VG-Wort Pixel

WM historisch - Italien 1990 Ein Horror in Schwarz-Rot-Gold


Als selbsternannter "Fahnenflüchtiger" war das WM-Finale Deutschland gegen Argentinien für mich mehr Strafe als Spaß. Mehr noch: Es erschütterte mein Weltbild.
Von Niels Kruse

Es gibt leider kein zufriedenstellendes Wort für das Gegenteil eines Patrioten. Anti-Patriot klingt hölzern, Vaterlandsverräter nach Deutschnational-Jargon, Fahnenflüchtiger stammt vom Militär, passt aber noch am ehesten. Also, für Fahnenflüchtige wie mich war 1990 ein eher schwieriges Jahr. Wie das oft so ist, beim Häuten und Nestflüchten. Mein nur so mittelgeliebtes Vaterland und ich streiften 1990 gleichzeitig unsere liebgewonnenen Gewissheiten ab und stürzten uns in eine unbekannte Zukunft: Deutschland wiedervereinigte sich und wurde souverän, ich machte Abitur und zog 400 Kilometer weit in die Ferne, um irgendetwas mit Sozialwissenschaften zu studieren. Soweit so gut. Wenn da nur nicht ständig einer mit der schwarz-rot-goldenen Flagge im Hintergrund herumgewedelt hätte.

Patriotismus gehörte sich damals nicht

Patriotismus, ob fahnenschwenkend oder nicht, gehörte sich damals nicht. Jedenfalls nicht in meinen Kreisen. Zu laut klingelte noch die unsägliche Geschichte in den Ohren. Oder ganz besonders das Gebrüll eines Jägerhut-Trägers an der Supermarktkasse auf Mallorca: "Jetzt kommen hier seit 20 Jahren Deutsche her und Sie sprechen immer noch kein Deutsch!", bellte er die junge, spanische Verkäuferin an, weil sie nicht wusste, was die Weintrauben kosteten. Der Mann war in allen Belangen der Inbegriff des hässlichen Deutschen, und er trieb nicht nur in fernen Urlaubsorten sein Unwesen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie sich so jemand mit der deutschen Tricolore in der Hand aufführen würde. Nein - 1990 hatte ich zwar schon FDP gewählt und wäre sogar zur Bundeswehr gegangen, aber was meine Heimat betraf, stand ich ziemlich eindeutig in der Deutschland-Verrecke-Ecke.

Verdient Weltmeister - das Elend war komplett

Mit so einer Einstellung das WM-Finale am 8. Juli zu gucken, war deswegen mehr Strafe als Spaß. Wir alle, die wir an dem Sonntag in einem verdunkelten Wohnzimmer vor dem Fernseher zusammensaßen, hofften inständig auf die Argentinier. Die hatten uns schon vier Jahre zuvor in Mexiko gezeigt, wo der Bauer seinen Most stehen hat. Insbesondere Diego Maradona. Doch wir wussten insgeheim natürlich, dass das nichts werden würde, es war schließlich das Jahr der Deutschen. Und es kam, wie es kommen musste. Erst schaltete Guido Buchwald den argentinischen Superstar aus, dann ließ sich Rudi Völler geschickt fallen und den Rest besorgte Andy Brehme per Elfmeter. Das Elend war komplett: In wenigen Monaten würde Großdeutschland wieder auferstehen und nun waren wir auch verdient Fußball-Weltmeister – ein Horror in Schwarz-Rot-Gold.

Nach dem Spiel diskutierten wir lange, ob wir noch in die Stadt fahren sollten. Ob wir uns wirklich mit einer Masse gemeinmachen wollten, die mit triumpfverzerrter Fratze, Fahnen- und Fackeln schwenkend durch die Straßen marschiert und dabei die erste Strophe der Nationalhymne singt. Tatsächlich aber fuhren die meisten einfach nur hupend herum, saßen selig vor ihren Biergläsern, hauten sich ab und an auf die Schultern und waren eigentlich nur glücklich. Glückliche Deutsche, geradezu kindlich beseelte Deutsche, das erschütterte unser Weltbild schwer.

Damals hätten wir es uns nie eingestanden, aber unsere Heimat war nicht nur bevölkert von größenwahnsinnigen Blockwärtern, die ständig Befehle rauskläfften. Vielleicht hätten wir besser auf Kaiser Franz geachtet, der allen zeigte, wie man mit Siegen umgeht: Wie er allein und in sich gekehrt über den Platz schlich. Sein Blick fast demütig über die Tribünen streifen ließ, auf denen die Fans mit dem Jubeln nicht mehr aufhören wollten. Ein unvergessliches Bild. Ein sehr schönes. Es dauert dennoch weitere 16 Jahre, bis ich (und die meisten anderen meiner Freunde) ihren Frieden machen konnten mit Schwarz-Rot-Gold und dem unvermeidlichen Party-Patriotismus.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker