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Trainer-Entlassung beim HSV: Die Opferung des Kuschel-Coaches

Thomas Doll ist nicht mehr Trainer beim HSV. Nach dem Unentschieden gegen Cottbus wurde der einstige Lieblingsspieler von Stasi-Chef Erich Mielke vom Vorstand entlassen. Viel zu spät, weil der Trainer-Sympathikus eine Mitschuld an der sportlichen Misere trägt - auch wenn die Hauptverantwortung eigentlich andere übernehmen müssten.

Von Klaus Bellstedt

Waren das noch Zeiten! Als Nachfolger von Klaus Toppmöller übernahm Thomas Doll 2004 den Cheftrainer-Posten beim Bundesliga-Dino. Der ehemalige Weltklassespieler vom BFC Dynamo, der nach der Wende ja selbst noch als Spieler im Trikot der "Rothosen" für Glanz im alten Volksparkstadion sorgte, führte das Team zunächst bis in den Uefa-Cup und in der darauf folgenden Saison gar in die Champions League. Heute, nur ein knappes halbes Jahr später, liegt der - ob seiner ewigen Bundesligazugehörigkeit vielleicht traditionsreichste Club der Bundesliga - in Trümmern. Auch wegen Thomas Doll!

Der Trainer hat Fehler gemacht, "menschelnde" Fehler. Mit seinem kumpelhaften Auftreten gegenüber den Spielern wollte er denen signalisieren: "Seht her, ich bin auch einer von euch, vor mir braucht keiner Angst zu haben." Kuschel-Coach Doll hatte mit dieser Methode zunächst auch Erfolg. Als der aber plötzlich ausblieb, verpasste es der Trainer, die Zügel rechtzeitig wieder anzuziehen. Ausgebuffte Profis nutzen so etwas eiskalt aus. Erst nach der völlig verkorksten Hinrunde war der 40-Jährige bereit, seinen Arbeitsstil zu ändern. Doll kündigte für die Rückserie eine "Null-Toleranz-Politik" an. Viel zu sehen, war davon allerdings nicht.

Keine geglückte Integration der Neuen

Zwei aktuelle Maßnahmen, die belegen, dass Dolls Maßnahmen einmal mehr nicht aufgingen: Der Coach hatte im Schicksalsspiel gegen Cottbus nach nur drei Trainingseinheiten den begnadigten, aber längst nicht fitten Thimothee Atouba ebenso in die Startelf beordert wie Neuzugang Ivica Olic nach nur einer Einheit mit den neuen Kollegen. So etwas kann nicht klappen. Fast schon logisch, dass beide Spieler beim 1:1 nicht über Ansätze hinauskamen. Und noch etwas muss sich der geschasste Trainer vorwerfen lassen: Nicht mal im Ansatz ist es ihm gelungen, innerhalb eines halben Jahres eine neue Teamstruktur beim HSV zu schaffen. Diese war allerdings erst nötig geworden, weil andere im Club, namentlich der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann und Sportdirektor Didi Beiersdorfer, mit abenteuerlichen Personalentscheidungen das natürlich zusammengewachsene Mannschaftsgefüge zerstört hatten.

Hoffmann war es, der sich ins eigene Fleisch schnitt, als er mit Van Buyten und Boulahrouz die eingespielte Innenverteidigung verscherbelte, der Führungsspieler wie Barbarez und Beinlich ziehen ließ. Neue gleichwertige Spieler wurden dafür zwar an die Elbe geholt, von geglückter Integration der Sorins, Mathijsens, Sanogos oder Ljubojas konnte und kann aber nach wie vor nicht gesprochen werden. Doll hat auch an dieser Stelle versagt, wobei man fairerweise niemals vergessen sollte, dass er in diese schwierige "Kader-Zusammenstellungs-Situation" erst gebracht wurde.

Hoffmann und Beiersdorfer müssen beten

So bleibt die Trainerentlassung von Hamburg eigentlich eine bittere Niederlage für die gesamte aber mittlerweile gesprengte Führungs-Troika Hoffmann-Beiersdorfer-Doll. Das schwächste Glied, bla bla, bla... so ist das halt im Fußballgeschäft. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass das schlechte Gewissen für eine völlig verfehlte Personalplanung mit jeder weiteren Niederlage das übrig gebliebene Duo mehr plagen wird. Hoffmann und Beiersdorfer werden versuchen, die Sache auszusitzen. Sie werden nicht ihren Hut nehmen, sondern jede Nacht beten, dass sich mit einem neuen Coach der Erfolg so schnell wie möglich wieder einstellen wird. Ob ihr Verbleib für das Gesamtwohl des Traditionsvereins allerdings zuträglich ist, darf nicht erst seit heute bezweifelt werden.

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