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Wiechmanns WM-Kolumne: Brasilianer fiebern mit - aber nur unter Protest

Die WM kostet Brasilien sehr viel Geld, das das Land sinnvoller einsetzen könnte. Gehen die Brasilianer deswegen auf die Straße? Vielleicht. Es sind ja noch zwölf Tage.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Es lässt sich nicht genau sagen, was aus den Protesten in Brasilien wird. Wenn man in Deutschland die Nachrichten verfolgt, könnte man glauben, das Land stehe in Flammen. Wenn man in Brasilien lebt, muss man sagen, dass der Protest – mit Ausnahme einiger spektakulärer Aktionen - bisher eher verhalten ausfällt. Aber das kann sich jederzeit ändern. So ist Brasilien. Man sollte sich in diesem Land mit Prognosen eher zurückhalten.

Im vergangenen Jahr hatte keiner die Massenproteste kommen sehen, selbst der optimistischste WM-Kritiker nicht. Heute sehen alle die Proteste kommen, vor allem schlagzeilenhungrige Journalisten. Das ist nicht immer die beste Kombination.

In dieser Woche gab es zwei spektakuläre Aktionen. In Rio de Janeiro hinderten wütende Lehrer den Bus der brasilianischen Nationalmannschaft am Weiterfahren. In der Hauptstadt Brasilia schossen Ureinwohner mit Pfeilen um sich. Viele Menschen waren an diesen Aktionen nicht gerade beteiligt, aber für die Medien waren es starke Bilder. Gleichzeitig streiken Busfahrer, Polizisten, Lehrer, Ingenieure, U-Bahnfahrer, Professoren. Man denkt jedes Mal, das Land müsse zum Stillstand kommen. Aber irgendwie geht es am nächsten Tag dann doch weiter. Es könnte so etwas wie das Landesmotto sein. Nicht: "Ordem e Progresso", Ordnung und Fortschritt. Sondern: Irgendwie geht's weiter.

Die Hälfte ist gegen die WM, die andere dafür

Brasilien ist weiter tief gespalten. Etwa die Hälfte der Menschen freut sich auf die WM. Die andere Hälfte ist dagegen. Und dann gibt es jene, die gegen die WM sind, sich aber irgendwie doch auf sie freuen. Wahrscheinlich ist das sogar die Mehrheit. "Im vergangenen Jahr waren zu diesem Zeitpunkt mehr als eine Million Menschen auf den Straßen", frohlocken die Kritiker der WM-Kritiker. "Euer Protest ist nur ein Protestchen." "Wartet nur ab", drohen die WM-Kritiker ihren Kritikern. In Brasilien passiert immer alles in der letzten Minute. Stadien werden in der letzten Minute fertig. Proteste steigen in der letzten Minute. Noch sind es ja zwölf Tage.

Kürzlich musste ich in Rio zur Polizei. Wer ein Visum für Brasilien hat, muss sich innerhalb von 30 Tagen bei der Polícia Federal am Flughafen melden. Sie nehmen die Fingerabdrücke der ganzen rechten Hand und der ganzen linken Hand und dann noch mal die Abdrücke der einzelnen Finger und dann Fotos von vorne und von der Seite, und wenn man Pech hat, nehmen sie einen dann noch in die Mangel.

"Die politische Klasse ist korrupt"

"Journalist also?", sagte der Polizist, als er das Visum sah. "Aus Deutschland? Was denkt ihr so über uns?"

"Sehr schönes Land", sagte ich. "Und so viel los." Ich wusste nicht genau, was ich sagen sollte. Man hört so einiges über die brasilianische Polizei. In solchen Momenten, hatte mir ein brasilianischer Freund geraten, sollte man über den schönen Fußball reden oder die schönen Frauen. "Toller Fußball", sagte ich. "Neymar, Paulinho, Ramires."

"Dann schreiben Sie mal über das, was hier wirklich los ist", konterte der Polizist. "Die WM kostet uns ein Vermögen. Für Stadien, die keiner braucht, haben wir Geld. Aber nicht für Schulen und öffentlichen Nahverkehr und Krankenhäuser. Schreiben Sie auch darüber?"

Der Polizist wartete nicht auf die Antwort, sondern fuhr gleich fort mit seinem Vortrag. "Und die Straßen. Haben Sie mal unsere Straßen gesehen? Eine Katastrophe. Dafür sollten wir Geld ausgeben, stattdessen landet alles in den Taschen korrupter Politiker und ihrer dubiosen Geschäftspartner in der Baubranche. Die ganze politische Klasse ist korrupt."

Kritik an den Autoritäten

Man wirft Brasilien gern vor, autoritäre Züge zu haben, aber wenn es um Kritik an Autoritäten geht, kenne ich kein liberaleres Land. Autoritätenkritik ist eine Art Volkssport. Ich stellte mir für einen Augenblick vor, dass mich ein deutscher Polizist auf der Wache auffordert, über die Schattenseiten seines Landes zu schreiben, über den Murks beim Berliner Flughafen und die Geldverschwendung bei der Hamburger Elbphilharmonie, wo mehr Geld vernichtet wurde als in jedem brasilianischen Stadion. "Gehen Sie hin?", fragte ich den Polizisten. "Wohin?" fragte er. "Zu den Protesten?" "Nein", sagte er. "Ich mag die Leute da nicht besonders." "Schauen Sie sich die Spiele an?" "Klar", sagte er. "Ich lade die Nachbarn ein. Wir machen ein riesiges Churrasco."

Wir verabschiedeten uns mit einem Handshake. Er war einer der freundlichsten Polizisten, der mir je begegnet war. Und er schien nicht ganz unrepräsentativ für Brasilien zu sein. Beschwert sich zu Recht über die Zustände im Land, aber wenn es um die Nationalmannschaft geht, wird er so mitfiebern wie noch nie.

Den Spielplan für die WM 2014 in Brasilien finden Sie hier.

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