HOME

Stern Logo WM 2010

WM 2010 in Südafrika: Zwei Brüder, zwei Nationen, kein Kontakt

Ein obligatorischer Handschlag zum Anpfiff - das war's. Die Halbbrüder Jerome und Kevin-Prince Boateng haben sich beim Deutschlandspiel gegen Ghana in Nichtbeachtung geübt.

Bei der deutschen Nationalhymne blieb Jerome Boateng regungslos und stumm, seinen Bruder Kevin auf der anderen Seite des Spielfelds würdigte der U21-Europameister zunächst keines Blickes. Nur beim obligatorischen Handschlag vor dem Anpfiff schauten sich die Halbbrüder, zwischen denen derzeit Funkstille herrscht, kurz in die Augen.

Und auch nach dem 1:0-Sieg der DFB-Elf hatten sich Jerome und Kevin nicht viel zu sagen: "Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal über den Weg laufen", sagte Jerome, der außerdem zugab: "Es war schon etwas Besonderes, gegen Ghana zu spielen. Ich habe mir den ganzen Tag darüber Gedanken gemacht."

England-Legionär Kevin war bereits bei Bekanntgabe der ghanaischen Aufstellung von den deutschen Fans gnadenlos ausgepfiffen worden, während Jerome im Soccer-City-Stadion von der schwarz-rot-goldenen Anhängerschaft freundlich begrüßt wurde.

Der Hamburger, der ab kommender Saison bei Manchester City auf der Insel spielt, konzentrierte sich schon beim Aufwärmen voll auf sein überraschendes WM-Debüt. Kurz vor dem Anpfiff erhielt er noch einmal letzte Instruktionen von Co-Trainer Hansi Flick.

Bundestrainer Joachim Löw hatte Jerome trotz der besonderen Brisanz im Duell gegen Ghana den Vorzug vor Holger Badstuber gegeben, der nach seiner schwachen Leistung beim 0:1 gegen Serbien auf die Bank musste. Jerome spielte auf der linken Seite der Viererkette, in der er am 10. Oktober vergangenen Jahres ein unglückliches Debüt mit Happyend in der DFB-Auswahl gefeiert hatte.

Bei seiner Premiere in der A-Mannschaft kassierte der Modell-Athlet in der 69. Minute nach einer überhasteten Aktion die Gelb-Rote Karte im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland. Am Ende durfte sich der 21-Jährige aber mit dem Team in Moskau über die erfolgreiche WM-Qualifikation freuen.

Dass er in Südafrika ebenfalls einmal in der Startformation stehen wird, war für ihn damals noch ein Wunschtraum. Nach dem groben Foul seines Bruders Kevin vom FC Portsmouth gegen Michael Ballack im englischen FA-Cup-Finale gegen den FC Chelsea, das den deutschen Kapitän für die WM außer Gefecht gesetzt hatte, schienen seine Einsatzchancen zudem weiter gesunken.

Löw schenkte ihm aber das Vertrauen. Im Vorfeld hatte der Bundestrainer immer wieder betont, dass Deutschland gegen Ghana und nicht gegen Kevin Boateng spielte, die außerordentlich Brisanz des Familien-Duells war ihm aber bewusst. Teammanager Oliver Bierhoff hatte darauf hingewiesen, dass man nicht zu viel Energie auf dieses Thema verschwenden dürfe.

Dies befolgte die deutsche Mannschaft, vor allem auch Jerome. Berührungspunkte zwischen den Boateng-Brüdern gab es auf dem Platz so gut wie gar nicht. Während Jerome sich vornehmlich auf seine Defensivaufgaben beschränkte, zog der auffällige Kevin im Mittelfeld der Westafrikaner die Fäden. Nur in Hälfte eins begegneten sich die gebürtigen Berliner mal kurz an der Seitenlinie, Körperkontakt gab es aber keinen.

Seine beste Szene hatte Jerome kurz nach dem 1:0, als er durch sein beherztes Eingreifen gegen Prince Tagoe den möglichen Ausgleich verhinderte. In der 73. Minute war sein Arbeitstag dann beendet, für ihn kam Marcell Jansen zu seinem WM-Debüt.

Jerome Boateng hatte seinen Bruder zuletzt immer wieder in Schutz genommen und sich zugleich über rassistische Angriffe beklagt. "Auch Kevin ist ein Mensch, der Fehler macht. Er hat das nicht mit Absicht gemacht, er wollte Michael Ballack ja nicht die WM nehmen", sagte der Hamburger.

Die Folgen bekam offensichtlich auch Jerome zu spüren. "Es kann nicht sein, dass so viele Menschen im Internet Seiten gründen und rassistisch werden. Was meinen Sie, wie viele E-Mails mein Berater erhalten hat, deren Inhalt gegen mich gerichtet ist und rein nichts mit Fußball zu tun hat", sagte Jerome Boateng, "das kann ich nicht verstehen, da werde auch ich wütend.

Jürgen Zelustek und Thomas Niklaus, SID / SID

Wissenscommunity