HOME

Stern Logo WM 2006

Togo: Mit einem Deutschen zur WM

Die Freude über das erste Ticket zu einer Fußball-Weltmeisterschaft war so groß, dass Togo einen offiziellen Feiertag ausrief. Mit einem deutschen Trainer wollen die Fußball verrückten Spieler die ehemalige Kolonialmacht besuchen.

In dem kleinen westafrikanischen Staat, der zwischen Benin und Ghana eingeklemmt scheint, ist Fußball eine Nationalleidenschaft. Vor allem am kilometerlangen, von hohen Palmen gesäumten Atlantikstrand treten jeden Tag Menschen aus allen Altersklassen barfüßig zu Spielen an. Wer sich keinen Ball leisten kann, spielt mit einem eng verschnürten Bündel Plastiktüten.

Die Spieler der Nationalmannschaft der "Sperber" kennt jedes Kind. Der Präsident des nationalen Fußballverbandes ist ein Bruder des Präsidenten Faure Gnassingbe. Ihr Vater Eyadema Gnassingbe, der im vergangenen Jahr starb, zählte zu den am längsten amtierenden Staatschefs in Afrika. Bis zu der überraschenden Qualifikation für die Weltmeisterschaft konnten die "Sperber" keinen nennenswerten fußballerischen Erfolg verbuchen. 1972 schafften sie zum ersten Mal die Teilnahme an der Endrunde des Afrika Cups. Später schieden sie regelmäßig schon in der Vorrunde aus.

"Das sind auch nur normale Menschen"

Das schlechte Abschneiden beim jüngsten Afrika-Cup in Kairo im Janaur war auch der Grund für einen Trainerwechsel kurz vor der WM. Der Nigerianer Stephen Keshi war eben erst zum Trainer des Jahres gekürt worden, als Togo verkündete, den deutschen Weltenbummler Otto Pfister für 12.000 Dollar als neuen Coach verpflichtet zu haben. Keshi hatte ausgerechnet den Starstürmer Emmanuel Adebayor, dessen Tore die WM-Teilnahme erst möglich machte, nicht von Beginn an bei der Afrikameisterschaft eingesetzt.

Der 68 Jahre alte Pfister ist ein alter Afrika-Kenner. Er trainierte Mannschaften in Ruanda, Burkina Faso, Senegal, Elfenbeinküste, Kongo und Ghana. Zu den Staatspräsidenten hatte er immer guten Kontakt. Mit dem ruandischen Präsidenten spielte er Schach, und der kongolesische Staatschef Mobutu Sese Seko lud ihn zum Essen ein. "Das sind auch nur normale Menschen. Meine Mannschaft und ich sind fast immer im Trainingsanzug zu offiziellen Anlässen gekommen", sagte er.

"Da hilft nur eins: Bein aufsägen und Jahresringe zählen."

Seine neue Aufgabe geht Pfister mit viel Elan an. "Für mich gibt's ab sofort keinen freien Tag mehr." Dass Keshi weiterhin betonte, er sei der eigentliche Nationaltrainer, schien ihn nicht weiter zu stören. Keshis Vertrag laufe Ende März aus und wird nicht verlängert, berichteten Insider. Zunächst reiste Pfister durch die Welt, um togolesische Spieler zu kontaktieren, die hauptsächlich für europäische Clubs spielen.

"Meine Adressbücher sind nicht nach Namen, sondern nach Ländern sortiert", sagt der Trainer auf Wanderschaft. "In meinem Job kennt man alle Spieler. Wie ein Gärtner. Der kennt auch alle seine Blumen. Ich kenne jeden Spieler von Togo", entgegnet er Kritikern, die ihm mangelnde Vertrautheit mit der togolesischen Mannschaft vorwerfen. Spätestens beim geplanten Trainingslager in Wangen im Allgäu im Mai wird er Gelegenheit haben, die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Spielers zu testen. Als Berater in nicht genauer bezeichneter Funktion tritt bei den "Sperbern" zudem der frühere Bundesliga-Profi von Borussia Dortmund, MSV Duisburg und Eintracht Frankfurt, Bachirou Salou, auf.

Der bisherige Höhepunkt von Pfisters Karriere war der Sieg mit der ghanaischen Mannschaft bei der U-17-Weltmeisterschaft 1991. In Ghana erinnert man sich noch gut an Pfisters Kommentar, als das Alter des Spitzenspielers Anthony Yeboah angezweifelt wurde. "Da hilft nur eins: Bein aufsägen und Jahresringe zählen."

Deutschland hat einen guten Namen in Togo

Für Togo ist die WM-Teilnahme auch deswegen etwas Besonderes, weil der Gastgeber ausgerechnet die ehemalige Kolonialmacht ist. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Deutschen in Togo nicht nur Alleen und landwirtschaftliche Versuchsanstalten angelegt, sondern auch ein rassistisches Apartheidsregime aufgebaut. Dass Deutschland heute in Togo dennoch einen guten Namen hat, liegt vor allem an der massiven Entwicklungshilfe, die Deutschland in den 60er und 70er Jahren leistete. Der Tiefseehafen von Lome und eine große Brauerei zählen zum deutschen Erbe.

Bei der WM wird Togo vor den Duellen gegen die Schweiz und Frankreich im ersten Spiel auf Südkorea treffen. "Die sind etwa gleich stark wie wir, und wenn wir erfolgreich sind, dann geht es im zweiten Match um alles oder nichts", meint Pfister selbstbewusst.

Ulrike Koltermann/DPA / DPA

Wissenscommunity