Werder Bremen Die Unbelehrbaren


Neues Jahr, altes Leid: Bei Werder Bremen geht es auch im türkischen Trainingslager drunter und drüber. Mega-Pleite im Testspiel, darauf ratlose Verantwortliche - die Norddeutschen kommen auch 2009 nicht in Fahrt. Und dann sorgte auch noch Torsten Frings für mächtig Ärger.
Von Frank Hellmann, Belek

Es gibt nicht viele der fast 1.000 Fußball-Mannschaften, die zwischen Januar und März ein Winterquartier an der türkischen Riviera beziehen, die es so gut haben wie Werder Bremen. Das Calista Luxury Resort in Belek, 2005 für fast 250 Millionen Euro gebaut, bietet allen erdenklichen Luxus und der prominenten Entourage aus Deutschland ziemlich viele Annehmlichkeiten.

Dazu stehen den Bundesliga-Kickern auch noch beim Carya Golf Club zwei Rasenplätze zur exklusiven Nutzung zur Verfügung. Es fehlt also wirklich im neuen Jahr an nichts. Wirklich nicht?

Ein weiterer Image-Verlust

Am Dienstagabend mangelte es beim Hinrunden-Achten mal wieder an der Disziplin. In Kundu, einer halben Autostunde von Belek entfernt, testete Werder Bremen beim Radyospor-Cup gegen Galatasaray Istanbul das erste Mal ernsthaft, doch was Trainer Thomas Schaaf und Sportdirektor Klaus Allofs ansehen mussten, erschreckte die Bremer Baumeister dann doch.

Werder unterlag der B-Elf des von Michael Skibbe trainierten Traditionsklubs nicht nur mit 1:4, sondern verlor auch wieder einmal an Ansehen. Torsten Frings, in diesem Spiel der Kapitän, handelte sich eine Rote Karte wegen Meckerns ein. Burak Astar, der türkische Schiedsrichter, berichtete hinterher sehr glaubhaft, der Nationalspieler habe ihm mehrfach den Ausruf "Fuck you" an den Kopf geschleudert. Konsequenz: Platzverweis.

Mangelnde Disziplin

"Indiskutabel. Das wird Konsequenzen haben, damit muss man umgehen können", schimpfte Trainer Thomas Schaaf sehr erregt nach Spielschluss. Man müsse wissen, was in solchen Spielen auf türkischem Boden gefragt sei. Nämlich Disziplin. Gleich danach baten Schaaf und Allofs den aufsässigen Führungsspieler zum Einzelgespräch. "Er hat sich direkt entschuldigt und seinen Fehler eingesehen", erklärte Schaaf nach dem Vormittagstraining am Mittwoch, ohne die Bestrafung - wohl in Form einer Geldstrafe - nun zurückzunehmen.

Er ärgere sich über diesen erneuten Ausrutscher - hatten doch die Verantwortlichen bislang in Belek immer erklärt, man wolle vor allem die Disziplin verbessern, nachdem bekanntlich am vorletzten Hinrundenspieltag im Karlsruher Wildparkstadion die Würgeattacke von Diego und Ohrfeige von Claudio Pizarro für Negativschlagzeilen, wochenlange Sperren und vereinsinterne Rekordbestrafungen gesorgt hatten.

Merkwürdige Entschuldigungen

Und nun? Ist Werder unbelehrbar? Schaaf: "Nur weil wir jetzt das Jahr 2009 statt 2008 haben, können wir nicht davon ausgehen, dass alles perfekt läuft. Aber solche Dinge gehören schneller abgestellt." Da aber hat man die Rechnung ohne den langmähnigen Anführer gemacht, der sich zur Mittagsstunde im Hotel ziemlich aufgeräumt zur Presserunde in einen Plüschsessel setzte. Und einiges zu sagen hatte.

Frings wörtlich: "Natürlich ist das nicht gut, wenn man so etwas macht, gerade wenn man vorne weg marschieren soll. Aber das hat sich zehn Jahre aufgestaut. Es ist immer derselbe Schiedsrichter, der uns betrügt und veräppelt. Da platzt einem der Kragen. Ich bin auch sehr kaputt gewesen - da macht man Sachen, die man nicht machen soll. In wichtigen Spielen wird mir das aber nie passieren!"

Allofs schreitet ein

Und weiter in seiner Rechtfertigung: "Ich habe nicht 'Fuck you' gesagt. Ich habe ihm gesagt, er soll sich schämen, Schiedsrichter zu sein. Und wenn er uns bescheißt, soll er es wenigstens so machen, dass niemand darüber lacht oder es auffällig ist. Dann bin ich vom Platz gegangen. 'Fuck' habe ich erst gesagt, nachdem ich die Rote Karte gesehen hatte."

Eine doch sehr eigenwillige Begründung. Immerhin versprach der Meinungsmacher, der pikanterweise auch die Mannschaftskasse führt, dass "ich jetzt meine eigene Geldstrafe einsammeln muss." Frings: "Ich werde eine Strafe kriegen, das habe ich verdient." Dem schob Allofs jedoch sogleich in dieser von Frings angedachten Form einen Riegel vor. "Das geht nicht von der rechten in die linken Tasche. Er hat dem Verein geschadet, also geht das auch nicht in die Mannschaftskasse."

Kritik an Kollegen

Der Sportchef machte deutlich: "Einsicht ist schön, aber besser wäre es, die Einsicht wäre vorher da. Das ist ein schlechter Eindruck, den man hinterlässt. Zu einer Spitzenmannschaft gehört, dass sie sich auch richtig verhält. Das war unerfreulich und hat uns nicht gefallen. Bei Claudio Pizarro und Diego haben wir reagiert und auch hier wird es eine Strafe geben. Wenn man eine Marschroute ausgibt und eine Mannschaft darauf einschwört, dann ist das ein Rückfall. Es ist ärgerlich, weil es ein erfahrener Spieler ist."

Zumal dessen Handlungsweise nicht das erste Mal voll von Widersprüchen ist. Denn der Mittelfeld-Malocher ist am Mittwoch auch grundsätzlich geworden, was die Defizite der in der Hinrunde doch arg wankelmütigen Hanseaten angeht. "Natürlich haben wir ein Problem, was die Disziplin angeht. Das fängt damit an, dass jeder pünktlich ist oder ordentlich gekleidet ist. Wir sind zuletzt vielleicht zufrieden gewesen und haben alles ein bisschen schleifen lassen." Dann berichtete er frank und frei davon, "dass sich keiner mehr rausnehmen darf, dreimal in der Woche zu verschlafen." Wenn ein Arbeitnehmer um 9.30 Uhr am Arbeitsplatz sein müsse, so der 32-Jährige, "darf man nicht um zehn nach halb oder fünf nach zehn kommen."

Pizarro nach Mexiko

Nach diesen Einschätzungen und Vorwürfen hatte Allofs ziemlich Mühe, die Wogen in Werders Edelquartier zu glätten. "Wir müssen ein paar Schwachpunkte abstellen. Das ist aber kein Sauhaufen, sondern eine ansonsten sehr disziplinierte Mannschaft." Der aber nun Claudio Pizarro fehlt.

Der Peruaner reiste am Mittwoch über Antalya und Amsterdam zur einer Anhörung vom Internationalen Sportgerichtshof CAS in Mexiko-City. Dort klagte der Werder-Stürmer gegen seinen eigenen Verband. Es geht um Rufschädigung, in Zusammenhang mit ziemlich unangenehmen Vorwürfen am Rande eines Länderspiels gegen Brasilien im November 2007. Alkohol und Frauen sollen im Spiel gewesen sein - Pizarro bestreitet die Anschuldigungen seit geraumer Zeit vehement. Noch so ein verflucht verwirrender Fall, wer oder was nun wirklich undiszipliniert zu nennen ist.


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