Überraschungssieg bei Fussball-WM 2010 Hitzfelds Alpenfestung hält Spanien-Sturm stand


Drei Punkte gegen Spanien - für die Schweiz ist das Sommermärchen jetzt schon perfekt: Mit ihrem 1:0-Zittersieg haben die Eidgenossen den amtierenden Europameister in einen Schockzustand versetzt. Seit 105 Jahren hatte keine Schweizer Mannschaft mehr gegen die Iberer gewonnen.

Trainerfuchs Ottmar Hitzfeld konnte sich nach dem historischen Triumph über Spanien vor Gratulanten kaum retten. Nach dem sensationellen 1:0-Sieg gegen den traurigen Europameister stand der Erfolgscoach noch lange auf dem Rasen, schüttelte Hände und nahm seine ausgelassen feiernden Spieler in den Arm. "Mir ist bewusst, dass wir heute Historisches geleistet und Geschichte geschrieben haben", sagte Hitzfeld nach dem ersten Schweizer Erfolg im 19. Duell mit Spanien - und das ausgerechnet im Auftaktmatch der Weltmeisterschaft.

"Diese drei Punkte sind ein Geschenk und man braucht dafür auch Schlachten-Glück. Der Sieg gibt uns Selbstbewusstsein für die nächsten Spiele", meinte der 61-Jährige, dessen Team sich dank des "goldenen Tores" von Gelson Fernandes (52. Minute) eine erstklassige Ausgangsposition im Kampf um den Einzug ins Achtelfinale erarbeitet hat. Nächster Gegner ist am kommenden Montag Chile. "Um da zu bestehen, müssen wir uns nochmals steigern", warnte Hitzfeld.

Die hochgelobten Spanier, in 48 Länderspielen zuvor seit November 1996 nur einmal besiegt, verließen nach dem herben Rückschlag fluchtartig das Moses Mabidha Stadion. Dabei hatten sie vor 62 452 Zuschauern eigentlich alles getan, das Spiel dominiert - nur eben kein Tor geschossen. "Es gibt eben manchmal Überraschungen im Fußball", sagte Hitzfelds spanischer Kollege Vicente del Bosque enttäuscht: "Es war nicht unser Tag, aber wir dürfen jetzt nicht gleich alles umwerfen, nur weil wir ein Spiel verloren haben. Wir müssen unser Spielsystem wahren."

Hitzfelds Taktik ging voll auf. In einer dicht gestaffelten Abwehr liefen sich die spanischen Ballkünstler um Andrés Iniesta immer wieder fest, knallten den Ball wie Xabi Alonso an die Latte (68.) oder scheiterten wie Gerard Piqué (24.) aus kurzer Distanz am überragenden Schlussmann Diego Benaglio. "Dass Spanien zu Torchancen kommen würde, war klar. Sie haben ein riesiges Potenzial", lobte der Keeper des VfL Wolfsburg den Gegner, der zwar kein Fußball-Feuerwerk abbrannte, sich aber doch zahlreiche Chancen erspielte.

In der Schlussphase versuchten es die Supertechniker allerdings zunehmend mit der Brechstange und hohen Bällen. "Die Schweiz hat hervorragend verteidigt. Und das ist auch eine zulässige Spielweise", räumte Del Bosque ein. "Es war uns klar, dass der Top-Favorit nervös wird, wenn er plötzlich mit 0:1 hinten liegt", meinte Hitzfeld, der Benaglio besonders lobte: "Er war unser Matchwinner und hat der Mannschaft großen Rückhalt gegeben."

Überraschend hatte der Meistercoach von Bayern München udn Borussia Dortmund neben Blaise Nkufo den Leverkusener Eren Derdiyok als zweiten Stürmer aufgeboten. Das zahlte sich aus, als der Bayer- Stürmer bei einem Konter davon zog. Nach einem Steilpass spielte Fernandes mit Derdiyok wunderschön Doppelpass und vollendete gegen die verzweifelten Klärungsversuche von Piqué und Spaniens Torwart Iker Casillas im Nachsetzen. "Normalerweise bin ich nicht der typische Torjäger", sagte Fernandes mit einem Grinsen. "Ich war selbst überrascht, dass der Ball plötzlich im Tor lag."

Damit war der Spielverlauf nahezu auf den Kopf gestellt, doch das war nicht nur Derdiyok später egal. "Jetzt haben wir eine super Ausgangsposition. Einen Gegner wie Spanien kannst du nur überstehen, wenn die als Team funktioniert. Und das haben wir heute getan."

Auch die Schussoffensive überstanden die Schweizer Abwehrkünstler schadlos. Hinzu kam auch noch das Pech der Spanier, als Xabi Alonso nur die Latte traf und der für viel Schwung sorgende eingewechselte Fernande Torres (72./80.) zweimal knapp vergab. Auf der Gegenseite hatte Derdiyok (74.) sogar noch die Chance zum 2:0, traf aber nur den Pfosten. "Wir dürfen uns jetzt nicht hinsetzen und den Kopf in den Sand stecken. sondern die moral wieder herstellen und nach vorne schauen", sagte Del Bosque, dessen Elf gegen Honduras und Chile nun gewaltig gefordert ist.

Ulli Brünger, DPA DPA

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