HOME

Stern Logo WM 2018

WM 2014: Neymar begeistert Brasilien: Er ist ein Clown, aber er kann einfach gut kicken

Tricks und Tore: Jungstar Neymar lässt die Erwartungshaltung seines Landes gänzlich kalt. Vier der bisher sieben Seleção-Treffer gehen auf sein Konto - genau das macht es für Brasilien gefährlich.

Von Jan Christoph Wiechmann

Natürlich hat er wieder mal die wichtigen Tore geschossen und einige Kunststücke hingelegt. Natürlich haben die Zuschauer im Stadion ihn frenetisch gefeiert und die zu Hause ihn wieder mal zum "Man of the Match" gewählt. Und natürlich kommt dann wieder die Frage nach all dem Druck, der auf ihm laste, auf einem 22-jährigen Jungstar.

"Ich empfinde keinen Druck", sagt Neymar. "Ich lebe einfach den Traum, den ich als Kind immer hatte."

Neymar trickst die Gegner nach Belieben aus

Neymar sitzt auf dem Podium in den Katakomben des Estadio Nacional in Brasiliens Hauptstadt Brasilia. Er trägt wieder mal sein schelmisches Grinsen im Gesicht. Man trifft ihn selten ohne dieses Grinsen an. "Ich hab zu Fred gesagt, er soll sich einen Schnauzbart wachsen lassen, dann schießt er auch ein Tor. Hat geklappt", sagt er.

Und grinst noch mehr. Fred hat das 3-1 geschossen.

Man kann ihm gern abnehmen, dass er keinen Druck verspürt. Auf dem Spielfeld jedenfalls ist nichts dergleichen zu erkennen. Er spielt befreit auf, er trickst die Gegenspieler nach Belieben aus, er sieht sich nicht nur als Leader des Nationalteams, sondern als Unterhalter für ein 200 Millionen-Volk. In der Halbzeitpause fummelt er dann eben zehnmal seine Hose zurecht. Bis auch jede Kamera einmal seinen Sixpack und einmal seine gelb-grüne Brasilien-Unterhose eingefangen hat.

"Wenn er es regnen lässt, wundert sich keiner"

Fragt man seine Mannschaftskameraden nach diesem Spiel, nach Neymar, bestätigen sie seine Unbekümmertheit. Dani Alves sagt: "Beeindruckt? Nein, beeindruckt bin ich nicht. Er ist einfach ein Junge. Er will Spaß haben." Dante sagt: "Es ist unglaublich. Er ist erst 22 und geht so locker mit dem Druck um." David Luiz setzt den Lobeshymnen die Krone auf: "Wenn Neymar es auf dem Platz regnen lässt, wundert sich keiner."

Der Druck war gewaltig vor dem entscheidenden Spiel gegen Kamerun. So richtig hat Brasilien bisher nicht überzeugt. Sowohl gegen Kroatien als auch gegen Mexiko hätten sie gut auch verlieren können. Und Kamerun war kein wirklicher Maßstab (Hier können Sie sich die Tore und Highlights der Partie noch einmal in der ARD-Mediathek ansehen).

Großer Neymar, aber noch kein großes Team

Ein großes Team ist Brasilien bisher nicht. Sie spielen nicht so souverän wie die Holländer und nicht so mitreißend wie die Chilenen. Aber sie sind eine Runde weiter. Neymar wird später von dem bisher besten Spiel sprechen, auch Trainer Felipe Scolari will in jedem Spiel bisher eine Steigerung erkannt haben. Sie verschweigen, dass es gegen Kamerun ging, eine der schlechtesten Mannschaften dieses Turniers, die sich in der zweiten Halbzeit komplett aufgab.

Als Scolari auf der Pressekonferenz gefragt wird, ob er nicht zu sehr von Neymar abhängig ist, sagt er, dass das nicht nur bei Brasilien so sei. Auch Argentinien habe einen Messi. Er verneint die Frage nicht.

Brasiliens Abhängigkeit von Neymar

Die Wahrheit ist, dass Brasilien sehr wohl von Neymar abhängig ist. Er hat vier der sieben Tore geschossen, er führt die Torschützenliste an, er zerreißt sich auf dem Spielfeld. Ansonsten ist Brasilien alles andere als ein Dream Team. Paulinho ist außer Form, Hulk und Fred schwächeln im Sturm, die Außenverteidiger Marcelo und Dani Alves sind ein ständiges Risiko. Die schnellen Chilenen werden mit ihnen am Samstag ihre Freude haben. "Wenn ich die Wahl hätte, hätte ich mir einen anderen Gegner gewünscht", sagt Scolari.

Ob er nicht Angst hat, bei seinen Außenverteidigern, wird er gefragt. "Nicht ein bisschen", schießt er zurück. Er muss es so sagen. Scolari sagt manchmal absonderliche Dinge, um seine Spieler zu schützen. Als die ganze Welt sah, dass Fred gegen Kroatien einen Elfmeter herausgeschunden hatte, stellte sich Scolari hin und griff stattdessen die Journalisten an.

Die Frage ist, was er sagen wird, wenn Brasilien am Samstag im Achtelfinale scheitern sollte. Die Chancen dafür stehen nicht mal schlecht.

Wer ist Favorit, fragt man Dante. "Es gibt keinen Favoriten", sagt er. "Es gibt keinen Favoriten", sagt auch Dani Alves. Das klang bei Brasilien auch mal anders.

Von Jan Christoph Wiechmann

Wissenscommunity