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WM 2010: Manuel Neuer: "Kein Zweikampf mit Boateng"

So richtig konnte sich Manuel Neuer bei der WM noch nicht auszeichnen. Gegen Ghana rechnet der Nationaltorhüter mit mehr Arbeit. Im stern.de-Interview spricht Neuer über Kevin-Prince Boateng, unaufgepumpte WM-Bälle und Englands Torwart-Trottel Green.

Manuel Neuer, Sie sind zu bedauern. Zwei WM-Spiele sind gespielt, und Sie mussten noch keinen Ball wirklich halten, keine einzige Parade?
Ich kann mich an keine Torschüsse erinnern, das ist nicht optimal für einen Torwart. Wir haben einmal zu Null gespielt und haben gut verteidigt. Aber es stimmt, eine richtige Torwartparade war nicht dabei. Nur im Australien-Spiel war ich am Anfang ein wenig gefragt, gegen Serbien im Grunde gar nicht.

Leiden Sie unter der Unterforderung?
Nein, das würde ich nicht sagen. Aber es ist ärgerlich, wenn man sich gut vorbereitet, im Training auf hohem Niveau arbeitet und es dann nicht zeigen kann. Für einen Torhüter ist das nicht so einfach. Dennoch: Der Mannschaftsgedanke steht im Vordergrund: Je weniger ich im Spiel aufs Tor bekomme, desto besser.

Wie beurteilen Sie ganz allgemein die Torwartleistungen bisher bei der WM? Da waren ja einige Slapstick-Momente dabei.
Ich habe auch sehr gute Torwartleistungen gesehen. Ich bin noch nicht in der Position, dass ich mich über andere äußern kann.

Dennoch: Hatten Sie etwas Mitleid mit Englands Keeper Green, als er ihm der Ball gegen die USA durch die Finger flutschte?
Man kann sich natürlich in einen anderen Torhüter hineinversetzen und weiß, was dann in dem vorgeht. Da tut es nicht gut, wenn einem dann wie im Fall Green vom Trainer das Vertrauen für das nächste Spiel entzogen wird.

Wie gehen Sie mit solchen Fehlern um?
In der Fußball-Schule auf Schalke hat Helmut Schulte immer Theorie-Unterricht gemacht und uns gesagt, ein Torhüter fängt immer wieder bei Null an, egal wie es steht. Auch wenn du 0:3 zurückliegst und zwei Fehler gemacht hast, du musst verinnerlichen, dass alles wieder von vorne anfängt.

Sprechen wir über das letzte Gruppenspiel am Mittwoch gegen Ghana. Welchen Stellenwert messen Sie dieser Partie bei?
Für mich gibt es in der Gruppenphase einer WM drei K.o.-Spiele, nicht nur eines. Der Druck gegen Ghana wird sehr hoch sein, das wissen wir. Aber wir können damit umgehen und sind uns sicher, dass wir das Spiel gewinnen werden.

Was glauben Sie, was gegen Ghana auf Sie zukommt?
Die Ghanaer haben sehr viel Kraft, das liegt auch an ihrer körperlichen Beschaffenheit. Sie haben in den ersten Spielen auch schon einige Weitschüsse abgegeben. Da gilt es immer, hochkonzentriert und sehr wachsam im Tor zu sein.

Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass die Mannschaft das Spiel gegen Ghana gewinnen wird?
Wir wissen, was wir können, sind hungrig und motiviert. Daraus ziehen wir die Kraft für das dritte Spiel. Gewinnen wir, wäre das eine große Erleichterung, da würde der ganze Druck von einem abfallen.

Gegen Ghana kommt es zum Treffen mit Kevin-Prince Boateng, der Michael Ballack mit einem Foul um die Teilnahme an der WM gebracht hat. Wird in der Mannschaft über Boateng gesprochen?
Ich werde keine Zweikämpfe mit ihm führen. Wir als Mannschaft konzentrieren uns nicht auf einen Spieler, um irgendwelche Rechnungen zu begleichen. Viel wichtiger ist es, dass wir das Spiel gewinnen, da zählt ein einzelner Spieler des Gegners nicht.

Sie spielen am Mittwoch im „Soccer City-“Stadium auf über 1700m Höhe in Johannesburg. Ändert sich da etwas im Torwartspiel?
Am Torwartspiel wird sich nichts ändern. Manche Torhüter meckern über den Ball, aber wenn man da negativ ins Spiel geht und sagt, der Ball ist schlecht, bekommt man Probleme. Beim Spiel gegen Serbien waren zwei Bälle nicht richtig aufgepumpt.

Sie hatten das im Spiel moniert. Hat das Schiedsrichter-Team reagiert?
Nein, im ganzen Spiel nicht. Das hat mich ein bisschen aufgeregt, weil das nicht sein kann, dass bei einer WM ein Ball nicht richtig aufgepumpt ist, das war nicht WM-würdig.

Falls es gegen Ghana schiefgehen sollte, würde Joachim Löw als Trainer wackeln. Vielleicht schmeißt er auch von sich aus hin. Sollte Löw Ihrer Meinung nach trotzdem weitermachen?
Löw ist ein guter Trainer. Er vermittelt uns, dass wir immer an uns glauben sollen. Wir haben eine gute Harmonie im Team, das ist ja - wie wir sehen können - nicht bei allen Mannschaften so.

Sie haben nur fünf Länderspiele auf dem Konto. Was sagen Sie Kritikern, die behaupten, Sie seien zu unerfahren für eine Fußball-Weltmeisterschaft?
So alt waren die deutschen Torhüter bei Turnieren auch nicht immer: Bodo Illgner ist mit 23 Jahren Weltmeister geworden, vielleicht klappt es ja dieses Mal mit einem Torwart, der 24 Jahre alt ist.

Wie groß sind eigentlich die Kommunikationsprobleme auf dem Platz wegen des Vuvuzela-Sounds?
In Durban beim ersten Spiel gegen Australien war es schon extrem. Ein Beispiel: Als eine Flanke kam, stand ich hinter Per Mertesacker und habe 'Torwart' gerufen. Ich stand direkt hinter ihm, er hat mich aber in dem Lärm nicht gehört und den Ball dann zur Ecke geköpft. Solche Dinge können eben passieren, da muss man als Torwart noch lauter schreien als sonst.

Letzte Frage: Wo haben Sie eigentlich vor vier Jahren das letzte Gruppenspiel der DFB-Elf gegen Ecuador verfolgt?
Da war ich an der Glückaufkampfbahn in Gelsenkirchen mit Freunden beim Public Viewing.

Im Trikot?
Natürlich. Im Deutschland-Trikot.

War es das Torwart-Trikot?
Nein, es war das Trikot mit der Rückennummer zehn hinten drauf (lacht). War nur ein Spaß.

P.S.: Welche Chancen hat die DFB-Elf gegen Ghana? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Klaus Bellstedt

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