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Wiechmanns WM-Kolumne: Deutschlands WM-Quartier ist weiter eine Baustelle

In Brasilien gibt es vor der WM noch jede Menge Baustellen. Auch im Quartier des deutschen Teams. Ob alle Gebäude rechtzeitig fertig werden, ist durchaus fraglich.

Es gibt immer mal wieder gute Nachrichten aus Brasilien. Die Fifa rechnet nun damit, dass das Stadion in São Paulo rechtzeitig zum Beginn der WM am 12. Juni fertig wird. Sie weiß nur noch nicht genau, wie viele Sitze dann installiert sein werden. Es könnten 62.000 sein, aber mit Glück auch ein paar mehr. Deswegen ist das mit dem Ticketverkauf für das Eröffnungsspiel auch nicht so einfach. Aber man arbeitet dran. In sechs Wochen kann ja noch viel passieren.

Auch das Stadion in Cuiabá könnte fertig werden, das ist die nächste gute Nachricht. Und das in Curitiba auch, das ist dann schon die dritte gute Nachricht. Es müssen nur noch 27.000 Sitze installiert werden. Die Fifa sagt, es komme jetzt auf jede Minute an. Sie hatte sieben Jahre Zeit.

Bau von Campo Bahia verzögert sich

Typisch Brasilien könnte man meinen, aber die Deutschen haben gerade ganz ähnliche Probleme. Eigentlich sollte ihr WM-Quartier in Bahía schon vor Ostern stehen, nun hofft man auf eine Fertigstellung noch vor WM-Beginn. Am 8. Juni kommen Jogi Löw und seine Jungs, da wäre es ganz gut, eine Unterkunft zu haben. Das findet natürlich auch Teammanager Oliver Bierhoff und demonstriert aktuell nochmals Zuversicht, "dass, wenn wir anreisen, alles ferig sein wird".

In der Gegend regnete es vor zwei Wochen so sehr, dass 900 Menschen vorübergehend ihre Häuser verloren. Eine Straße wurde weggespült. Der Notstand ausgerufen. Die Deutschen wollten da gerade ihren Rasen "Bermuda Celebration" verlegen, der exakt gleichen Rasen wie im Maracaná, dem Endspielort. Man kann sich nie früh genug auf das Finale vorbereiten.

Roggenbrot für die deutsche Auswahl

Das Team hätten in eins der vielen 5 Sterne-Quartiere ziehen können, wie alle anderen 31 Nationen auch. Die Italiener trainieren am Atlantikstrand. Die Engländer auf einer Militärbasis in Rio de Janeiro. Aber weil man in ganz Brasilien nichts Geeignetes fand, beschloss der DFB, für mehrere Millionen Euro im Süden des Staates Bahía ein Luxusquartier von Grund auf bauen zu lassen und nannte es Campo Bahía. Das ist so, als hätten die Engländer zur WM in Deutschland ihre eigenen Townhouses in die schwäbische Provinz gebaut.

Die gute Nachricht inmitten all der schlechten Nachrichten ist jedenfalls, dass der DFB in der Gegend einen Bäcker fand, der den deutschen Spielern jeden Tag Roggenbrot backen wird.

"Die Deutschen sind genial"

Letzte Woche sprach ich in Sao Paulo mit dem Soziologen und Kolumnisten Juca Kfouri über die WM. Kfouri ist so etwas wie der Fußballpapst Brasiliens. Beim Thema Campo Bahía reagierte er fassungslos. Wie kann man nur, sagte er. Eine größere Frechheit gegenüber einem Gastgeber ist schwer vorstellbar.

Das ist so, als würde man zur Einladung fürs Abendessen sein eigenes Fünf-Gänge-Menü mitbringen. Aber dann sagte er: "Die Deutschen sind genial. Sie haben ihre WM-Trikots im Design von Flamengo konzipiert, dem beliebtesten Verein Brasiliens. Da ist jeder neokolonialistischer Hochmut schnell verziehen. So sind wir Brasilianer."

Von Jan-Christoph Wiechmann / print

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