Was meinen Strunz? Abramovich, go home!


Und wieder findet ein Finale der Champions League ohne den reichsten Club der Welt statt. Statt Chelsea steht Liverpool im Endspiel. Und das vollkommen verdient. Gegner dort wird der AC Milan sein. Da war doch was...
Von Thomas Strunz

Wer hätte das gedacht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions-League wiederholt sich die Geschichte. Nach den Rückspielen am Dienstag und Mittwoch zwischen den Kontrahenten FC Liverpool, FC Chelsea und Manchester United aus England und dem "Rest der Welt", dem AC Milan, gibt es eine Neuauflage des Endspiels von 2005 in dem es ein denkwürdiges 3:3 nach Verlängerung und den Sieg Liverpools nach Elfmeterschießen gab. Und das nach einer 3:0 Pausenführung für Milan. Aber bleiben wir doch bei den diesjährigen Halbfinalpartien und blicken kurz zurück.

Nach einem dramatischen Kampfspiel zwischen Liverpool und Chelsea stehen am Ende die "Reds" verdient im Finale um die europäische Fußball-Krone in Athen. Liverpool investierte in dieser Partie, insbesondere zu Beginn, wesentlich mehr und hatte auch nach dem schnellen 1:0 durch Agger die taktische Disziplin, nicht auf Teufel komm raus die schnelle Entscheidung herbeizuführen oder sich auf einen offenen Schlagabtausch mit Chelsea einzulassen.

Milan will die Schmach vergessen machen

Im Elfmeterschiessen hatten die Männer von der Anfield Road am Ende mit ihrem spanischen Torwart Reina den Helden des Abends in ihren Reihen. Ausgerechnet der vom FC Bayern München umworbene und mit Coach Mourinho im Clinch liegende Holländer Arjen Robben leitete die Niederlage für Chelsea ein, als Reina einen gar nicht mal schlecht geschossenen Strafstoß entschärfen konnte. Am Ende stand nur riesiger Jubel bei den "Reds", während bei den "Blues" aus London selbiger vorherrschte.

Der FC Chelsea hat es also wieder einmal nicht geschafft sich die europäische Krone aufzusetzen und Klubeigentümer Roman Abramovich wird sicherlich nicht begeistert sein, dass sein "Mehrere-Hundert-Millionen-Euro"-Projekt" in diesem Jahr erneut im Halbfinale gescheitert ist. Daraus wird deutlich: Erfolg ist immer nur bis zu einem bestimmten Punkt planbar und "erkaufbar". Am Ende gehört zu einem großen Titelgewinn in Meisterschaft oder auf europäischer Ebene auch noch etwas mehr. Mannschaftliche Geschlossenheit, taktische Disziplin und individuelle Klasse des Einzelnen sind die Grundvoraussetzungen. Letztlich kann es aber auch sein, dass auf diesem Niveau einfach nur eine herausragende Aktion eines Spielers oder das Glück beim Elfmeterkrimi entscheidet.

Der Einzug von Liverpool ins Endspiel am Dienstag hat sicherlich große Auswirkungen auf das Spiel vom Mittwoch gehabt. Ich bin mir ganz sicher, und da spreche ich natürlich auch aus eigener Erfahrung, dass die Mannschaft des AC Milan sich schon direkt nach dem Einzug der "Reds" ins Endspiel geschworen hat, die Schmach und das Trauma des Endspiels 2005 tilgen zu wollen. Es war von der ersten Minute an der unbedingte Siegeswille zu erkennen. Dem hatte ManU eigentlich die gesamten 90 Minuten nichts entgegen zu setzen. Psychologie ist ein ganz wichtiger Faktor auf diesem Level. Und wieder einmal zeigte sich, dass das Team, das mit größerer Entschlossenheit und Leidenschaft beginnt, die andere Mannschaft nicht nur fußballerisch, sondern auch psychisch unter Druck setzen kann.

Stärken und Schwächen auf beiden Seiten

ManU fand überhaupt nicht zu seinem gefährlichen Power-Fußball. Die Engländer spielten zaghaft und ohne Überzeugung. Der Auftritt verdeutlichte, dass englische Teams in fremden Ländern nicht ganz so stark einzustufen sind wie in ihren heimischen Stadien. Milan jedenfalls hatte in den überragenden Mittelfeldspielern Pirlo und Seedorf unermüdliche Antreiber und in Kaka, der mich diesmal wirklich überzeugte, den Torschützen zum wichtigen 1:0 bereits nach elf Minuten. Von diesem Schock konnte sich Manchester nicht mehr erholen. Auch Milan zog verdient ins Finale ein.

Jetzt geht es für die beiden Titel-Kontrahenten in den nächsten Wochen bis zum Finale darum, möglichst alle Spieler wieder fit zu bekommen, um dann in Athen mit der bestmöglichen Auswahl anzutreten. In diesem Finale wird der psychologische Faktor eine ganz wichtige Rolle spielen. Denn das Finale von vor zwei Jahren wird in den Köpfen der Spieler wiederbelebt und durch die mediale Berichterstattung der kommenden Tage bis zum Finale um ein Vielfaches verstärkt. Die Frage wird sein: Wer kann die Vergangenheit abschütteln und das Spiel im Kopf beim Stand von 0:0 beginnen lassen. Schafft es Liverpool die positiven Dinge mit ins Spiel zu nehmen, schließlich haben sie bei bislang allen Endspielen der Königsklasse triumphiert und auch Milan vor zwei Jahren geschlagen? Oder ist der Wille, die Schmach der Vergangenheit auszumerzen durch den AC Mailand so groß, dass die Italiener diesmal siegen werden? Diese Fragen werden zu beantworten sein. Was die Qualität der Teams betrifft, gibt es keinen erkennbaren Unterschied, es gibt Stärken und Schwächen auf beiden Seiten, doch die großen Matches werden sowieso im Kopf entschieden. Diesen "show-down" werden wir also in 14 Tagen in Athen erleben. Ich freue mich darauf.


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