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Dop-Olympia: Spritzen, Pillen und Affären

Das IOC sorgt sich um das Image der olympischen Spiele. Zu Recht: Doping, aberkannte Medaillen und Kampfrichter-Skandale rücken die Spiele von Athen ins Zwielicht.

Immer wieder Kampfrichter-Skandale. Dazu eine Serie spektakulärer Doping-Fälle und Siegerehrungen, bei denen "falsche" Sieger mit Goldmedaillen dekoriert werden - die Herren der Ringe sorgen sich um das Image des neben Coca-Cola weltweit bekanntesten Markenzeichens. "Natürlich fallen da Schatten auf die Spiele", sagt Gerhard Heiberg, norwegisches Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). "Doch was die Dopingfälle angeht, da haben unsere Sponsoren die gleiche Überzeugung wie wir." In dem das IOC so "entschieden wie noch nie" den olympische Betrug bekämpfe, "schützen wir unsere Interessen und die unserer Partner", sagt der Vorsitzende der Marketing-Kommission.

661 Millionen Dollar zahlen 11 TOP-Sponsoren in der Periode 2001 bis 2004 in die IOC-Kasse, 886 Millionen werden es bis 2008 sein, mit den Winterspielen 2006 in Turin und den kommenden Sommerspielen in Peking als Angelpunkte der Vermarktung. Die Verträge dafür sind schon geschlossen. Jetzt geht es nur noch um Zusatzgeschäfte. So überlegen Heiberg und sein neuer Marketingdirektor Timo Lumme, wie man auf dem Milliarden-Markt China das Merchandising antreiben kann.

Aufdeckung von Doping ist ein Erfolg

Thomas Bach zieht wie Heiberg eine klare Grenze zwischen Doping- und Kampfrichter-Affären. "Jede Aufdeckung von Doping hier ist ein großer Erfolg für das IOC. Unsere erste Adresse ist nicht die Öffentlichkeit, sondern der saubere Athlet. Ihm müssen wir mit unseren Maßnahmen das Vertrauen geben, dass wir ihn schützen. Deshalb sind wir konsequent gegen Jedermann und schrecken vor nichts zurück", sagt der IOC-Vizepräsident. Heiberg meint: "Wir sind hier den betrügenden Athleten so nahe auf der Spur wie nie." Das zahle sich aus.

Wie Bach mahnte IOC-Sprecherin Giselle Davies am Mittwoch an, die Doping-Problematik richtig einzuordnen. "Bisher hatten wir sieben positive Tests und drei Regelverletzungen, in Sydney 2000 hatte wir 11 Dopingfälle. Wir werden nicht überrascht sein, wenn bis Ende der Spiele noch weitere hinzu kommen." Bach sagt: "Wir führen hier über 3000 Tests durch. Hunderte verdächtiger Sportler sind mit Zielfahndungen außerhalb der Wettkämpfe kontrolliert worden. Selbst wenn am Ende 30 Dopingfälle herauskommen - ich möchte einen gesellschaftlichen Bereich sehen, wo es Betrugsraten unter einem Prozent gibt."

Fehlentscheidungen am Siegertreppchen

Die meisten Sorgen bereitet es den Olympiern, wenn falsche oder betrügerische Sieger gekürt werden. "Ein Teil des Faszinosums ist, dass man unmittelbar nach dem Wettkampf die wahren Olympiasieger ehrt", sagt Bach. Um dies zum dritten Mal nach den Fällen der deutschen Vielseitigkeitsreiter und der später des Dopings überführten russischen Kugelstoß-Olympiasiegerin Irina Korschanenko zu vermeiden, disqualifizierte die IOC-Führung den Ungarn Robert Fazekas am frühen Dienstagabend im Schnellverfahren. Dem deutschen Vizepräsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Helmut Digel blieb bei der Siegerzeremonie somit die Peinlichkeit erspart, einem Betrüger zu gratulieren.

"Wir müssen noch mehr Vorsorge treffen, dass Olympiasieger nicht am Grünen Tisch gemacht werden", sagt Bach und spricht damit vor allem das Problem der Internationalen Verbände an. "Wir werden sie anhalten, noch viel mehr Wert auf die Ausbildung ihrer Schieds- und Kampfrichter zu legen. Die Verbände müssen ihre Regeln einfacher gestalten und konsequenter anwenden. Sie müssen jedem Kampfrichter klarmachen, dass sie sich wie ein Athlet für Olympische Spiele qualifizieren müssen." Richard Pound, kanadisches IOC-Mitglied und Vorsitzender der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) sagt: "Es ist ein Armutszeugnis, wenn Verbände nicht fähig sind, Kampfrichter mit olympischem Niveau aufzubieten. Athleten bereiten sich viele Jahre auf Olympia vor. Für sie ist es eine Katastrophe, wenn sie dann von Kampfrichtern um den Lohn ihrer Anstrengungen gebracht werden."

Aus für Kampfrichter

Heftig umstrittene Kampfrichter-Entscheidungen hat es neben der Vielseitigkeitsreiterei im Turnen, Schwimmen, Fechten und Rudern gegeben. Im Turnen und Fechten sind Kampfrichter wegen offensichtlicher Fehler, die die Goldmedaillen-Vergabe beeinflusst haben, suspendiert worden. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) muss in Athen Überstunden machen. Eins sollte, wenn nicht Doping im Spiel ist, auf jeden Fall vermieden werden, meint das italienische IOC-Mitglied Ottavio Cinquanta: "Es darf nicht sein, dass ein Athlet seine Goldmedaille an einen anderen abgeben muss."

Von Günter Deister/DPA

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