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Skandal-Spiel: Da flogen die Löcher aus dem Käse

Es war eine Fußball-Schlacht mit einer skandalösen Kartenflut. Aber trotz allem: Portugal feiert mit dem Einzug ins Viertelfinale den größten WM-Erfolg seit 40 Jahren. Die Niederländer dagegen geben dem Schiedsrichter die Hauptschuld.

"Das hat mich an südamerikanische Verhältnisse erinnert. Es war wie im Krieg und mir fehlen jetzt mindestens zwei Spieler", schimpfte Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari nach der brutalen Partie. Der russische Unparteiische setzte mit vier Gelb-Roten und acht Gelben Karten eine WM-Rekordmarke: Noch nie wurden vier Spieler in einer WM-Partie vom Platz gestellt, noch nie wurden so viele Karten verteilt. "So ein schmutziges Spiel habe ich noch nie erlebt. Aber nicht nur der Schiedsrichter hatte Schuld, sondern beide Mannschaften", sagte Niederlandes Bundesliga-Profi Rafael van der Vaart.

Dabei hätte Iwanow in der emotionalen Neuauflage des EM-Halbfinals von 2004 außer den Portugiesen Costinha und Deco sowie den Niederländern Khalid Boulahrouz und Giovanni van Bronckhorst noch weitere Spieler des Feldes verweisen müssen. Die Portugiesen Luis Figo, Nuno Valente und der Niederländer Wesley Snijder standen wegen Tätlichkeit oder groben Foulspiels ebenfalls am Rande der Roten Karte.

"Schiedsrichter zerstörte das Spiel"

Bondscoach Marco van Basten hielt die Leistung des Unparteiischen für untragbar. "Es ist schade, dass der Schiedsrichter ein so wichtiges Spiel auf diese Weise pfeift", befand der frühere Weltklasse-Stürmer. Der neue niederländische Rekord-Nationalspieler Edwin van der Sar sagte: "Der Schiedsrichter hat das Spiel zerstört." Die Tageszeitung "Volkskrant" schrieb von einer "makabren Parodie auf Fußball".

Die Folgen dieser Auseinandersetzung müssen bei der WM die Portugiesen tragen. Das viel umjubelte Tor des überragenden Mittelfeldspielers Maniche nach 23 Minuten katapultierte das Team von Scolari zwar in die Runde der letzten acht Teams, doch im Viertelfinale am Samstag gegen England in Gelsenkirchen muss Coach Scolari möglicherweise drei Spieler ersetzen.

Neben den gesperrten Deco und Costinha droht auch der Ausfall von Cristiano Ronaldo, der nach einem brutalen Tritt von Boulahrouz einen Bluterguss im Oberschenkel davongetragen hat. "Das war ein heldenhafter und fabelhafter Sieg für Portugal, aber jetzt muss ich sehen, dass ich für das England-Spiel ein neues Team formiere", sagte Scolari vor der Neuauflage des EM-Viertelfinals von vor zwei Jahren.

Schlüsselszene war das Boulahrouz

Schiedsrichter Iwanow, der in einem Interview vor der Partie noch angekündigt hatte, dass er und seine Kollegen klare Instruktionen haben, weiter hart durchzugreifen, glitt das Spiel sehr früh aus den Händen. Die Schlüsselszene war das nur mit Gelb geahndete Boulahrouz- Foul gegen Cristiano Ronaldo in der siebten Minute. Mit einem Platzverweis in dieser Szene hätte der Referee ein Zeichen setzen können, stattdessen überschritten die Spieler danach immer häufiger die Grenze des Erlaubten. "Es war ein sehr hartes Spiel", befand der portugiesische Torhüter Ricardo. "Aber unsere Mannschaft weiß, wie man sich in einem solchen Spiel verhalten muss", sagte der Schlussmann.

In der Tat wirkten die Portugiesen in der ganzen Hektik abgeklärter und routinierter. Die Niederländer beschwerten sich über Provokationen und Schauspiel-Einlagen der portugiesischen Spieler. Vor allem Kapitän Luis Figo, dessen Kopfstoß gegen Mark van Bommel nur eine Gelbe Karte zur Folge hatte, stand im Mittelpunkt der Kritik.

"Von einem solch großen Spieler hätte ich das nicht erwartet", meinte van Bommel. Allerdings war Figo auch selbst Opfer nach einem Ellbogenstoß ins Gesicht von Boulahrouz. Viele Zweikämpfe waren überhart und unsportlich. Ellbogen flogen, Kopfstöße wurden verteilt, am Ende hatte der Schiedsrichter insgesamt 16 Mal eine Karte gezückt. "Er hat die Karten gar nicht mehr weggesteckt. Er hat sie in der Hand gehalten, um sie jedem zu zeigen", meinte Ruud van Nistelrooy, der bei den Niederländer nicht zum Einsatz kam.

Spuk war schnell vorbei

Nach der Partie war der Spuk vorbei. Die Spieler verabschiedeten sich fair und freundlich voneinander. Schon während der Begegnung saßen die des Feldes verwiesenen Boulahrouz, van Bronckhorst und Deco vereint auf der Sünderbank. Einige der Kontrahenten wie Deco und van Bronckhorst (beide FC Barcelona) kennen sich bestens aus ihren Clubs.

Grund zum Jubel hatten am Ende nur die Portugiesen. "So kommen wir ins Finale", sagte Figo. Auch Scolari war voller Euphorie. "Nun brauchen wir nur noch einen Sieg um den großartigen Erfolg des Teams von 1966 zu erreichen", sagte der Trainer. Die Sportzeitung "A Bola" schrieb: "Der Sieg stößt die Tür eines Traumes auf, der bislang eher heimlich in der Seele der Portugiesen schlummerte."

Morten Ritter und Ulli Brünger, DPA / DPA

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