WM-Halbfinale Eine Liebeserklärung an Spanien

Es ist unmöglich, diese Mannschaft nicht zu mögen. Das liegt an ihrer Geschichte, an ihrem Spiel, an ihren Spielern. Spanien bringt einen ins Schwärmen.
Von Wigbert Löer, Südafrika

Ich bin mit einer Spanierin verheiratet, sie kommt aus Sevilla. Als ich sie vor 14 Jahren zum ersten Mal besuchte, stand gleich ihr Onkel vor mir und schenkte mir einen Schlüsselanhänger von Real Betis. Der Verein Betis ist das Schalke Spaniens, vergangenen Sommer gingen in Sevillas Innenstadt 65.000 Menschen gegen den Betis-Präsidenten auf die Straße. Susana hat das geärgert, “für so was stehen die Spanier auf, Politik ist ihnen egal“, hat sie geschimpft und auch ihre Cousinen verdächtigt, unter den Demonstranten gewesen zu sein. Susana interessiert sich nicht für Fußball, der Rest ihrer Familie schon.

Und jetzt spielt Deutschland gegen Spanien. Zu Hause in Hamburg ist unser Router kaputt gegangen, Susana hat kein Internet, sie weiß nicht, dass ich aus Südafrika eine kleine Liebeserklärung an die spanische Mannschaft schreibe. Von der WM hat sie bisher mitbekommen, dass die deutsche Elf aus vielen Nationen besteht (findet sie gut), dass Cristiano Ronaldo ausgeschieden ist (findet sie sehr gut) und dass ich in unserer Unterkunft vor einem Zebra auf einen Baum flüchten musste. Da hatte sie Angst um mich. Sie hat mir einen Roman von Almudena Grandes nach Südafrika mitgegeben, “Malena“ heißt er. Ich würde diese großartige Schriftstellerin gern einbauen in meinen Text, sie erzählt die Geschichte Spaniens, aber den Fußball blendet sie aus.

“Todos con la Roja“

Spaniens Nationalelf wird La Roja genannt, die Rote, und wenn die spanischen Sportzeitungen von Länderspielen berichten, schreiben sie gern “Todos con la Roja“ über die Artikel. Gemeinsam mit der Roten: In einem Land, wo die Zugehörigkeit zu Klubs schon mal Familien trennt, muss man das betonen.

Spanier hatten viele Jahrzehnte lang gute Gründe dafür, auf ihre Vereine zu blicken – La Roja verpasste bei Weltmeisterschaften immer und immer wieder das Halbfinale. Man spricht von den “famosos cuartos“, den berühmten Viertelfinals. Den Ausdruck kennt sogar Susana.

Doch seit ein paar Jahren hat der Erfolg verfeindete Fans zusammengeschweißt. Die Nationalmannschaft gewinnt fast ohne Pause. Der Europameistertitel 2008 mit dem 1:0-Finalsieg gegen Deutschland war der erste Höhepunkt einer dramatischen Siegesorgie. Der Spieler David Silva, 24, der gerade für 32 Millionen Euro von Valencia zu Manchester City gewechselt ist, kann als Protagonist iberischer Gewinnermentalität gelten: Silva hat 36 Mal für La Roja gespielt – und zwei Mal verloren.

In Südafrika ist er nicht mal Stammkraft, große Siegesserien scheinen beste Einzelspieler zu verlangen. Deutschland war auf Fußballer angewiesen, die in ihren Vereinen gescheitert waren, sie mussten wieder gut werden, und bei Lukas Podolski und Miroslav Klose hat das wunderbar geklappt. Spaniens Trainer Vicente Del Bosque muss Leistungsträgern größter Klubs regelmäßig absagen. So geht es Silva, so geht es auch Cesc Fábregas vom FC Arsenal, einem der besten Spieler der Premier League. Im Nationaltrikot wird er fast immer eingewechselt.

“Ich bin nicht galaktisch, ich bin aus Móstoles“

Im Tor steht der Kapitän, Iker Casillas, 29. Im Viertelfinale gegen Paraguay hat Casillas einen Elfmeter gehalten. Er ist vielleicht der beste Torwart der Welt und wuchs in Móstoles auf, einer Vorstadt von Madrid. Als vor ein paar Jahren die erste Welle so genannter Galaktischer über seinen Verein Real Madrid schwappte (Zidane, Ronaldo, Figo, Beckham), wurde in der allgemeinen Aufregung auch Casillas zu den spektakulären Neuzugängen befragt. Er antwortete: “Ich bin nicht galaktisch, ich bin aus Móstoles.“ Und hatte die absurde Attitüde des Hauptstadtklubs in einem Satz gegossen.

Vor Casillas spielt eine erweiterte Barcelona-Auswahl. Die Innenverteidigung stellt Barca komplett, sie hat bereits knapp 80 Spiele zusammen bestritten, man kann sagen, dass sie abgestimmt ist. Und natürlich hat der katalanische Klub Puyol und Piqué auch höchstselbst ausgebildet. Gerard Piqué, 23, Enkel eines Barca-Vizepräsidenten, Sohn eines Anwalts und einer Krankenhausdirektorin, Autor einer Autobiographie, elegant seine Erscheinung auf dem Platz, effektiv seine Vorstöße. Man vergleicht ihn mit Beckenbauer. Carles Puyol, 32, Langhaarschnitt, Sohn eines pyrenäischen Bergbauern, kämpferisch seine Erscheinung auf dem Platz. Man vergleicht ihn mit – Vogts?

Natürlich nicht, Puyol ist kein, zumindest nicht nur ein Klopper, denn jeder in dieser Mannschaft beherrscht das schnelle, sichere Kurzpassspiel, das Spanien Höchstwerte beim Ballbesitz einbringt. Das bei der EM 2008 nicht mal italienische Zerstörungsprofis gefährden konnten. Das fast schon zur Definition modernen Fußballs geworden ist und von Joachim Löw mit schönen Worten gelobt wird.

Der Rechtsverteidiger Sergio Ramos kommt aus Sevilla, und er wäre wohl wie die meisten Sevillaner auch am liebsten immer dort und nicht bei seinem Arbeitgeber in Madrid. In Südafrika ist Ramos durch Offensivattacken aufgefallen, er zog dann meist zur Mitte in den Strafraum, wie Philipp Lahm. Auf dessen Niveau spielt er auch.

Xavi prägt das Spiel der Roten

Ein dritter Madrilene zählt noch zur ersten Elf, Xabi Alonso, 28, vormals Liverpool, jetzt Angehöriger der zweiten Galaktischen-Generation von Real. Bei der Nationalmannschaft kommt ihm der Verdienst zu, als Sechser das Barca-Spiel zu beherrschen. Er besetzt die Position gemeinsam mit Sergio Busquets, FC Barcelona, und auch wenn viel geschimpft wurde über diese Taktik Del Bosques – im Laufe des Turniers klappte die Arbeitsteilung immer besser.

Die Aufgabe von Xabi Alonso und Sergio Busquets besteht darin, den Ball zu erobern und dann zügig zu Xavi zu spielen. Xavi, FC Barcelona, spielt dann weiter auf Iniesta, FC Barcelona, oder auf Villa, FC Barcelona. Xavi, 30, ein großer Fußballdenker, der stundenlang über Taktiken und Strategien reden kann: Er prägt das Spiel der Roten, verkörpert das Passspiel und fand in den vergangenen WM-Spielen auch zweimal Zeit, ein Tor mit einem Hackentrick vorzubereiten.

Vollstreckt hat jedes Mal David Villa. Villa, 63 Länderspiele, 43 Tore, Torschützenkönig der Europameisterschaft 2008 (vier Tore) und bisher in dieser Disziplin auch in Südafrika führend (fünf Tore). Mehr muss man nicht sagen.

Spanien wird Geschenke nicht benötigen

Die Spanier haben noch einen Problemstürmer, Fernando Torres, FC Liverpool, sie nennen ihn El Niño, das Kind, weil er genau so aussieht. Seit er sich die langen blonden Haare schneiden ließ, könnte er auch das Kleinkind heißen. Torres war verletzt und spielt bemüht, aber unglücklich. Vielleicht sitzt er heute Abend erstmal auf der Bank. Sollte Spanien aber in Rückstand geraten, wäre er auch aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit eine Waffe. Als “Waffe“ galt früher bei der deutschen Nationalmannschaft David Odonkor. Doch die Schnelligkeit ist das einzige, was Odonkor mit Torres verbindet.

Spanien leidet stärker als viele andere Länder unter der Wirtschaftskrise, dem Land geht es derzeit dreckig. Aber seine Nationalmannschaft wird Geschenke nicht benötigen. Man kann jeden einzelnen Spieler gut finden in dieser Elf, kann sich ergötzen an der Üppigkeit der Auswechselbank. Man kann den Stil des spanischen Spieles getrost vollendet finden.

Man kann diese Fußballmannschaft nicht ernsthaft schlecht finden.

Im Moment ist mein Schwiegervater Paco in Deutschland zu Besuch. Er wird das Spiel im Fernsehen sehen. Auch Susana wird mitschauen. Todos con La Roja.


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