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Argentinien nach dem Sieg über die Schweiz: Ohne Messi ist alles nichts

Bislang ist Argentinien im Turnier mit seiner "Messidependencia", der Messi-Abhängigkeit, durchgekommen. Doch gegen Belgien könnte das zu wenig sein.

Von Jan Christoph Wiechmann, São Paulo

Da saß Lionel Messi nun in den Katakomben des Stadions Itaquerão in São Paulo und wurde mal wieder zum "Man of the Match" gewählt. Zum vierten Mal nun im vierten Spiel. Ihm schien es etwas peinlich zu sein. "Ich weiß nicht, ob ich das verdiene", sagte er vor den Journalisten. "Aber wir sind einen Schritt weiter auf unserem Weg."

Ob er die Auszeichnung verdient, ist in der Tat nicht ganz leicht zu beantworten. Messi spielt keine große WM, schießt aber in jedem Spiel ein Tor oder gibt die entscheidende Vorlage. Das macht ihn fast automatisch zum "Man of the Match". Es gibt keine Alternative.

Genau das ist das Problem.

Mit Selbstkritik tun sich alle etwas schwer

Messi ließ auf der Pressekonferenz nur zwei weitere Fragen zu, und die Antworten waren - wie immer bei ihm - belanglos. Er sagte etwas von einem starken Turnier und dass alle Gegner schwer sind. Dann machte er sich auf den Weg zum Flughafen. Die nächste Station ist Brasilia. Das Viertelfinale.

Kurz vorher saß auf dem Platz sein Trainer Alejandro Sabella. Sabella wurde gefragt, ob es nicht Zeit sei für etwas Selbstkritik nach dem 1:0-Zittersieg gegen die Schweiz. Sabella sagte, er sei sonst ja durchaus selbstkritisch, aber diesmal habe sich seine Mannschaft den Erfolg redlich verdient. Er stänkerte dann noch ein wenig herum, ähnlich wie Per Mertesacker am Tag zuvor und Brasiliens Trainer Felipe Scolari am Tag davor. Mit der Selbstkritik tun sich momentan alle etwas schwer.

Ein Reporter fragte, ob sein Team nicht zu abhängig von Messi sei. Sabella redete sich wieder irgendwie raus. Er sprach von Messis Stärken und denen der gesamten Mannschaft. Die Wahrheit wäre gewesen: Ja, Sie haben Recht, wir sind komplett abhängig von Messi.

Ball auf Messi - und hoffen

Es gibt bei dieser WM ein neues Wort. Es lautet Messidependencia. Messi-Abhängigkeit. Ohne Messis Tore hätte Argentinien nicht ein einziges Spiel gewonnen. Ohne Messis Vorlage hätte man die Schweiz nicht besiegt. So rumpelt sich Argentinien irgendwie durchs Turnier. Sie hatten bisher eher leichte Gegner. Jetzt wartet Belgien. Da geht Rumpeln nicht mehr. Da reicht auch ein Messi nicht.

Im Spiel gegen die Schweiz machte Messi es wie immer. Er schlenderte scheinbar unbeteiligt über den Platz. Er bewegte sich kaum mehr als die Torhüter. Doch dann plötzlich rennt er los. Er zieht so viele Schweizer auf sich zu, dass irgendwo anders Lücken entstehen. Er lässt einen Gegner aussteigen und enteilt den anderen und passt auf den freistehenden Di Maria, der nur noch einschieben muss. Es war die vorletzte Minute der Verlängerung. Dramatischer hätte er es nicht machen können.

So funktioniert das argentinische Spiel. Ball auf Messi. Und dann hoffen.

Unterwürfige Gesten religiöser Jünger

Die argentinischen Zuschauer blieben noch lang nach dem Schlusspfiff im Stadion. Sie feierten auch noch auf dem nah gelegenen Fan-Fest. Etwa 100.000 Argentinier waren für die Partie in São Paulo. Wie immer sangen sie Messi beim Einmarsch ein eigenes Lied. Wie immer huldigten sie ihm mit unterwürfigen Gesten religiöser Jünger.

Ein paar rote Schweizer Flecken gab es auch im Stadion, aber eine Fußballnation ist das wahrlich nicht. Ein starkes Team auch nicht. Trainer Hitzfeld sagte bei seinem Abschied als Trainer nach dem Spiel, die Schweizer hätten ein großes Spiel hingelegt. In Wahrheit stellten sie nach der ersten Halbzeit das Mitspielen einfach ein und mauerten nur noch. Sie erhielten für ihren Angsthasenfußball auch noch Beifall. Die gelb gekleideten Brasilianer waren wie immer auf Seiten des argentinischen Gegners. In Porto Alegre war es am Tag zuvor genauso gewesen. Da unterstützten die Brasilianer Algerien gegen Deutschland.

Es gibt bei dieser WM noch eine andere Abhängigkeit. Sie heißt Neymardependencia. Auch Neymar schoss - wie Messi - die entscheidenden Tore für Brasilien. Auch Neymar wurde zweimal zum "Man of the Match" gewählt. Brasilien spielt nicht gut, aber Neymar schießt irgendwie die Tore. Oder der Pfosten hilft. Oder das Glück. Oder - wenn es nach all den betenden Spielern geht - Gott.

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