Was meinen Strunz? Überheblich, provozierend, lustlos


Wenn es um die Auftritte des HSV und der Bayern in der Champions League geht, kennt stern.de-Experte Thomas Strunz keine Gnade. Den HSV-Versagern attestiert er ein Mentalitäts-, dem Rekordmeister gar ein Hierarchieproblem. Nur Werder kommt gut weg.

Unterschiedlicher hätte der vierte Spieltag der laufenden Champions-League-Saison für unsere deutschen Teilnehmer nicht ausfallen können. Der deutscher Meister Bayern München hat sich durch ein mageres 0-0-Unentschieden im Heimspiel gegen Sporting Lissabon bereits für das Achtelfinale qualifizieren können. In einem über weite Strecken schlechten Spiel zeigte sich die momentane Schwäche der Münchener: Diese Mannschaft hat keinen Leader in ihren Reihen. Der vom Hamburger SV weg gelotste Daniel van Buyten konnte diese Rolle bislang ebenso wenig ausfüllen, wie die anderen Neuzugänge des Rekordmeisters. Man gewinnt den Eindruck, dass das Team sich immer noch in einem hierarchischen Findungsprozess befindet.

Die bislang wenig glanzvollen Auftritte in dieser Saison haben diese Problematik ans Tageslicht gebracht. In der Innenverteidigung kämpfen der verletzte Weltmeister Lucio und der schon angesprochene van Buyten um die Chef-Rolle. Im Mittelfeld soll der vom FC Barcelona geholte Mark van Bommel die Mannschaft führen. Seine Leistung war bisher nicht herausragend, er kann auch deshalb noch kein Führungsspieler sein. Junge Spieler wie Schweinsteiger, Ottl und der momentan ebenfalls verletzte Owen Hargreaves scheinen nicht die Akzeptanz zu haben, die für diese wichtige Aufgabe von Nöten ist. Im Sturm ist nicht erst seit dem öffentlichen Elfmeter-Theater vom Wochenende zwischen Pizarro und Makaay auch dem letzten klar geworden, das an der Isar noch lange nicht alles rund läuft. Ich bin sehr gespannt, wie die nächsten Wochen verlaufen werden. Der Druck auf Mannschaft und Felix Magath wird mit jedem schwachen Spiel größer, denn auch die Auftritte in der Bundesliga mit drei Niederlagen und einer Ausbeute von bisher nur 16 von 27 möglichen Punkten waren alles andere als berauschend. Beim Spitzenreiter der Bundesliga, Werder Bremen, sieht es dagegen ganz anders aus. Nach glanzvollen Siegen in der Meisterschaft, unter anderem gegen den Erzrivalen aus München, läuft momentan auch in der Champions-League alles nach Plan. Der 3:0-Pflichtsieg in Sofia und das gleichzeitige Unentschieden der beiden Gruppenfavoriten FC Barcelona und FC Chelsea lässt den Hanseaten alle Möglichkeiten offen, die nächste Runde zu erreichen. Selbst bei einer Niederlage im Heimspiel gegen das Team von Michael Ballack haben es die Grün-Weißen dann immer noch selbst in der Hand. Ein Endspiel gegen den FC Barcelona im Stadion Nou Camp ist den Bremern also sicher. Es ist schon beeindruckend, wie gefestigt Werder momentan spielt. Für mich haben die Nordlichter alle Möglichkeiten, der lachende Dritte in dieser Todesgruppe zu sein. Man kann gar nicht oft genug betonen, dass das Gerüst der Mannschaft aus deutschen Spielern besteht. Ein Mentalitäts-Problem haben die Jungs von der Weser also nicht - ganz anders als die Hamburger...

Für den HSV ist der europäische Traum bereits beendet.

Ich habe mir das Spiel der Hamburger gestern Abend gegen den portugiesischen Titelträger FC Porto live in der AOL-Arena angeschaut und war wie 51.000 andere Zuschauer sehr enttäuscht vom Auftritt der Mannschaft von Thomas Doll. Das war in keinster Weise Champions-League reif. Ich hatte in den ersten 60 Minuten nicht den Eindruck, dass dort eine Mannschaft auf dem Platz stand, die sich füreinander aufopfert. Ein Daniel Ljuboja beispielsweise wirkt auch nach nunmehr drei Monaten wie ein Fremdkörper in diesem Team. Der Mann weiß gar nicht, welche Rolle er auszufüllen hat. Vor Tagen konnte man lesen, dass Ljuboja immer noch kein Deutsch spricht und auch wenig dafür tut, um dieses Problem zu beheben. Sollte dies wirklich der Fall sein, wäre es zumindest eine Erklärung für die bisherigen Leistungen und würde ihm natürlich ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellen.

Noch auffälliger im negativen Sinn war am gestrigen Abend aber der Auftritt von Thimothee Atouba. Und damit meine ich nicht sein schwaches Spiel, das gestehe ich jedem Spieler zu. Nein, die Art und Weise wie überheblich, provozierend und teilweise lustlos er agierte, war beängstigend. Zu Saisonbeginn verletzt und einen besseren Vertrag fordernd, hat er sich sicher keine Freunde in der Mannschaft gemacht. Er spielt niemals einen klaren und sicheren Ball. Jede Aktion wird von einem Übersteiger, einem Hackentrick oder einem lässigen Tänzeln begleitet. An den beiden ersten Gegentoren war Atouba direkt beteiligt. Als Mitspieler mach dich so jemand wahnsinnig.

Bezeichnend war die Situation auch

nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 durch HSV-Kapitän Rafael van der Vaart: Neun Spieler klatschen sich ab, einer trottet alleine durch die Gegend, als gehöre er gar nicht zum Team - Atouba. Es war keine Überraschung, dass der HSV erst dann etwas besser und geschlossener spielte, als beide genannten Spieler längst nicht mehr dabei waren. So ein Verhalten, insbesondere das von Atouba, kann für eine verunsicherte Mannschaft sehr gefährlich sein, denn so bringt man die Fans sehr schnell gegen sich und die eigene Mannschaft auf. Die gellenden Pfiffe der Zuschauer gegen beide ausgewechselten Spieler sollten ein Alarmsignal sein. Dagegen muss man ansteuern.

Trainer Thomas Doll ist jetzt

gefordert, die nötigen Worte und gegebenenfalls Personal-Entscheidungen zu treffen. Bereits am Samstag in der Bundesliga geht es gegen einen Tabellennachbarn aus der unteren Region, den VfL Wolfsburg, um drei sehr wichtige Punkte. Denn eines ist klar: Der Verlierer vom Wochenende wird dauerhaft im Tabellenkeller stecken bleiben und vielleicht sogar bis zum Schluss gegen den Abstieg spielen. Der HSV ist jedenfalls jäh aus den europäischen Träumen gerissen worden. Jetzt muss in der Liga ab sofort für neue Erfolge gearbeitet und gespielt werden. Das Potential ist da, aber einfach so von selbst wird es nicht abgerufen werden können. Dafür ist harte Arbeit erforderlich.


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