Cristiano Ronaldo Das Kind in der Fremde


Wenn er ein Tor geschossen hat, reißt er sich das Trikot vom Leib und schwingt es wie ein Lasso. Die Mädchen lieben ihn dafür, die Schwulen auch. Er ist erst 21 Jahre alt und muss bei der WM schon Verantwortung tragen. Die jungen Portugiesen trauen ihm das zu. Er hat ja die Welt erobert, ein neues Leben angefangen in Manchester. Denken sie. Aber England interessiert ihn nicht. Mit dem Herzen ist er immer noch in seiner Heimat, auf Madeira.
Teil 7 der stern-Serie: Die WM-Stars ganz nah
Von Christian Ewers

Er hat dieses Hotel vorgeschlagen, das "Britannia", ein schlichter Klinkerbau am Stadtrand von Manchester, geschützt nur mit einer dünn belaubten Baumreihe vor der Ausfallstraße mit ihren unzähligen Gabelungen und Kreisverkehren. Ein paar hundert Meter von hier geht es hoch auf den Motorway M60 Richtung Westen und Osten, untendrunter schlängelt sich mehrarmig der Princess Parkway A5103 von Norden nach Süden. Das "Britannia" ist ein guter Ort, um aus dem Nichts aufzutauchen und wieder darin zu verschwinden. Es ist ein guter Ort, um nicht zu bleiben. Es ist der perfekte Ort für Cristiano Ronaldo.

Das Interview findet in einem fensterlosen Raum im Erdgeschoss statt. Ronaldo hat seinen Bruder Hugo und seinen Cousin Nuno mitgebracht. Nuno bewacht draußen die Tür, Hugo sitzt mit am Tisch. Während des Gesprächs guckt Ronaldo immer wieder zu ihm herüber, Hugo richtet sein Basecap und nickt die ganze Zeit. Das macht Ronaldo sicherer. Und das bedeutet: Seine Antworten werden noch kürzer. Über Manchester sagt er nur, dass die Geschäfte abends eher schließen als in Portugal.

Ronaldo spielt seit drei Jahren für Manchester United und spricht noch immer kein Englisch. Das Land interessiert ihn nicht. Ihn interessiert sowieso kaum etwas. Er möchte nicht über sich reden, nicht über die Jahre im Fußballinternat, nicht über sein Leben in der Fremde. Aber da ist eine Sache, die ihn erreicht, die ihn berührt. Madeira, seine Heimat.

Plötzlich wacht auch

Hugo unter seiner Schirmmütze auf, ein Lächeln huscht ihm übers Gesicht. "Die Sonne", ruft Ronaldo und malt einen Kreis in die Luft. "Und die Wolken, sie sind so schnell, alle paar Minuten haben wir einen neuen Himmel. Und erst das Meer und der Strand und das Essen. Wunderbar." Ronaldo macht eine Pause und hört seinen Sätzen nach. Was ihn wirklich bewegt, dafür hat er keine Worte.

Man muss hingehen nach Madeira, um zu verstehen, was das für eine Sehnsucht ist. Die Sehnsucht eines jungen Mannes, der in der Erinnerung lebt und die Zukunft des portugiesischen Fußballs sein soll. Luis Figo, Rui Costa, Fernando Couto - sie haben in den vergangenen Jahren den vielleicht leidenschaftlichsten Fußball Europas gespielt. Aber sie haben nie etwas gewonnen. Jetzt soll Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, 21, die Portugiesen zum Titel führen.

Die Rua da Quinta do Falcão in Funchal, Madeira, führt auf eine Anhöhe, sie ist steil und voller Löcher. Die wenigen Autos, die sich hochwagen, hupen schon unten, um die Kinder von der Straße zu treiben. Man muss Vollgas fahren, sonst schafft man es nicht. Oben auf dem Hügel steht eine kleine Flachdachhütte, sie schmiegt sich unauffällig an den Hang, der Regen hat den gelben Anstrich fast ganz weggewaschen. Das ist das Elternhaus von Cristiano Ronaldo.

Hier, im Schatten einer mannshohen Betonmauer, die vom Nachbargrundstück herüberragt, teilte sich Cristiano elf Jahre lang ein Zimmer mit seinen Geschwistern Hugo, Elma und Liliana. Mehr Platz gab es nicht, und an eine größere Wohnung war nicht zu denken. Vater José Dinis arbeitete als Zeugwart beim Regionalligisten Clube Futebol Andorinha, Mutter Maria Dolores war Köchin in einem Restaurant.

Seit drei Jahren, seit Ronaldo bei Manchester United spielt, steht die Hütte leer. Die Aveiros sind umgezogen, nach Livramento, in ein besseres Viertel, in eine große weiße Villa mit Garten. Ronaldo hat sie mit ein paar Wochenlöhnen bezahlt. Zwei Jahre leben sie dort, dann stirbt Vater José Dinis mit 51 Jahren an Leber- und Nierenversagen. Die Mutter und die Schwestern bleiben in Livramento.

Abel Junior wohnt noch immer im Bairro S‹o António, im Haus gegenüber der Hütte. Junior kann sich gut an das jüngste Kind der Nachbarfamilie erinnern. "Cristiano war ein kleiner Terrorist", sagt Junior. "Zweimal, da war er sieben oder acht Jahre alt, hat er mir den Außenspiegel kaputtgeschossen. Aber ich konnte Cristiano nicht richtig böse sein."

Dass ausgerechnet bei Abel Junior die Spiegel zu Bruch gingen, ist kein Zufall. Junior war damals, Anfang der 90er Jahre, Nachwuchstrainer bei CD Nacional, dem größten Klub auf Madeira. Mittags, wenn Ronaldo von der Schule kam, stellte er sich vor Juniors Küchenfenster und zeigte seine neuesten Tricks. Rechter Fuß, linker Fuß, Brust, Kopf und Nacken - der Ball lief an seinem Körper rauf und runter wie eine dressierte Ratte. "Er war begnadet", sagt Junior. "Ich habe seinen Eltern geraten: Schickt ihn zu Nacional, der Junge braucht Gegner, der muss jeden Tag mit den Besten trainieren."

Ronaldo wird erst mit zehn Jahren wechseln. Er will noch bei Andorinha bleiben, bei seinen Freunden, bei seinem Vater, der den ganzen Tag im Klubhaus ist, Trikots wäscht und Stollenschuhe putzt für die zwölf Teams des Vereins. Der Fußballplatz liegt vom Elternhaus nur wenige hundert Meter entfernt, und diesen Weg geht Ronaldo nie allein. Hugo und ein paar Nachbarskinder sind immer dabei - und sein Ball, den ihm der Vater zum fünften Geburtstag geschenkt hat.

Es ist eine kleine, ärmliche Welt, in der Ronaldo aufwächst. Aber eine behütete. So geborgen, so eng umschlossen wird er nie wieder sein.

Wenn man heute die Rua da Quinta do Falcão hinabgeht, runter zum alten Sportplatz, wo seit einigen Jahren Apartments stehen, dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie wichtig Fußball gewesen sein muss für Ronaldo. Alles ist klein und eng und verschachtelt in der Straße, jeder ebene Quadratmeter muss dem Berg abgetrotzt werden, und nichts ist fertig. Man hört Betonmischer gurgeln und Bohrmaschinen jaulen, selbst sonntags. Hier, wo das Leben nur Maloche ist, kann der Fußball eine andere Welt öffnen. Eine Welt, in der es Leichtigkeit gibt, Eleganz, Schönheit, vielleicht sogar etwas wie Kunst. Wie sonst soll man es nennen, was der junge Cristiano Ronaldo auf dem Ascheplatz von Andorinha zeigt? Seine Spiele sind an guten Tagen Heldenstücke und an schlechten echte Dramen.

Ronaldo macht alles auf dem Feld. Holt den Ball aus der Abwehr, umkurvt seine Gegenspieler in aberwitzigem Tempo, der Übersteiger, drei-, viermal angetäuscht, ist schon jetzt sein Lieblingstrick, und dann passt er zentimetergenau in die Spitze. Sein Spiel wirkt bereits so reif. Ronaldo, keine zehn Jahre alt, hat ein feines Gespür für die Mitspieler, er weiß, wann er wem den Ball geben kann. Die meisten anderen Kinder in seinem Alter sehen nur sich und den Ball und das Tor.

Aber Niederlagen einstecken, das kann Ronaldo nicht. Wenn sein Team verliert, fehlt ihm diese Ruhe, die ihn an guten Tagen so stark macht. Gegen die reichen Klubs von der Insel, Mar'timo, Nacional oder Uni‹o, gibt es meist richtige Klatschen für Andorinha. Da kann auch ein Ronaldo nichts machen. Doch der will das nicht wahrhaben, er beschimpft die Schiedsrichter, läuft weinend über den Platz, grätscht seine Bewacher um und versucht mit wilden Schüssen zu retten, was hoffnungslos verloren ist.

Fern‹o Sousa sagt, er sei machtlos gewesen nach solchen Spielen. "Cristiano trug eine unglaubliche Wut in sich. Manchmal musste ich zwei oder drei Tage warten, erst dann war er wieder ansprechbar." Sousa hat viel geredet mit Ronaldo, über seine Gefühle, über sein Spiel. Er hat ihm gesagt, dass die Wut einen die falschen Dinge tun lässt auf dem Platz, dass die großen Stars ihre Mannschaft in schwierigen Momenten beruhigen. Cristiano hörte zu, aber er sagte nichts. So etwas machte er damals schon mit sich aus.

Sousa, ehemaliger Kapitän des CF Andorinha, ist Ronaldos Patenonkel, so steht es im Taufbuch. Doch in Wahrheit ist er mehr für ihn, Anfang der 90er Jahre. Er ist ein zweiter Vater.

Unten auf dem Trainingsplatz regnet es, ein typischer Madeiraregen, warm und fein, wie gesprüht. Fern‹o Sousa sitzt in der Vereinskneipe von Nacional, Ronaldos zweitem Verein auf Madeira. Sousa, braunes Tweedjackett und weißes Hemd, kommt gerade aus dem Büro, er arbeitet beim Gewerbeaufsichtsamt in Funchal. Draußen vor dem Fenster zerfließen die Kreidelinien auf der roten Erde. Sousa sagt: "Ich habe versucht, Cristiano etwas rauszuholen aus seiner Fußballwelt. Ich habe ihm jedes Jahr die Schulbücher gekauft, und wenn er eine gute Note mit nach Hause brachte, habe ich ihm ein kleines Taschengeld gegeben. Er hatte sonst niemanden, der sich um seine Bildung kümmerte. Bei den Aveiros wurde nie über die Zukunft gesprochen."

Vater José Dinis konnte das nicht, mit Cristiano darüber sprechen, was später einmal sein wird. Er geht zu jedem Spiel seines Sohnes, steht irgendwo hinter der Werbebande, in der zweiten oder dritten Reihe. Er ist keiner von diesen Vätern, die ihre Söhne nach vorn brüllen. Er ist einfach da. Ein stiller Mensch, der nur abends in der Kneipe ein bisschen gesprächiger wird. José Dinis Aveiro geht jeden Abend in die Kneipe. Oft schon trinkt er nachmittags bei der Arbeit, billigen Rotwein, flaschenweise. Manchmal schafft er es nicht mehr nach Hause, dann schläft er in der Kabine, auf einer Massagebank.

Wie sehr José Dinis Aveiro an seinem jüngsten Sohn hängt, merkt Fern‹o Sousa, als das Angebot von Sporting Lissabon kommt. Da ist Cristiano elf Jahre alt. Sporting, das große Sporting, wo Luis Figo, Paulo Futre und Dani ihre Karrieren begannen, will Ronaldo in sein Internat holen. Sousa hat die Szene noch genau vor Augen: Wie die Familie um den Küchentisch steht, die Mutter weint, der Vater hat auch Tränen in den Augen und sagt: "Meinen Sohn gebe ich nicht her." Das tut er schließlich doch. Weil Cristiano unbedingt will. Tagelang fleht er um Erlaubnis. Sousa sagt zu den Eltern: "Wenn er später mal nicht so schuften soll wie ihr, dann lasst es ihn versuchen."

Als die Mutter

ins 900 Kilometer entfernte Lissabon fliegt und den Vertrag unterschreibt, weiß Ronaldo plötzlich nicht mehr, ob er glücklich sein soll. Er soll damals gesagt haben: "Heute ist der schönste und der traurigste Tag meines Lebens."

An diesem Nachmittag, im "Britannia" in Manchester, scheint Lissabon unendlich weit weg. Ronaldo redet langsam, als habe er Mühe, sich zu erinnern. "Ja, war irgendwie eine harte Zeit bei Sporting", sagt er, "aber so etwas macht einen nur härter." Gab es Momente, in denen er seinen Wechsel verfluchte und am liebsten aufgehört hätte? "Man muss immer an sich glauben, sonst schafft man es nicht. So ist das Geschäft." Und Madeira? Wie war das mit dem Heimweh? "Jeder ist gern zu Hause, das ist doch normal."

Ronaldo sagt das nicht barsch, er schickt jedem seiner Sätze ein Lächeln hinterher, und so merkt man erst später, beim Abhören des Diktiergerätes, wie kalt seine Antworten sind. Er will sich nicht öffnen, und vielleicht ist das auch eine Lehre aus seiner Lissaboner Zeit, dass er über seine Gefühle schweigen muss, um nicht unterzugehen.

In Lissabon hat Ronaldo niemanden wie Fern‹o Sousa, der stark ist und ihn stützt. In Lissabon gibt es nur Fabio, und dem geht es in den ersten Sommerwochen des Jahres 1996 genauso dreckig wie Ronaldo. Fabio Ferreira kommt aus Monte Gordo, einem Badeort an der Algarve. Ein Kaff, aber immerhin Festland. Cristiano Ronaldo kommt aus Madeira, und das ist nicht zu überhören. Er spricht einen schweren, breiten Akzent, er dehnt seine Worte wie Kaugummi. In seiner neuen Schulklasse wird er ausgelacht, er ist der Inselaffe, der Bananenbauer, man nimmt ihn nicht ernst.

Cristiano und Fabio sind die Jüngsten im Internat, beide erst elf, die meisten ihrer Mitspieler sind ein Jahr älter, manche auch zwei und haben schon einen dunklen Bartflaum über der Oberlippe. Nach außen ist Ronaldo hart. Wenn er gehänselt wird, wehrt er sich nicht mit Worten, er prügelt sich mit einigen Mitschülern, ringt sie zu Boden, obwohl sie einen Kopf größer sind als er.

Abends im Doppelzimmer liegen Cristiano und Fabio in ihren Betten und weinen. Sie haben Sehnsucht nach ihren Familien, sie sind mehrmals kurz davor abzuhauen. Beide bleiben. Sie trösten sich gegenseitig, sie malen sich aus, was sie in den nächsten Ferien zu Hause alles unternehmen werden, wen sie wiedersehen. Und sie schwören sich, niemandem von den durchheulten Nächten zu erzählen.

Nachmittags, während des Trainings, ahnen die Mitspieler bei Sporting nicht, dass Ronaldo sich einsam fühlt, dass er nur durchhalten will. In den Teambesprechungen sagt er kaum etwas, aber auf dem Platz ist er der Anführer. Er trägt den Ball von der Abwehr in den Sturm, öffnet Räume, versucht, andere glänzen zu lassen. Das bringt ihm Respekt ein. Die Mannschaft spürt, dass Ronaldo ihr weiterhelfen will. Dass es um den gemeinsamen Erfolg geht, nicht um seinen.

Schon nach einer Saison ist Ronaldo der Star. So elegant, so leichtfüßig haben die Sporting-Trainer lange keinen mehr ein Spiel inszenieren sehen. Der Letzte, der den Ball verzauberte, war Luis Figo, und das ist elf Jahre her. Ronaldo bekommt Sonderrechte. Seine Mutter zieht nach Lissabon, da ist er 13, der Verein mietet ihr ein Apartment. Sie kocht für ihn, erzählt von den Geschwistern, vom Bairro S‹o António, vom CF Andorinha. Für Ronaldo fühlt es sich ein bisschen so an wie früher.

Was Ronaldo tagsüber

macht, zwischen Schule und Training, bekommt die Mutter nicht richtig mit. Fabio und Ronaldo hängen im "Centro Comercial Colombo" ab, dem größten Einkaufszentrum Lissabons. Stundenlang stehen sie am Flipper, sie geben fast ihr ganzes Taschengeld für Automatenspiele aus. In der Schule verlieren sie den Anschluss, sie bleiben sitzen, für drei Klassen brauchen sie sechs Jahre. "Sie hätten uns rausschmeißen müssen", sagt Fabio, "aber sie brauchten uns: Cristiano hat die Pässe gespielt, und ich habe die Tore geschossen."

Für Ronaldo geht es weiter steil aufwärts. Mit 17 spielt er mit dem Profiteam von Sporting gegen Inter Mailand in der Champions-League-Qualifikation, er macht ein überragendes Spiel. Nach der Partie gratuliert ihm ein Reporter von "A bola", der wichtigsten Sportzeitung Portugals. Ronaldo sagt: "Du hast doch noch gar nichts gesehen. Das war heute erst der Anfang." Ein Jahr später, am 6. August 2003, der Urknall. Manchester United ist zu Gast, Sporting feiert die Eröffnung seines neuen Stadions. Es ist, als sei es nur für Ronaldo eröffnet worden. Er spielt wie entfesselt. Niemand vom englischen Meister kann ihn halten. Van Nistelrooy, Scholes, Giggs, er stiehlt allen die Show. Am nächsten Tag kauft Manchester Ronaldo für 17,5 Millionen Euro.

Fabio Ferreira will niemand haben. Er hat sich schwer am Knie verletzt, Kreuzbandriss, Meniskusschaden, er kann neun Monate nicht trainieren, wird zu einem Drittligisten abgeschoben und gleich weiterverkauft. Er packt es nicht mehr, sein Knie braucht ständig Spritzen.

Heute spielt Ferreira wieder in seinem Heimatdorf Monte Gordo, bei Beira-Mar, vierte Liga. Er bekommt kein Geld, nur freies Essen im Restaurant "O Tapas". Ferreira bestellt Dorade und eine Cola. Es ist laut, zwei Musiker mit Ziehharmonika singen "Rosamunde" für eine Seniorengruppe aus Deutschland. Im "O Tapas" hat Ferreira auch ein paarmal mit Ronaldo gegessen, als der ihn noch besuchte. "Ich wäre gern Cristianos Freund geblieben", sagt Ferreira. "Fünf Jahre haben wir uns ein Zimmer geteilt, und auf einmal ruft er nicht mehr zurück. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist."

Das letzte Mal

haben sie sich am 5. Februar 2005 gesehen, an Ronaldos 20. Geburtstag. Ein paar Mitspieler von früher, aus Sporting-Zeiten, hatte Ronaldo auch noch eingeladen in die Bar in Santarem, einer Kleinstadt vor Lissabon. Sie tranken Bier, spielten Flipper, tanzten, es wurde spät. Irgendwann erzählte Ronaldo dann doch von England. Dass ihn die Leute immer so anglotzen würden, dass er diese Blicke nur schwer aushalte, nie könne er für sich sein.

Im Hotel "Britannia" sagt Ronaldo, dass er seine Fans liebt. "Wenn ich jemanden in meinem Trikot sehe, freue ich mich jedes Mal. Ich bin sehr stolz auf meine Fans." Ronaldo lächelt jetzt wieder sein Lächeln. Man muss ihm jetzt einfach glauben. Oder?

Am 19. Oktober 2005 wird Ronaldo von Scotland Yard vorgeladen. Er soll in der Nacht vom ersten auf den zweiten Oktober, nach dem Auswärtsspiel gegen Fulham, gemeinsam mit einem Freund zwei Frauen sexuell missbraucht haben. Eine Frau hat Ronaldo angezeigt, die andere seinen Begleiter. Der portugiesische Fußballverband stellt sich sofort hinter Ronaldo. Sein Manager Jorge Mendes sagt: "Das ist der gewissenlose Versuch von zwei Groupies, eine erfundene Geschichte an die englische Presse zu verkaufen." Fünf Wochen später werden die Ermittlungen im Fall Ronaldo mangels Beweisen eingestellt. Eine der beiden Frauen hatte ihre Klage zuvor bereits widerrufen.

Man darf Ronaldo nicht nach dieser Geschichte fragen. Das hatte sein Management vor dem Interview zur Bedingung gemacht. Dabei hätte Ronaldo frei darüber reden können, die Sache ist ja ausgestanden. Aber darum geht es nicht. Er will nicht rausgerissen werden aus seiner Traumwelt, die er sich mit viel Mühe aufgebaut hat in Manchester.

Ronaldo wohnt in der Chester Road, am Rand eines Villenviertels. Das zweigeschossige Haus wird abgeschirmt von einer hohen Hecke, von der Straße aus kann man nur die obere Etage sehen. Hier lebt Ronaldo mit seiner Mutter, Bruder Hugo, 31, und Cousin Nuno, 23. Morgens geht er von zehn bis zwölf zum Training, in dieser Zeit kocht Maria Dolores Aveiro das Mittagessen, um eins isst Ronaldo, dann spielt er mit Nuno Playstation oder guckt Filme. Die Filme hat die Mutter aus Portugal mitgebracht, als Geschenk zum Einzug, 100 DVDs in vier Kisten. Maria Dolores Aveiro hat den ganzen Tag einen eigenen Fernseher laufen, portugiesische Sender über Satellit, und ruft Cristiano, wenn über ihn gesprochen wird.

Mit dem wirklichen Leben da draußen vor der Hecke kommt Ronaldo kaum noch in Berührung. Er hat sich ein kleines Madeira geschaffen in der Chester Road, dauernd ist Besuch da, die Schwestern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, Freunde. Was dann noch fehlt, die Sonne, der Strand, das Meer, holt er sich über Filme ins Haus. Ronaldo muss etwas nachholen. Mit 21, einem Alter, in dem andere sich abnabeln von zu Haus, endlich ihr eigenes Leben leben wollen, sammelt er die Familie um sich. Er will sein, was er jahrelang nicht sein durfte: Sohn, Bruder, Neffe. Ein Kind.

So spielt er auch zurzeit, wie ein Kind. Bei "ManU" haben sie ihm die Sieben gegeben, die Nummer von David Beckham, von Eric Cantona, von George Best. Ronaldo aber ist kein Anführer. Er hat seinen Platz auf der rechten Außenbahn. Da darf er seine Tricks zeigen, auch wenn das die Kollegen nicht so gern sehen. Ryan Giggs hat vor ein paar Monaten gesagt, Ronaldo sei "ein Show-Pony". Ein Zirkuspferd, das ein paar schöne Mätzchen macht, aber nicht vorwärts kommt, es dreht sich ja immer im Kreis.

In der Selecção, der portugiesischen Nationalelf, ist das anders. Da darf er nicht mehr das kleine verspielte Genie sein, das sich ein Weltklasseteam wie Manchester United leisten kann. Sie brauchen ihn. Die besten Leute spielen in der Abwehr, Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira vom FC Chelsea, davor im Mittelfeld Deco vom FC Barcelona. Vorn, auf den Flügeln, gibt es nur Luis Figo, aber der ist schon 33. Und Ronaldo. Er wird Verantwortung übernehmen müssen bei der WM in Deutschland.

Die jungen Portugiesen trauen ihm das zu. Sie trauen ihm sowieso alles zu. Ronaldo hat die Welt erobert, erzählen sie, er will nichts wissen vom Fado, den traurigen Liedern der Alten, der Sehnsucht nach alten Seefahrerzeiten. Er hat ein neues Leben angefangen in der Fremde, er ist so frei. Er lebt ihren Traum. Glauben sie jedenfalls.

Die Älteren glauben nicht an Ronaldo. Sie glauben an Luis Figo. Abends, in den Cafés des Bairro Alto in Lissabon, wird es andächtig still, wenn Figo im Fernsehen spricht, alle gucken hoch in die Ecke, wo der Bildschirm hängt. Männer um die 50, 60, die schon seit mittags reden und rauchen, verstummen plötzlich, und ihre Frauen legen die Illustrierten aus der Hand. Schattiger Dreitagebart, kantiges Kinn, Falten um die Augen - die Alten blicken in ein Gesicht, in das sich der Lebensernst eingeschrieben hat. Figo ist wie ein Spiegel für sie.

Ronaldo dagegen: behängt mit Ohrringen und Kettchen, am Handgelenk eine brillantenbesetzte Uhr. Alles an ihm funkelt. Wenn er ein Tor geschossen hat, reißt er sich das Trikot vom Leib und schwingt es, mit nackter Brust, wie ein Lasso. Die Mädchen lieben ihn dafür, die Schwulen auch. Und Nike wirbt mit ihm in seiner neuen Kampagne "Joga bonito", das schöne Spiel, an der Seite von Ronaldinho.

Ronaldo, der weinende Junge, wurde zum Glamourboy. Er will scheinen. Seit ein paar Monaten ist Merche Romero seine Freundin, eine Moderatorin aus dem portugiesischen Fernsehen, noch so ein Ring, mit dem er sich schmückt.

Die Jungen bewundern Ronaldos Glanz. Die Alten halten ihn für einen Blender. Beide Seiten sehen nicht, dass die Kettchen, die teuren Jeans mit Löchern nur eine Rüstung sind, in der Cristiano Ronaldo sich versteckt. Sie sehen nicht, wie sehr er Portugiese ist. Er war ja fortgegangen wie ein Seefahrer.

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