HOME

Stern Logo Athen 2004

Reitsport: "Gegen solch eine Richterei kann man nicht anreiten"

Nur Silber - Ula Salzgeber reagiert verbittert. Bei ihrem finalen Ritt mit Rusty gab sie alles, doch nach der erneuten Niederlage im deutsch-niederländischen Dressur-Duell fühlte sie sich von den Punktrichtern verschaukelt.

Als ihre Rivalin Anky van Grunsven am Mittwoch in Athen nach ihrem Gold- Ritt mit Salinero die Wiederholung des Olympiasieges von Sydney 2000 bejubeln konnte, ließ die auf den Silber-Rang zurückgefallene Mannschafts-Olympiasiegerin ihrer Verbitterung freien Lauf.

"Silber ist ja auch nicht gar nichts"

"Gegen solch eine Richterei kann man nicht anreiten", sagte Ulla Salzgeber und klagte namentlich den polnischen Punktrichter Wojciech Markowski an, der sie zwei Tage zuvor im Grand Prix Spezial ihrer Meinung nach viel zu schlecht bewertet hatte. Das hatte sie am Ende Sieg gekostet. Platz zwei war für sie nach Gold mit der Mannschaft zumindest im ersten Moment kein Grund zur Freude, wie ihre spontane Reaktion verriet: "Silber ist ja auch nicht gar nichts", meinte sie mit einem sichtlich gequälten Lächeln.

Van Grunsven siegte nach der besten Kür mit insgesamt 79,253 Punkten vor der 46-Jährigen aus Bad Wörishofen, die auf 78,833 Zähler kam. Das Damen-Trio auf dem Treppchen machte die Spanierin Beatriz Ferrer-Salat komplett, die mit Beauvalais auf 76,667 Punkte kam und Dritte wurde. Hervorragender Fünfter wurde als bester Mann Hubertus Schmidt mit Wansuela Suerte aus Borchen-Etteln (74,899).

Rusty letzter internationaler Einsatz

"Ich glaube, Rusty ist sehr gut gegangen. Aber wenn es so sein soll, soll es so sein", bemerkte Salzgeber enttäuscht, nachdem das Ergebnis auf der Anzeigetafel erschien. Für Rusty war es der letzte internationale Einsatz, wie sie verriet: "Jetzt reite ich ihn nur noch zum Spaß zu Hause und und in Shows." Unmittelbar nach ihrer guten Kür zur Musik Carmina Burana von Carl Orff hatte sich noch ein Lächeln auf ihrem Gesicht gezeigt, das nach dem Endergebnis zur Maske erstarrte.

Van Grunsven, die unmittelbar vor ihr geritten war, gewann den spannenden Zweikampf um Gold gegen Salzgeber ebenso wie vor vier Jahren in Sydney, als sie mit ihrem damaligen Pferd Bonfire Isabell Werth (Rheinberg) mit Gigolo geschlagen hatte. Die "Kür-Königin" aus den Niederlanden war überwältigt von ihrem neuerlichen Triumph: "Es ist unglaublich, schon wieder Gold zu haben. Ich hatte nie im Leben daran gedacht, vor allem nach den Problemen in der letzten Zeit." Fünf Monate konnte sie nach einem Beinbruch nicht richtig reiten.

Einbruch schon am Montag

Die Goldmedaille verloren hat Salzgeber im Nachhinein schon am Montag. Ihr Vorsprung von knapp vier Prozentpunkten aus dem Grand Prix war nach ungewohnten Patzern mit ihrem Wallach Rusty im Spezial auf etwa einen halben zusammengeschmolzen. Danach hatte sie bereits eine böse Vorahnung für die abschließende Prüfung gehabt, die sich am Mittwoch bestätigen sollte. "Das hat mich nicht eiskalt erwischt", bemerkte sie in Bezug auf die Benotungen.

In die Phalanx der Reiterinnen drang als einziger Mann Hubertus Schmidt ein. Bei seinem Olympia-Debüt überzeugte er mit seiner elfjährigen Stute Wansuela Suerte in allen drei Teilprüfungen und wurde mit dem fünften Rang belohnt. "Ich wollte eigentlich nur einstellig bleiben", erklärte der 44-Jährige. Mit Team-Gold und als zweitbester deutscher Athen-Starter etablierte er sich endgültig in der Weltspitze.

Einen Einbruch erlebte Martin Schaudt (Albstadt). Sein Weltall verweigerte gleich zu Beginn der mit Musik der Rockgruppe Toto unterlegten Kür den Dienst und stieg hoch. Mit weiteren schweren Patzern und deutlichem Ungehorsam bestätigte der zehnjährige Hengst seinen Ruf, wonach Genie und Wahnsinn bei ihm dicht beieinander liegen. Nach dem Grand Prix hatte Schaudt noch auf Platz vier gelegen und rutschte mit nur 69,656 Prozentpunkten auf Rang 15 ab.

Von Michael Rossmann/DPA

Wissenscommunity