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Skandal in der NHL Kyle Beach wurde vom Trainer missbraucht. Der Verein schwieg den Vorfall aber tot. Jetzt macht der Eishockey-Profi ihn publik

Kyle Beach, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2013. Damals stand er noch im Kader der Chicago Blackhawks, ein Pflichtspiel absolvierte er für das Team nie.
Kyle Beach, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2013. Damals stand er noch im Kader der Chicago Blackhawks, ein Pflichtspiel absolvierte er für das Team nie.
© Brian Cassella/ / Picture Alliance
Es ist ein Vorfall, der sprachlos macht: Als 20-Jähriger wird Eishockeytalent Kyle Beach von einem Trainer der Chicago Blackhawks sexuell missbraucht. Als er die Vorkommnisse schildert, ignoriert sie der Verein. Elf Jahre später macht Beach sein Martyrium öffentlich.

Es ist der Abend des 8. oder 9. Mai 2010, als die Welt von Kyle Beach aus den Fugen gerät. Beach gilt als großes Eishockeytalent, wird in der ersten Runde des NHL-Drafts von den Chicago Blackhawks an elfter Stelle gezogen. Dem wuchtigen Stürmer winkt eine Karriere mit Millionengehältern in der besten und größten Eishockeyliga der Welt. Doch dazu wird es nie kommen. Anfang Mai 2010 steht Beach, damals 20 Jahre alt, im erweiterten Kader seines Teams, die Blackhawks sind auf dem Weg zur ersten Meisterschaft seit 1961. An einem der beiden Abende wird Beach nach eigenen Angaben von Brad Aldrich, dem Video-Coach der Blackhawks, in dessen Wohnung sexuell missbraucht. Die Details stehen in einem Bericht öffentlich im Internet, sie sind nur schwer zu ertragen.

Beach meldet den Vorfall dem Verein, doch dieser macht zunächst nichts. So steht es in dem 107-seitigen Bericht, den eine unabhängige Anwaltskanzlei verfasst und in der vergangenen Woche veröffentlich hat. Ein Bericht, der ein düsteres Bild auf die Vorgänge bei den Blackhawks wirft. Ein Bericht, der bereits erste Konsequenzen für damalige Verantwortliche hat. Ein Bericht, in dem vom Opfer zunächst als "John Doe" gesprochen wird – der typischen amerikanischen Bezeichnung für ein namentlich nicht genanntes oder unbekanntes Opfer.

Aus "John Doe" wird Kyle Beach

Nur kurz nach Erscheinen des Reports wird aus "John Doe" aber Kyle Beach. Der mittlerweile 31-Jährige steht derzeit im Kader der Black Dragons Erfurt in der Eishockey-Oberliga und möchte nicht länger mit dem Martyrium allein leben. Im Gespräch mit dem Sportsender TSN ist Beach in seiner Wohnung in Erfurt und berichtet von dem Vorfall. Immer wieder kommen ihm die Tränen, die Stimme versagt. "Man kann sich nicht im Geringsten vorstellen in so eine Situation zu kommen, wo jemand, der dir helfen soll, dich ausnutzt", sagt Beach in dem Gespräch. Dass die Wahrheit nun ans Licht komme, sei eine Befreiung für ihn. "Es ist nicht mehr mein Wort gegen das aller anderen", so Beach, für den der Heilungsprozess mit der Veröffentlichung des Berichts so langsam beginne.

Nach elf Jahren geht er an die Öffentlichkeit

Elf Jahre hat der großgewachsene Angreifer mit seinen Erfahrungen gelebt, elf Jahre lang hat sein ehemaliges Team die Vorkommnisse nicht aufgeklärt. Denn, obwohl die Verantwortlichen in den Vorfall eingeweiht waren, entschieden sie sich, nichts zu tun. Den Verantwortlichen war es offensichtlich wichtiger, die erste Meisterschaft seit 49 Jahren zu feiern. Im Fokus steht in den vergangenen Tagen Joel Quenneville. Der Trainer, der 2010, 2013 und 2015 mit den Blackhawks die Meisterschaft feierte, wollte keine weitergehende Untersuchung der Vorwürfe. Quenneville selbst bestreitet, von den Vorwürfen gewusst zu haben. Erst mit der Klage, die am 7. Mai dieses Jahres eingereicht wurde, sei er darüber in Kenntnis gesetzt worden.

Ein Bild, das zumindest von dem Kanzlei-Bericht zerstört wird, denn zwei Wochen nach dem Vorfall gab es ein Treffen der Verantwortlichen zu dem sexuellen Übergriff. Quenneville und der damalige Vereinspräsident John McDonough wollten das Team jedoch weiter fokussiert auf die Meisterschaft wissen und schlechte Presse vermeiden. "Stan Bowman (der damalige General Manager der Blackhawks, Anm. d. Red.) zitierte Joel Quenneville, der sagte, dass die Playoffs und die Meisterschaft wichtiger sind als sexuelle Übergriffe", erklärt Beach unter Tränen. Er könne das nicht glauben und als Mensch auch nicht verstehen. Es gäbe keine Möglichkeit, dass Quenneville sagen könne, dass er nichts von den Vorfällen gewusst habe.

In der NHL verlieren mehrere Funktionäre ihre Jobs

Aber auch innerhalb der NHL zieht der Missbrauchsvorwurf weite Kreise. Jonathan Toews, damals wie heute Kapitän der Blackhawks, erklärte, nichts von dem Vorfall gewusst zu haben. "Ich fühle mit Kyle. Rückblickend soll es keine Entschuldigung sein, aber viele von uns waren darauf fixiert, einfach Eishockey zu spielen", erklärte Toews vergangene Woche. Patrick Kane, Superstar der Blackhawks, sagte dem "Bleacher Report", dass er sich wünsche "dass wir damals mehr gewusst und anders gemacht hätten, um ihm zu helfen". Ein anderes Bild zeichnen dagegen Beachs ehemalige Teamkollegen Nick Boynton und Brent Sopel, die in dem Kanzlei-Bericht davon erzählen, dass die ganze Mannschaft von den Vorfällen gewusst habe. "Brent Sopel erklärte in seinem Gespräch mit uns, dass 'jeder' davon gewusst hätte, dass Brad Aldrich während der Playoffs die Penisse der Spieler berühren wollte", heißt es in dem Bericht. Auch dass Aldrich unangemessenen Kontakt mit Spielern gehabt habe, sie demnach bekannt gewesen.

Spielergewerkschaft in der Kritik

Im Fokus steht aber auch die NHLPA, die Gewerkschaft der Spieler. Dan Fehr, der Direktor der Gewerkschaft, wurde laut dem Bericht mehrfach über die Vorkommnisse in Chicago in Kenntnis gesetzt. Er habe jedes einzelne Detail an die NHLPA berichtet, sagt Beach. Fehr versprach zu handeln und den Vorfall zu untersuchen, tat dies aber nicht. "Sein Job ist es, die Spieler auf Teufel komm raus zu beschützen und er wandte sich von mir ab. Ich verstehe nicht, wie er weiter in der Position verbleiben kann", erklärt Beach.

Erst Mitte Juni 2010 reagieren die Blackhawks, das allerdings sehr halbherzig. Nachdem es zu einem weiteren versuchten sexuellen Übergriff Aldrichs auf einen Praktikanten der Blackhawks kommt, stellt man ihn vor die Wahl: Eine Untersuchung der Vorwürfe von Kyle Beach oder er kündigt. Aldrich entscheidet sich für die Kündigung, erhält noch einen Meisterschaftsbonus und bekommt noch über mehrere Monate Gehalt. Trainer Joel Quenneville persönlich schreibt ein Zeugnis, in dem er Aldrichs Fähigkeiten lobt. Von den Vorfällen bei den Blackhawks schreibt er kein Wort. Eine Untersuchung der Vorfälle wird es bis zum Mai 2021 nicht geben. "Ich habe den Vorfall berichtet und nichts ist passiert. Er konnte sein Leben wie am Tag zuvor leben", wirft Beach den Blackhawks vor. Aldrich bei der Meisterfeier zu sehen habe ihm das Gefühl gegeben, nicht zu existieren. "Es gab mir das Gefühl, dass seine Handlungen richtig waren und meine falsch", so Beach, der sich als "Überlebenden" bezeichnet. Der Mental-Trainer der Blackhawks habe ihm gesagt, dass Beach an der Sache schuld sei, weil er sich selbst in diese Situation gebracht habe.

Aldrich wird nun als "sex offender" geführt

Nachdem er die Blackhawks verlassen hat, arbeitet Aldrich weiter als Video-Trainer. Erst beim Team USA, später an zwei Universitäten. Im Jahr 2014 vergeht er sich an einem 16-jährigen Schüler und wird zu neun Monaten Haft verurteilt. Aldrich war auf freiwilliger und unbezahlter Basis an der High School als Trainer angestellt – eine Position, die er nicht bekommen hätte, hätten die Blackhawks eine polizeiliche Untersuchung der Vorfälle angestrebt. Aldrich wird nun in der Kartei der Sex Offender geführt. Nach Einreichen der Anklage im Mai 2021 reagieren auch die Blackhawks. Sie beauftragen die Anwaltskanzlei Jenner & Block mit der Aufarbeitung der Ereignisse. Es entsteht der Bericht, der den Verein, die Spieler und die Liga belastet. Als Folge der Ermittlungen wollen die Blackhawks nun den Namen Aldrichs vom Meisterpokal, dem Stanley Cup, entfernen lassen. Dort werden jährlich die Namen der Meistermannschaft und des Trainerteams eingraviert.

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Mehrere Verantwortliche zurückgetreten

Für Joel Quenneville hat der Bericht umgehende Konsequenzen. Die Trainer-Ikone, mittlerweile in Diensten der Florida Panthers, trat nach den Vorwürfen in der vergangenen Woche zurück. Er wolle sich nun zurückziehen und reflektieren, was passiert sei. "Es tut mir leid, dass Kyle durch all das gehen musste. Die Blackhawks und ich haben einen Anteil an diesen Schmerzen", schrieb der 63-Jährige in seinem Statement. Ob er jemals wieder als Trainer in der NHL an der Bande stehen wird, ist unklar. Ligen-Chef Gary Bettmann erklärte, dass man vorab erst untersuchen müsse, unter welchen Bedingungen das der Fall sein könnte. Auch Stan Bowman, mittlerweile Präsident der Blackhawks, sowie Teamdirektor Al MacIsaac traten von ihren Posten zurück.

Kyle Beach schwieg nach den Vorkommnissen bei den Blackhawks lange. Seine Familie habe über die Vorfälle Bescheid gewusst, aber er habe die Erlebnisse in sich hineingefressen. "Ich habe getan, wovon ich dachte, dass ich das tun muss um zu überleben und damit ich meinen Traum, Eishockeyprofi zu sein, weiter jagen kann", gesteht Beach, der nie ein Spiel in der NHL absolvierte. Innerlich habe ihn das Erlebte aber zerstört, er fing an, den Schmerz mit Alkohol und Drogen zu betäuben. Nach vier weiteren Jahren in den USA führte Beachs Weg über Schweden, Österreich und Ungarn nach Deutschland. In Erfurt fühlen er und seine Freundin sich gut aufgehoben, das Team kümmere sich hervorragend um sie.  Mediale Anfragen werden derzeit verständlicherweise nicht beantwortet, Beach selbst will mit seinem Heilungsprozess Schritt für Schritt vorankommen. Denn der hat nach elf Jahren Leidenszeit gerade erst begonnen.

Quellen:TSN, Bleacher Report, ESPN.


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