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Lindsey Vonn bei Ski-WM: Auf der Kante

Lindsey Vonn ist die erfolgreichste Skifahrerin aller Zeiten und ein globaler Superstar. Sie macht ihr gesamtes Leben zu einem Kampf. Fast wäre sie daran zerbrochen. Jetzt startet sie bei der Ski-WM.

Von Christian Ewers

Lindsey Vonn: Ski-Göttin, Superstar, globale Marke

Lindsey Vonn: Ski-Göttin, Superstar, globale Marke

Dieser Text erschien zuerst in unserer gedruckten Ausgabe des stern Nr. 6 am 29. Januar 2015

Der Tag war hart und die Piste gnadenlos. Spiegelglatt an manchen Stellen, dann wieder weich und brüchig, schwer zu erkennen bei milchigem Licht und bei mehr als 100 km/h Fahrgeschwindigkeit. Am Abend schlappen die Athletinnen des US-Skiteams mit müden Schritten zum Büfett in die Bauernwirtschaft in Bad Kleinkirchheim, Kärnten. Badelatschen an den Füßen, das Haar noch nass vom Duschen, schnell einen Kapuzenpulli übergeworfen oder ein Baumfällerhemd.

Nur eine Frau sticht heraus. Pinkfarbenes Top, strenger Zopf, dicker Kajalstrich auf den Lidern, Rouge auf den Wangen. Lindsey Vonn sucht sich ihre Bühne – und wenn es nur die knarzenden Dielen im Wirtshaus sind. Die Blicke der anderen, die Tuscheleien sind ihr keine Last. Sie genießt sie.

Sie genießt die Blicke der anderen

Lindsey Vonn, 30, geboren in Saint Paul, Minnesota, gilt als die beste Skifahrerin unserer Zeit. Sie ist Olympiasiegerin und Weltmeisterin, sie hat 63 Weltcups gewonnen, so viele wie keine andere Athletin in der Geschichte dieses Sports. Doch ihre Rennen enden nicht im Zielraum. Lindsey Vonn hat ihr Leben zu einem Wettkampf gemacht. Immer will sie die Nummer eins sein, immer will sie Grenzen verschieben. Fast wäre sie zerbrochen daran.

Bei den Ski-Weltmeisterschaften, die am kommenden Montag in Vail, Colorado, beginnen, zählt Vonn wieder zu den Favoritinnen auf Gold – obwohl sie erst im Oktober zurückgekehrt ist auf die Piste. Zehn Monate lang hatte Vonn pausieren müssen; das Kreuzband im rechten Knie war ihr bei einem Sturz gerissen, zum zweiten Mal binnen eines Jahres.

Eine Verletzung wie ein böser Fluch

Über ihre Leidenszeit spricht Vonn nicht gern. Die Verletzung erscheint ihr wie ein böser Fluch, den man besiegen muss durch Schweigen. Vonn steht am Rand der Weltcup-Abfahrt von Bad Kleinkirchheim und sagt: „Das Knie hält. Ich fühle mich bestens. Die WM kann kommen.“ Sie kriegt das gut hin, Probleme weglächeln.

Stefan Abplanalp hat Vonn schon anders erlebt, offener, zweifelnder. Der 41 Jahre alte Schweizer, seit dieser Saison Abfahrtstrainer der Amerikanerinnen, reiste im Frühjahr nach Park City, Utah, zum Trainingsstützpunkt des US-Skiteams und traf Vonn dort zum Gespräch.

Immer im Mittelpunkt: Lindsey Vonn bei der Siegerehrung

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Probleme lächelt Vonn einfach weg

"Lindsey war sehr nachdenklich", sagt Abplanalp heute, "der zweite Kreuzbandriss hat ihr auf brutale Weise gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, immer Vollgas zu geben. Der Körper braucht Zeit zum Heilen."

Stefan Abplanalp besitzt viel Erfahrung mit verletzten Skifahrerinnen. Als Schweizer Verbandstrainer führte er Athletinnen wie Marlies Schild, Nadja Kamer und Dominique Gisin zurück an die Weltspitze. Gisin wurde nach ihrer neunten Knieoperation sogar noch Olympiasiegerin.

Abplanalp sagt: "Ein verletzter Sportler ist auch in seinem Selbstwertgefühl getroffen. Das Vertrauen in den Körper und die eigenen Fähigkeiten ist angeknackst. Man muss es langsam wieder aufbauen, in vielen Gesprächen und Trainingsstunden."

120 km/h mit kaputtem Knie

Nach ihrem ersten Kreuzbandriss, den sie bei der WM 2013 in Schladming erlitt, glaubte Lindsey Vonn noch, dass die Gesetze der Medizin für sie nicht gelten. Dass so eine Knieverletzung bald vergessen ist, wenn man nur hart genug in der Reha schuftet. Immer ein bisschen mehr machen, als die Ärzte raten, dann geht es noch schneller.

Kaum stand Vonn wieder auf den Ski, zog sie sich im Training einen Teilabriss des Kreuzbandes im operierten Knie zu. Und wieder meinte Vonn die Welt aus den Angeln heben zu können. Das Rennen in Lake Louise, Kanada, fuhr sie trotzdem; 120 Stundenkilometer wurden für Vonn in der Spitze gemessen. Auch in Sotschi, bei den Olympischen Winterspielen, wollte sie antreten, bis die Ärzte ihr vermitteln konnten, welch ein irrwitziges Risiko sie einginge: dass Vonn sich das instabile Kniegelenk und den kompletten Bandapparat zerfetzen könne bei einem Sturz.

Schnappschuss mit Star: Ein Schweizer Soldat posiert mit seinem Ski-Idol

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"Wenn ich Ski fahre, bin ich glücklich"

Der Sport gibt ihrem Leben Struktur und Halt. "Ich brauche das Skifahren wie die Luft zum Atmen", sagt sie. Seit dem 18. Lebensjahr leidet Lindsey Vonn an Depressionen. 2012 machte sie, die sonst wenig Einblick zulässt in ihr Seelenleben, ihre Erkrankung öffentlich. Bis heute nimmt sie Medikamente, und der Leistungssport ist Teil ihrer Therapie. "Wenn ich Ski fahre, bin ich glücklich. Ich habe begriffen, dass dies auch damit zusammenhängt, dass ich Ziele habe und auf etwas hinarbeite. Das versuche ich in mein tägliches Leben zu integrieren, und es funktioniert."

Ein Leben im permanenten Kampfmodus kann auch anstrengend sein, aber im Moment habe das alles noch etwas Spielerisches, behauptet Vonn. Seit zwei Jahren ist sie mit dem Golfer Tiger Woods liiert. Eine Partnerschaft, die auch von kleinen Duellen zusammengehalten wird. "Ich will immer gewinnen", sagt Vonn. "Mit Tiger wachse ich über mich hinaus. Wir treten nicht nur im Kraftraum gegeneinander an. Wir verwandeln auch unseren Alltag in einen Wettkampf. Wer steht morgens früher auf, oder wer ist schneller von der Haustür am Wagen."

Ein Leben im permanenten Kampfmodus

Ihre Ehe mit dem ehemaligen Skiprofi Thomas Vonn hielt dem Leistungsdenken nicht stand. Der Ehrgeiz zerfraß die Beziehung. Thomas Vonn war selbst nur ein mäßig erfolgreicher Rennläufer; umso verbissener arbeitete er an der Karriere seiner Frau. Er kümmerte sich um die Materialabstimmung, er arbeitete Tag und Nacht an der idealen Kombination von Schuh, Bindung und Ski. Lindsey Vonn ließ sich treiben von ihm; sie trainierte bis zur völligen Erschöpfung. Sie, die jeder Coach bremsen muss in ihrem Eifer und der Härte gegen sich selbst.

Thomas Vonn isolierte seine Frau im Ski-Weltcup, diesem kleinen Wanderzirkus, der durch den Winter zieht und in dem jeder jeden kennt. Er sah überall nur noch Feinde. Lindsey Vonns Verhältnis zu ihrer Jugendfreundin, der deutschen Weltklasseskifahrerin Maria Höfl-Riesch, kühlte ab, ebenso ging sie zu ihrer einstmals engen Teamkollegin Julia Mancuso auf Distanz.

Als sich Lindsey Vonn im November 2011 nach vier Jahren Ehe von ihrem Mann trennte, rächte er sich. Thomas Vonn zerfräste ihre Skischuhe, verstellte die Bindungen und machte so Forschungsarbeit von Monaten zunichte.

Unterwegs auf Männerski

Lindsey, geborene Kildow, behielt nach der Scheidung den Nachnamen ihres Mannes – das ist nicht das einzige Vermächtnis der Ehe. Bis heute betreibt Vonn ihren Sport mit einer Akribie und einem Aufwand, die einzigartig sind im Weltcup.

Man bekommt einen Eindruck davon, wenn man Heinz Hämmerle in seinem Container in Bad Kleinkirchheim besucht. Hämmerle, 52, aus Lustenau in Vorarlberg, dient seit fünf Jahren als Servicemann für Lindsey Vonn. Früher hat er Fahrern wie Bode Miller und Patrick Ortlieb die Ski hergerichtet. Er weiß, welche Bretter es braucht, um zu gewinnen.

An der Wand lehnen zwölf Paar Ski, versehen mit Kombinationen wie "VMHRC1". Codes, die nur Hämmerle versteht: Er kann daraus lesen, wie oft der Ski gewachst, welche Struktur in die Oberfläche des Skis geschliffen und welche Bürste beim Finish verwendet wurde. Drei Stunden braucht Hämmerle, um ein Paar Abfahrtsski zu präparieren.

Rasant den Hang runter: Lindsey Vonn beim Training in Beaver Creek/Colorado

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Die Bretter, die es braucht, um zu gewinnen

"Lindsey vertraut mir blind", sagt Hämmerle, "da gibt es keine Diskussionen über technische Feinheiten wie bei den Männern. Lindsey weiß, dass ich alles dafür tue, dass sie die besten Ski unter den Füßen hat."

Es war Hämmerles Idee, Vonn mit Männer-Ski auszustatten. Die sind härter und schneller, aber auch schwieriger zu steuern, vor allem auf kurvenreichen Pisten.

Vor jedem Weltcup-Wochenendewählt Hämmerle im Lager in Kennelbach, Österreich, ein Dutzend Ski aus mehr als 120 Paaren, die er für Vonn vorbereitet hat. Ein Testteam von vier Leuten fährt die Ski später neben der Rennstrecke für Vonn ein; Temperatur und Konsistenz des Schnees sind dort ähnlich.

Ein eingeschworenes Expertenteam

Vonn und ihr Servicemann passen gut zusammen, denn auch Hämmerle ist ein Mensch, dem die Arbeit keine Ruhe lässt. An Wettkampftagen steht er um sechs Uhr morgens am Schraubstock und bürstet und wachst und poliert. Er präpariert die Ski auf eine ganz eigene Art, es ist eine Mischung aus viel Erfahrung und ein wenig Esoterik. So bügelt Hämmerle das Wachspulver nicht mit einem heißen Eisen auf den Skibelag – so wie es die meisten Serviceleute tun –, sondern massiert es mit einem Korkkeil ein, "damit die Poren schön offen bleiben".

Lindsey Vonn hat ein Team von Experten um sich gesammelt, das auf sie eingeschworen ist. Sie beschäftigt einen eigenen Konditionstrainer, eine Physiotherapeutin, Managements in den USA und in Europa, und koordiniert wird das alles von Robert Trenkwalder, einem ehemaligen österreichischen Ski-Nationaltrainer.

Es geht um das Gefühl, etwas wert zu sein

Jede Athletin, die gegen Vonn antritt, tritt gegen eine Mannschaft an. Die Amerikanerin wird schwer zu schlagen sein in Vail, ihrem Wohnort. Sie kennt die WM-Strecke bestens, hat zuletzt an Neujahr dort trainiert. Die Abfahrt mit dem Namen "Raubvogel" liegt Vonn, es gibt viele Geländewechsel, technisch anspruchsvolle Steilhänge und sanfte Gleitstücke. Wer hier bestehen will, braucht viel Mut und viel Gefühl. Beides besitzt Vonn wie keine andere Fahrerin im Weltcup.

Vail kann ein Heimspiel werden für Lindsey Vonn. Ihre Familie sowie viele Freunde und Teamgefährten von früher werden da sein. Menschen, die sie mögen, die sie aufgefangen haben in schwierigen Zeiten. Für Vonn wird die WM aber wieder ein Kampf werden. Es geht um Siege, um Aufmerksamkeit, um das Gefühl, etwas wert zu sein. Es geht um alles, wie immer.

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