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Athen 2004 stern-Serie: Die Opfer der Nazi-Spiele

Jüdische Deutsche sind im Kader nicht erwünscht, nur zwei "Halbjuden" dürfen in Berlin an den Start - als Feigenblätter für Hitlers Rassismus

Von Christian Meyer

Die Opfer der Nazi-Spiele Jüdische Deutsche sind im Kader nicht erwünscht, nur zwei "Halbjuden" dürfen in Berlin an den Start - als Feigenblätter für Hitlers Rassismus Gold-Athletin Die Fechterin Helene Mayer siegt 1928 in Amsterdam für Deutschland, 1936 holt sie Silber Helene Mayer ist 1936 eine der weltbesten Fechterinnen, ein Idol der Jugend, eine beliebte Sportlerin, 25 Jahre alt, als sie bei den Olympischen Spielen in Berlin die Silbermedaille gewinnt. Das Mädchen mit dem Lorbeerkranz im blonden Haar hebt bei der Siegerehrung den Arm zum Hitlergruß. Es ist nur eine kleine Geste, in diesen Tagen nichts Ungewöhnliches, nichts, was nicht alle deutschen Sportler machten.

Helene Mayer ist eine Deutsche und hat einen jüdischen Vater. Ihre Verneigung vor dem Nazi-Regime erklärt sie später mit dem überschwenglichen Jubel und der Begeisterung im Stadion, davon habe sie sich mitreißen lassen. Bis zu ihrem Tod, 1953, wird ihr das vorgeworfen: Sie habe sich für Hitlers Propaganda missbrauchen lassen.

Die "Blonde He", wie die Fechterin genannt wird, ist 1936 in Berlin nur eine von zwei "nicht-arischen" Sportlern, die für das Deutsche Reich auf Medaillenjagd gehen dürfen. Viele Sportler jüdischen Glaubens, die Aussicht auf Medaillen hätten, sind ohnehin nicht geblieben.

Die Nationalsozialisten haben Juden bereits per Gesetz vom öffentlichen Leben nahezu ausgeschlossen. Seit 1933 wurde ihnen auch die Mitgliedschaft in Sportvereinen untersagt: kein Verein, kein Training - und folglich keine Leistung und kein Olympia. Die wenigen jüdischen Spitzensportler, die trotz der massiven Einschränkungen stark genug sind, werden für die Spiele mit fadenscheinigen Begründungen aussortiert. Margarete "Gretel" Bergmann zum Beispiel wird nicht für den deutschen Kader nominiert - angeblich ist sie verletzt. Tatsächlich hat die deutsche Leichtathletikführung angeordnet, die Hochspringerin von den Spielen fern zu halten. Bergmann hätte Chancen, eine Medaille zu gewinnen, vielleicht sogar einen Weltrekord zu springen. Sie hat im Olympiajahr bei den württembergischen Meisterschaften unter schlechten Bedingungen 1,60 Meter überquert - deutscher Rekord auf Weltklasseniveau. Den Funktionären ist das nicht recht, sie schließen Gretel Bergmann aus. Und können trotzdem den Sieg einer Jüdin nicht verhindern: Den Hochsprung der Frauen gewinnt die Ungarin Ibolya Czák - mit 1,60 Meter. Im Gegensatz zu Gretel Bergmann dürfen 1936 Helene Mayer in Berlin und der Eishockeyspieler Rudi Ball bei den Winterspielen in Garmisch für Deutschland starten, weil die beiden als "Halbjuden" geduldet werden. Der Presse wird strikt untersagt, ihre Herkunft zu erwähnen. Mayer und Ball sollen das Ausland davon überzeugen, dass ein Land, das jüdische Sportler in seine Olympiamannschaft beruft, nicht rassistisch sein kann.

Das Internationale Olympische Komitee lässt sich täuschen, im Gegensatz zu den jüdischen Sportlern anderer Länder. Für sie ist die Frage der Teilnahme ein harter Gewissenskonflikt: Sollen sie Hitlers Propagandaspiele boykottieren, wie es die jüdische Sportvereinigung Makkabi fordert? Oder an den Start gehen, um die irrsinnige Rassentheorie der Nazis zu widerlegen?

Besonders viele jüdische Teilnehmer (16) stellt Ungarn, fünf von ihnen gewinnen Gold. Hitler sorgt dafür, dass die Medien nichts über die Siege der jüdischen Sportler berichten. Er will den totalen Triumph des "arischen" Volks. Erfolge von "Nichtariern" für das deutsche Vaterland hingegen erachten die Nazis als wertlos. Die Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow, jüdische Turn-Olympiasieger von 1896 in Athen, werden während des Zweiten Weltkriegs verhaftet. Sie sterben in Konzentrationslagern.

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