert Helmut Schulte (Trainer Team Hamburg), Nachwuchskoordinator bei Schalke 04, über die Pfundskerle von heute: “Da ist alles stromlinienförmiger. Die Beobachtung in der Öffentlichkeit ist viel größer, trotzdem gibt es Kerle. Legende wird man sowieso erst, wenn man tot ist. Eine lebende zu sein, ist eine echte Herausforderung.“ Schulte differenziert: “Es gibt lokale Legenden, dann gibt es internationale und Weltmeisterlegenden.“

Alle wollen Loddar

Da, endlich: Eine ultimative WM-Legende. Rudi Völler. Was fragt man diese grau gelockte Fußball-Ikone überhaupt (“es gibt nur einen…“)? Stichwort Legende: “Das darf man in der Mediengesellschaft alles nicht so ernst nehmen.“ “Ist Waldemar Hartmann eine Reporterlegende?“ “Immer!“ Rudi schmunzelt. Nun bei “Schiri-Legende“ Walter Eschweiler. “Die mag es geben, vielleicht lerne ich mal eine kennen“, fährt die einstige “Pfeife der Nation“ die aufkeimende Euphorie gekonnt runter. Der gelernte Diplomat im Auswärtigen Amt klärt auf: “Der Schiedsrichter ist nicht der Vorgesetzte der Spieler, sondern Mittler der Regel.“ Aha.

Auch Rudi Kargus, in den Siebzigern als Torwart des Hamburger SV zum Elfmeter-Töter geadelt, hält die Pille flach. “Wir sind im Gedächtnis geblieben, weil es damals noch nicht so eine Häufung von Spielen im Fernsehen gab wie heute“, glaubt Kargus. Interessantes Referat über kollektives Erinnerungsvermögen vom nun Bilder malenden Künstler.

Szenewechsel: Lothar Matthäus ist gekommen. 45 von geschätzten 50 Reporterkollegen drängeln um die besten Bilder und Zitate. Was soll der Rekordnationalspieler und Weltmeister von 1990 da machen? Er schaut eitel drein und schweigt erhaben, bevor er an der Seite von Andreas Brehme in die Umkleidekabine entschwindet. Toni Polster weiß indes, dass es auch jenseits der Alpen Legenden gibt: “Matthias Sindelar, Hans Krankl, Herbert `Schneckerl’ Prohaska!“ Noch Fragen? Nein!

Anthony Yeboah. “Das Wort Legende auf ghanaisch, bitte?“ Buchstabieren wollte er es dann aber nicht. Legenden in Ghana? “Abédi Pelé und andere.“ “Ja, Tony Yeboah.“ Stolzes, bescheidenes Lachen des Ashanti-Kriegers, einst sagenumwobener Sturmtank bei Eintracht Frankfurt und beim HSV.

Krumme Bananenflanke

Intellektuelles dann mit Corny Littmann, Hamburger Theatermacher und als Präsident des FC St. Pauli Hausherr der Veranstaltung: “Legenden sind unvergessene Darsteller, die sich in der Vergangenheit Ruhm verschafft haben und heute immer noch in Erinnerung sind.“ So wie Felix Magath, dessen Titelsammlung als Trainer und Spieler in der Summe schier als triumphal zu bezeichnen wäre. Nun blockt er lästige Reporterfragen gewohnt mürrisch ab

15.15 Uhr, Anpfiff. Das Team Hamburg besticht durch die beiden agilen Ex-HSVer Bruno Labaddia (heute Trainer bei der SpVgg Greuther Fürth) und Töfting, der immer noch in der dänischen ersten Liga spielt. Das Team Deutschland hält mit der Erfahrung von geschätzten 1000 Länderspielen dagegen. Vorher hatte Eckel die 14.192 Zuschauer (ausverkauft) beim Einlaufen begeistert. Der 75-Jährige, der wegen einer Wadenverletzung allerdings passen musste, war ohne Fehl- und Tadel, leichtfüßig die Holzrampe auf den grünen Rasen hinuntergespurtet.

Nach einer Menge Gaudi trennten sich die Lokalmatadore von Matthäus und Co mit 5:4. Höhepunkte: Eine krumme, leider misslungene Bananenflanke von Manfred Kaltz und Brehmes erster Schuss, der knallhart das Kreuz eines Gegners statt den Mitspieler erreichte. Auch ein langer Ball von Verteidiger Matthäus erregte ein nostalgisches Raunen auf den Rängen. “Die Hamburger waren einfach stärker. Jünger, fitter und zudem in der Mehrzahl“, rekapitulierte “Deutschland“-Coach und Trainer-Guru Rudi Gutendorf.

Hansi Müller gab nach dem Duschen noch freundlich, doch ein wenig eitel ein Interview, da war der erste Bus auch schon wieder weggerauscht. Eigentlich ganz nette Kerle, die Idole von einst. Fußballer halt. Noch ein paar Plausche hier und da, dann war auch der zweite Bus weg. Es war der Bus mit dem Kennzeichen: B-WM 2006.


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