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Rassismus im brasilianischen Fußball: "Ihr dreckigen Nigger"

Drei Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft wird Brasilien von rassistischen Vorfällen im Sport Nummer eins erschüttert. Sogar Präsidentin Dilma Rouseff meldete sich zu Wort.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Es passierte nach dem Spiel des FC Santos beim EC Mogi Mirim. Marcos Arouca, Santos Torschütze zum 4:2, gab ein Interview. Da tauchten plötzlich Fans hinter ihm auf, einer schrie "Macaco", Affe. Arouca drehte sich verstört um. Er sagte: "Wie bedauerlich." Tränen füllten seine Augen.

Später, mit etwas Abstand, fügte Arouca hinzu: "Wie traurig, dass das in Brasilien passiert, im Land der WM. Ich habe schwarze Haut, einen Afro und trage dasselbe weiße Trikot, das der König trug."

Er meinte Pelé. Genannt "O Rey". Oder auch "Pérola Negra". Die schwarze Perle.

Vor allem im Süden gibt es Vorfälle

Einen Tag zuvor war Schiedsrichter Márcio Chagas nach dem Spiel Esportivo gegen Veranópolis Opfer eines rassistischen Angriffs geworden. Er befand sich auf dem Weg zum Parkplatz. Da entdeckte er Bananen auf seinem Autodach. Fans brüllten: "Geh zurück in den Dschungel. "Schwarzer Affe." "Dieb." "Wir sollten euch alle töten, ihr dreckigen Nigger."

Der Angriff ereignete sich im Süden Brasiliens, im Staat Rio Grande do Sul. "Es passiert häufiger", berichtete der Schiedsrichter, "vor allem im Inland." Schon der Mittelfeldstar Ze Roberto und Dortmunds ehemaliger Profi Tinga hatten dort Schmähungen über sich ergehen lassen müssen.

Vor einem Monat traf es Tinga erneut. Während des Spiels beim peruanischen Club Real Garcilaso machten Zuschauer Affengeräusche. "Ich lebe ständig mit Vorurteilen", sagte Tinga der Tageszeitung O Globo. "In Deutschland ist mir das nie passiert. Da habe ich mich gut gefühlt." Auf die Frage, ob der Rassismus in Brasilien ausgeprägter ist, antwortete er: "Mit Sicherheit. In Brasilien sprechen die Leute von Gleichheit und verstecken dahinter ihre Vorurteile."

94 Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hat Brasilien nun eine Rassismus-Debatte. In der vergangenen Woche verdrängte das Thema sogar den 5:0 Erfolg der Nationalmannschaft gegen Südafrika als Gesprächsthema Nummer eins. "Die WM ist gerade mal drei Monate entfernt und wir zeigen uns von unserer schlechten Seite", urteilte Gilson Kleina, Trainer des Erstligisten Palmeiras. "Da helfen nur Strafen, Gefängnis", sagte Muricy Ramalho, Trainer vom FC Sao Paulo.

Präsidentin Rouseff: Es ist nicht hinnehmbar

Selbst die Präsidentin schaltete sich ein. Auf Twitter schrieb Dilma Rousseff: "Der brasilianische Fußball wurde beschmutzt durch die rassistischen Vorfälle gegen den Schiedsrichter Márcio Chagas da Silva und den Spieler Arouca. Es ist nicht hinnehmbar, dass es in Brasilien, der größte schwarze Nation außerhalb Afrikas, zu rassistischen Vorfällen kommt." Laut einem Gesetz aus dem Jahr 1989 gelten rassistische Beleidigungen in Brasilien als Straftat. Sie werden jedoch nur selten geahndet.

Die Vorfälle treffen Brasilien besonders hart, ein Land, das sich gern damit schmückt, das bunteste Volk der Welt zu sein und mit Verachtung auf rassistische Übergriffe in Europa und Amerika blickt. Es ist das Land, das Pelé und Garrincha hervorbrachte, die ersten schwarzen Fußballstars, später Ronaldo, Romario, Ronaldinho. Der Anthropologe Gilberto Freyre sah einst in jedem Brasilianer einen Mestizen und erfand den Begriff der ethnischen Demokratie. Der Schriftsteller Stefan Zweig nannte Brasilien "ein Land der Zukunft" und beschrieb geradezu naiv das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Ethnien.

Die Vorfälle in dieser Woche sind in Brasilien nicht viel ausgeprägter als in Deutschland oder Russland. Aber sie kommen, wie die großen Tageszeitungen betonen, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. "Vergonha" titelte O Globo am Samstag. Schande. "Ein Schmutzfleck im Land der WM." Sie fallen zudem in eine Zeit, in der brasilianische Medien die WM ohnehin #link;ttp://www.stern.de/2085745.html;sehr kritisch beleuchten.# Kein Tag vergeht, an dem sie nicht auf die schlechte Infrastruktur aufmerksam machen, die unfertigen Stadien, die Kritik im Ausland, den diktatorischen Einfluss der Fifa, den Zuschauermangel in brasilianischen Ligen. Nun also auch noch Rassismus.

Der brasilianische Fußballverband erwägt jetzt härtere Strafen, Stadionverbote, Punktentzug, Geisterspiele vor leeren Rängen. Darauf angesprochen, sagte Tinga: "Die Strafen sind Fassade. Es wird alles weiter gehen wie bisher."

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