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England: William kommt sicher, die Queen vielleicht

An mangelnder Unterstützung dürfte es nicht gelegen haben, wenn England in diesem Jahr wieder nicht Weltmeister wird. Mehr als 100.000 Fußball-Fans von der Insel werden in Deutschland erwartet - so viele WM-Touristen wie aus keinem anderen Land.

Und auch die königliche Familie wird dabei sein. Prinz William, die Nummer zwei der Thronfolge, kommt sicher, und auch die Queen denkt über eine Reise nach. Für den Fall, dass das Team um Mannschaftskapitän David Beckham am 9. Juli ins Finale kommt, soll für sie bereits eine Suite im Berliner "Adlon" reserviert sein.

Die Hoffnungen in das eigene Team sind im "Mutterland des Fußballs" so groß wie seit langem nicht mehr. Einen genaueren Eindruck davon wird an diesem Donnerstag WM-Organisationschef Franz Beckenbauer bekommen, der auf seiner Rundreise durch die 31 anderen Teilnehmerländer Station in London macht. Einen Termin bei der Königin hat der "Kaiser" zwar nicht. Aber immerhin wird er von Premierminister Tony Blair hoch offiziell in der Downing Street Nummer 10 empfangen.

Großer WM-Favorit

Die neue Zuversicht der Engländer hängt vor allem mit dem 12. November vergangenen Jahres zusammen. An diesem Tag bezwangen Beckham, Rooney & Co. in einem begeisternden Spiel Argentinien mit 3:2 - Grund genug, nach allerlei Enttäuschungen bei früheren Turnieren mit viel Optimismus ins WM-Jahr zu gehen. Das Team gilt als beste Mannschaft seit 1966, als England den bislang einzigen Titel holte. Bei den WM-Wetten der Londoner Buchmacher steht die Beckham-Truppe auf Platz zwei, vor Deutschland und Argentinien. Nur Brasilen hat noch höhere Quoten.

Allerdings hat es seit dem November-Spiel auch schon wieder Rückschläge gegeben. In erster Linie war dies der Skandal um Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson, der einem als Scheich getarnten Reporter auf den Leim ging und Indiskretionen ausplauderte. Die Konsequenz: Nach der WM ist es mit dem ersten ausländischen Nationaltrainer in der englischen Fußball-Geschichte definitiv vorbei. Zur Aussöhnung mit dem ungeliebten Schweden sind die Engländer wohl nur noch bereit, wenn Eriksson die WM-Trophäe nach Hause bringt.

Englische Fans - trinkfreudig und gewaltbereit

Dafür sind die Engländer zu einigen Anstrengungen bereit. Für die vielen WM-Touristen wird es zusätzliche Billig-Flüge geben, die Kanal-Fähren rechnen mit deutlich mehr Passagieren, und auch der Betreiber der Eurostar-Züge unter dem Ärmelkanal plant Sonderfahrten in die deutschen Spielorte, zusammen mit der Deutschen Bahn.

Allerdings werden nach Lage der Dinge nur etwa zehn Prozent der Fans tatsächlich Eintrittskarten bekommen. Die englische Football Association (FA) kann im Augenblick allenfalls etwa 11.000 Tickets vergeben, die alle über den offiziellen Fanclub "englandfans" verteilt werden. Die große Mehrheit der WM-Schlachtenbummler wird die Spiele also außerhalb des Stadions verfolgen müssen.

Das bereitet den WM-Verantwortlichen große Sorgen - zumal die englischen Unterstützungstruppen nicht nur als trinkfreudig, sondern auch als gewaltbereit bekannt sind. Bei früheren Gelegenheiten gehörten Straßenschlachten zum Standardprogramm. Auf einer "schwarzen Liste" sind 3100 Hooligans erfasst, denen die Einreise verweigert werden soll. Auch andere mögliche Gewalttäter sollen schon vorzeitig abgefangen werden.

"Nein! Nein! Nein!"

Dazu sollen erstmals in der britischen Geschichte deutsche Polizeibeamte in Uniform auf englischem Boden eingesetzt werden - ein Vorhaben, gegen das sich die Boulevardzeitung "Sun" mit der Schlagzeile "Nein! Nein! Nein!" wehrte. Im Gegenzug sollen aber auch englische Bobbys auf deutschem Boden zum Einsatz kommen.

Doch auch an englischen "Edel-Fans" wird es während der WM nicht fehlen. Für die Luxus-Logen in den zwölf WM-Stadien, die nur gegen teures Geld zu bekommen sind, gibt es in den Top-Etagen der britischen Wirtschaft großes Interesse. Die VIP-Sitze für die England-Spiele in Frankfurt am 15. Juni gegen Paraguay, in Nürnberg am 15. Juni gegen Trinidad und Tobago und in Köln am 20. Juni gegen Schweden sind hervorragend gebucht.

Und natürlich wird in England einem möglichen Aufeinandertreffen mit Gastgeber Deutschland entgegen gefiebert - zumal es nach der Auslosung bereits im Achtelfinale zu einer Neuauflage des Klassikers kommen könnte. Für Queen und "Kaiser" wäre das auch mit persönlichen Erinnerungen verbunden: Beide waren vor 40 Jahren bereits beim legendären WM-Endspiel im Londoner Wembley-Stadion dabei. An das Ergebnis (4:2) erinnert sich auf der Insel jeder mit Vergnügen. Und auch beim umstrittenen dritten Tor sind sich die Engländer bis heute ziemlich einig: Der Ball war drin.

Christoph Sator/DPA / DPA

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