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Was meinen Strunz?: "Mir-san-wieder-mir"

Das ist Bayern München: 70 Minuten lassen sie sich vom AC Milan vorführen, um dann in der Nachspielzeit eiskalt zuzuschlagen. Rechtzeitig vor Beginn der heißen Saison-Phase haben die Spieler das Bayern-Gen wiederentdeckt. Die Konkurrenz zittert schon.

Im Viertelfinale der diesjährigen Champions-League kam es also mal wieder zum Klassiker AC Mailand gegen Bayern München. Bei mir kommen da immer Erinnerungen hoch. Milan ist mittlerweile so etwas wie der internationale Angstgegner der Münchner. In sämtlichen Aufeinandertreffen mit den Norditalienern gab es erst einen Sieg. Ich weiß das deswegen so genau, weil dieser Erfolg aus dem Jahr 1989 datiert und mir dort der 1:0 Führungstreffer im Rückspiel des Halbfinales gelang. Damals scheiterten wir mit 2:1 nach Verlängerung am italienischen Meister, der anschließend auch den Titel gewann.

Ohne die beiden Leader van Bommel und Kahn, die durch Ottl und Rensing ersetzt wurden, agierte der Rekordmeister sehr verhalten in seinem Offensivspiel. Nur den überragenden Reflexen von Kahn-Ersatz Michael Rensing war es zu verdanken, dass die Bayern bis zur 40. Minute ein 0:0 halten konnten. In der ersten Hälfte schoss der FC Bayern nicht einmal gefährlich aufs Tor. Podolski und Makaay tauchten völlig unter und waren Totalausfälle.

Die kleinsten Dinge entscheiden

Niemand im Mittelfeld konnte die Kreativ-Zentrale Milans, Andrea Pirlo, der auch die Führung erzielte, ausschalten. So fiel auch der bis zur Halbzeit sehr schwache Auftritt des hoch gelobten Brasilianers Kaka nicht weiter ins Gewicht. Milan war aggressiver und zwang die Bayern immer wieder zu schnellen Abspielfehlern. Bis zur 70. Minute lief das Spiel nach demselben Schema. Wenn der aus meiner Sicht reguläre Treffer von Alberto Gilardino vom schwachen russischen Schiedsrichter nicht abgepfiffen worden wäre, hätten die Bayern wohl einpacken können. Es kam anders... Durch zwei Treffer des zuletzt immer wieder hart kritisierten Belgiers Daniel van Buyten erreichten die Bayern ein nahezu perfektes Ergebnis für das Rückspiel in der kommenden Woche. Insbesondere der Ausgleichstreffer in der letzten Sekunde der Nachspielzeit wird den Mailändern noch schlaflose Nächte bereiten, denn nun müssen sie in München gewinnen, oder 3:3 spielen, oder 4:4… Fünf Sekunden vorher reichte noch ein Unentschieden zum Weiterkommen. Aber so ist das eben auf diesem Niveau. Schon die kleinsten Dinge entscheiden über Sieg, Unentschieden oder Niederlage.

Rensing Gewinner des Spiels

Die Bayern haben es jetzt selbst in der Hand, im Rückspiel alles klar zu machen. Sie müssen hochkonzentriert zu Werke gehen, denn bei der individuellen Qualität der Mailänder sind sie jederzeit in der Lage, in München zu gewinnen. Die Chancen stehen für mich nun bei 55 % zu 45 % für den deutschen Meister. Auch für die restlichen Spiele der Meisterschaft kann es nun noch einmal einen richtigen Schub geben. Drei Punkte am Wochenende in Hannover und die Jungs von Ottmar Hitzfeld sind wieder voll dabei. Die Konkurrenz sollte gewarnt sein. Der positive psychologische Effekt des "Mir-san-mir-Gefühls" macht die Bayern brandgefährlich. Ein Wort noch zum Gewinner dieses Spiels. Michael Rensing hat gezeigt, dass er jederzeit ein guter Ersatz für Oliver Kahn ist. Er strahlt Ruhe aus und hat den FC Bayern mit unglaublichen Reflexen im Spiel gehalten. Außerdem hat er den Verantwortlichen der Münchner gezeigt, dass sie in Zukunft auf ihn bauen können, ja vielleicht sogar müssen. Denn eines war vor dem Spiel klar: Der Druck, der auf dem jungen Torwart lastete war enorm. Rensing hat diesem Druck bravourös standgehalten.

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