U21-Europameister Auf wen Löw nicht mehr verzichten kann


Deutschlands U21 ist Europameister. Erste Stimmen sprechen bereits von einer neuen Goldenen Generation. Aber sind die Youngster wirklich schon soweit, dass sie dem A-Team - gerade auch im Hinblick auf die WM 2010 in Südafrika - helfen können? Aber sicher!
Von Klaus Bellstedt

Deutschlands U21 hat sich bei der EM in Schweden in den Fußball-Himmel geschossen. Mit einer beeindruckenden Mannschaftsleistung wurden die hoch eingeschätzten Engländer mit 4:0 zurück auf die Insel geschickt. Das DFB-Team hat den ranghöchsten Wettbewerb der Junioren gewonnen. Das macht Hoffnung für die Zukunft. Schon gibt es erste Stimmen, die von einer neuen Goldenen Generation sprechen. Aber sind die Spieler der U21 wirklich schon so weit, dass sie der A-Nationalmannschaft - gerade auch im Hinblick auf die WM 2010 in Südafrika - helfen können? Aber sicher! Wir schlagen Bundestrainer Joachim Löw fünf Kandidaten für die Stammelf vor.

Manuel Neuer: Der Torwart der Europameisterelf hat in Schweden bewiesen, dass er zu den stärksten Keepern Deutschlands zählt. Vielleicht ist er sogar schon der Stärkste. Im Halbfinale gegen Italien, aber auch im Gruppenspiel gegen den späteren Finalegegner England lieferte der Schalker jeweils Weltklasseleistungen ab. Tolle Reflexe auf der Linie, ungemein sichere Strafraumbeherrschung und immer schon gedanklich einen Schritt weiter. Neuer exerziert ein Torwartspiel modernster Prägung. Und noch etwas unterscheidet Neuer von anderen Torhütern und das ist möglicherweise der entscheidende Vorteil gegenüber Enke, Wiese und Adler: Er hat in Sachen Ausstrahlung einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht. Er lenkt seine Vorderleute wie einst Oliver Kahn. Diese positive Aggressivität konnte man während der EM immer wieder beobachten. Im Finale gegen England stürmte der Goalie beispielweise nach einer Schlafmützigkeit von Höwedes 20 Meter aus seinem Kasten und wies seinen Schalker Teamkollegen energisch auf seinen Fehler hin. Aber nicht pöbelnd, sondern ruhig und bestimmend. Keine Frage: Manuel Neuer hat das Zeug zum Stammspieler bei Jogi Löw.

Jerome Boateng:

In den ersten beiden Spielen der EM in Schweden schaffte Jerome Boateng auf seiner Lieblingsposition nacheinander zwei Bestmarken, von denen Innenverteidiger nur träumen können. Als er im ersten Spiel gegen Spanien Barcelonas Wunderkind Bojan Krkic zur Bedeutungslosigkeit verurteilte, blieb er als einziger Feldspieler ohne Foul im gesamten Spiel. Beim 2:0-Sieg gegen Finnland gewann er 100 Prozent seiner Zweikämpfe. Der hoch veranlagte Boateng hat eine stoische Ruhe in seinem Abwehrspiel, seine Präsenz und Schnelligkeit sind enorm. In der Innenverteidigung der A-Nationalmannschaft ist Per Mertesacker für die WM ganz klar gesetzt. Aber daneben? Westermann, Tasci, Friedrich, Metzelder? Vor keinem aus diesem Quartett muss sich der HSV-Profi verstecken. Im Gegenteil! Und auch das Image des Problemspielers trifft auf Jerome Boateng schon lange nicht mehr zu. Während sein Halbbruder Kevin-Prince in der Rückrunde bei Borussia Dortmund immer wieder mit Ruppigkeiten auffällig wurde, in Schweden fehlte und vor einer ungewissen Zukunft steht, ist der jüngere der Boatengs unglaublich gereift.

Andreas Beck:

Schnell, offensivstark, technisch versiert - und neuerdings auch torgefährlich: Andreas Beck, der zugegeben noch leichte Schwächen im Defensivstellungsspiel besitzt, gehört ohne Frage zu den weiteren Gewinnern dieser U21-Europameisterschaft. Irgendwie erinnert Beck in seinem Spiel mehr und mehr an Philipp Lahm. Vielleicht ist der Hoffenheimer mit den westsibirischen Wurzeln sogar noch ein Stückchen bissiger. Beck gibt nie einen Zweikampf verloren und beackert die rechte Außenbahn wie ein wild gewordenes Rennpferd. Lahm und Beck als Flügelzange bei der WM 2010 in Südafrika - das hätte Charme. Eines ist jedenfalls klar: Weder Arne Friedrich, noch Clemens Fritz oder Andreas Hinkel stehen leistungsmäßig vor Andreas Beck.

Sami Khedira:

Der Kapitän der Europameistermannschaft gilt als Vorzeigespieler der neuen Fußball-Generation und hat glänzende Perspektiven in Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Khedira ist im defensiven Mittelfeld angesiedelt, doch wichtig ist er vor allem wegen seiner Offensivqualitäten. Er bringt Symmetrie ins Spiel und kann richtig gut Fußball spielen. Kurzum: Der Mann besitzt Leaderqualitäten. Eine Eigenschaft, die im A-Team gerne gesehen wird. Das Problem: Mit dem wieder erstarkten Torsten Frings, sowie Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger, mit dem Khedira beim VfB Stuttgart seit dem Amtsantritt von Teamchef Markus Babbel eine starke "Doppel-Sechs" bildet, ist die Konkurrenz in der Nationalmannschaft enorm stark. Khedira wird wohl noch ein bisschen auf seine Chance warten müssen. Aber dann muss er da sein und Joachim Löw zeigen, dass an ihm in Hinblick auf die WM in Südafrika kein Weg vorbeigeht.

Mesut Özil:

Wie schon im DFB-Pokalfinale, das er mit seinem Siegtreffer für Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen entschied, war Mesut Özil auch diesmal im U21-Endspiel der entscheidende Akteur. Der Deutsch-Türke erzielte einen Freistoßtreffer und bereitete zwei weitere Tore zum 4:0-Erfolg vor. Aber das ist ja nur die halbe Wahrheit. Wenn Özil sein Potenzial ausschöpft, ist er einfach genial. Er macht Dinge, die nur ganz wenige Spieler beherrschen. Besser als der quirlige Bremer kann man die Pässe nicht spielen. Das Einzige, was Özil noch fehlt, ist die Konstanz. Schon jetzt befindet sich der Mittelfeldzauberer auf dem Sprung in die europäische Spitze - und ist als klassischer "Zehner" ein rares und begehrtes Exemplar auf dem Markt. Im Grunde kann es sich Joachim Löw nicht länger leisten, einen Mann wie Özil auf der Bank schmoren zu lassen. Aber das wird er wohl auch nicht mehr machen.


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