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Siebenkämpferin Carolina Klüft: Blondes Wunder

Siebenkämpferin Carolina Klüft dürfte der Star dieser Spiele werden. Ihre gute Form verspricht großen Sport. Und die Schwedin tritt mit einer Leichtigkeit an, die schon an Frechheit grenzt.

Wenn es Nacht wird, ist Limassol noch weniger erträglich als Playa de Palma. Die Einheimischen rasen die Küstenstraße rauf und runter, in Autos, deren Heckspoiler die Ausmaße eines Billy-Regals haben. Im Hotel Miramare vergeht sich der Alleinunterhalter an "Strangers In The Night", und die Jungs vom schwedischen Leichtathletikteam trinken noch ein Bierchen, während ihr großer Star Carolina Klüft schon im Bett liegt. Warum, um Himmels willen, haben die Schweden ihr kleines Vorbereitungscamp hier aufgeschlagen? "Man kann sich prima für Athen akklimatisieren", sagt einer, "außerdem waren wir im Frühjahr schon mit den Schwimmern hier, da hat es uns und Carolina so gut gefallen."

Am nächsten Morgen

erzählt die Frau im Radio, dass es 39 Grad warm sein wird; die blau-gelbe Reisegruppe hält auf ihrem Weg zum Training beim River Market und deckt sich mit zwei Sixpacks Wasser ein. Es ist neun Uhr, die Hitze haut einen sogar im Schatten um, trotzdem hat Carolina unfassbar gute Laune. Sie rennt wie aufgedreht durch das baufällige Stadion, lacht und macht Faxen und flirtet die Leute mit den Kameras an.

An diesem Freitag beginnen im Athener Olympiastadion die Leichtathletikwettbewerbe, und der mutmaßliche Star der Spiele wird Carro sein, dieses blonde Mädchen aus Boras in Südschweden. Nicht mal ihre Konkurrentinnen im Siebenkampf werden ernsthaft daran zweifeln, dass sie Gold holt. Die Mehrkämpfer gelten traditionell als die Könige der Leichtathletik. Carolina Klüft wird ein paar Tage später auch gegen die Spezialistinnen im Weitsprung antreten, Medaille höchst wahrscheinlich. Ob der Begriff Königin dann noch ausreicht?

Eine beängstigend gute Form hat sie jedenfalls: Bei den nationalen Meisterschaften in Karlstad brach sie vor knapp zwei Wochen die Landesrekorde über 100 Meter und im Kugelstoßen, nebenbei sprang sie so hoch wie keine andere Schwedin dieses Jahr.

In der an Stars inzwischen sehr armen Leichtathletik ist die Schwedin mehr als nur eine nationale Hoffnung. Sie verkörpert das Versprechen auf Glamour - und eine Leichtigkeit, die an Frechheit grenzt. Sie schäkert während des Wettkampfs mit dem Publikum, winkt noch im Startblock charmant in die Kameras und zwinkert unverschämt. Vor zwei Jahren, als sie Europameisterin wurde, ging sie mit ihrer Art der humorlosen deutschen Kollegin Sabine Braun dermaßen auf den Keks, dass die hinterher meckerte: "Zwei Tage dieses Herumalbern ertragen zu müssen ist schon ziemlich krass."

Klüft hat definitiv ein Talent zur Selbstdarstellung.

Und ihre Lieblingssätze sind: "Ich bin doch nur ein kleines Mädchen in der großen Welt." Oder: "Ich will Spaß haben in meinem Sport." Man sitzt ihr gegenüber und schmunzelt, weil sie das immer sagt, egal, auf welche Frage. Und wenn das ihre Masche ist, dann geht man ihr verdammt gern auf den Leim. Auf jeden Fall ist sie ein hübscher Gegenentwurf zu all den grimmigen Ostblock-Olgas und den Muskelpaketen made in USA. Man will sich einfach nicht vorstellen, dass dieses Mädchen etwas Verbotenes schluckt oder spritzt. Wenn doch, würde man den allerletzten Glauben an saubere Sportler verlieren - zumal Betrug in das Lebenskonzept dieses Mädchens, das durch und durch rein wirkt, zum Verrecken nicht passen mag.

Vor Wettkämpfen hört Carolina Musik aus Disney-Filmen, "König der Löwen" und so; nie würde sie ohne ihr Stofftier Eeyore verreisen oder Zigaretten rauchen. Sie war auch noch nie betrunken, sagt sie, McDonald's findet sie eklig, und Lust auf Partys hat sie sowieso nicht. Irgendwelche Laster? Bonbons, sagt sie. Und zu Hause aufräumen, das sei auch nicht so recht ihr Ding.

Carolina Klüft ist das, was man seit langem in der Leichtathletik vermisst hat: ein Wunderkind, ein Naturtalent. Während der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele flutscht sie in Limassol nach sechs, sieben Versuchen lässig über 1,90 Meter im Hochsprung. In Athen würde das fürs Finale reichen. In der Spezialdisziplin. Gelegentlich trainiert sie Stabhochsprung; wenn sie es darauf anlegen würde, könnte sie wohl den Weltrekord brechen. Und neulich hat sie spaßeshalber an einem Dreisprung-Wettkampf teilgenommen und die Jahresbestweite erzielt. Glaubt man den schwedischen Trainern, würde Carolina Klüft jede Disziplin dominieren - wenn sie nur wollte.

Vergangenen August, bei der Leichtathletikweltmeisterschaft in Paris, übertraf sie als dritte Frau der Siebenkampf-Historie die 7000-Punkte-Marke. Lars Jörbrink, der in Schweden den Team-Sponsor Reebok vertritt und ein alter Freund der Klüft-Familie ist, sagt: "In Athen bricht Carro den Weltrekord. Garantiert."

Rekorde? Kosten sie ein Achselzucken. Interessieren sie überhaupt nicht, genauso wenig wie die gigantischen Erwartungen daheim. "Natürlich ist Olympia etwas Besonderes", sagt sie, "aber ich bin 21, wenn ich nicht in Athen gewinne, dann eben vier Jahre später." Sie hat nicht diesen Vernichtungswillen, der andere Spitzensportler wie den Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong auszeichnet.

Sie redet lieber davon, was für eine tolle Gemeinschaft dieses kleine schwedische Team sei, dem auch ihr Verlobter angehört. Patrik Kristiansson, 27, ist Stabhochspringer, ein großer, starker Bursche mit Waschbrettbauch und besten Aussichten, der Medaillensammlung im gemeinsamen Wohnzimmer eine eigene aus Athen beizusteuern.

Mit nur zwölf Leuten tritt der schwedische Leichtathletikverband in Athen an - und wird wohl trotzdem erfolgreicher sein als die 78 Deutschen. "Vier Medaillen sollten wir gewinnen", sagt Cheftrainer Ulf Karlsson, der ansonsten nicht viel sagt. Wer sich fürs Olympia-Team qualifiziert, hat die härteste Hürde schon mal genommen. Kein schlechtes Modell eigentlich: Nur die Allerbesten dürfen mit. Da vermiest wenigstens keiner die Partystimmung.

Die Schweden muss man sich nämlich als ziemlich fröhliche Familie vorstellen. Alle sehen blendend aus, wirklich alle, und dazu sind sie unglaublich entspannt und nett. Vergangenes Jahr während der WM traten sie zu sechst bei einem Pressetermin in einem Konferenzraum im Eiffelturm auf - und einen Augenblick lang hatte man das Gefühl, eine Model-Agentur habe sich in der Tür geirrt. Nun, im Stadion von Limassol, trainieren die Jungs mit nacktem Oberkörper, Carolina saust derweil im bauchfreien Dress über die Hürden.

Carolinas Papa Johnny war lange Jahre Fußballprofi, ihre Mutter Ingalill Weitspringerin; die beiden haben vier Mädels in die Welt gesetzt, die irritierenderweise alle gleich aussehen. Die Familie, sagt Carolina, sei ihr das Wichtigste im Leben, wichtiger als Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. Und wenn sie aus ihrer Kindheit berichtet, klingt das ein bisschen nach Astrid Lindgren. Sie erzählt, wie sie auf Bäume kletterten und in Pfützen rumsprangen und dass die wichtigste Lektion der Eltern die Erziehung zur Selbstbestimmung war. Carolina erzählt und erzählt, und fast traut man sich zu fragen, ob die Klüft-Mädchen wohl nackig durch ihren Garten geflitzt sind.

Sie hat sich eine Menge

von diesem Pippi-Langstrumpf-Geist rübergerettet in ihr Leben als Star, die Carolina, Studentin der Geschichtswissenschaften an der Universität von Växjö. Als sie zum Grand-Prix-Finale der Leichtahthleten nach Monaco eingeladen wurde, hat sie höflich abgelehnt; erst recht, als Prinz Albert anbot, sie im Privatflieger abholen zu lassen. Und die 100 000 Dollar, die sie dort verdient hätte? "Mir bedeutet Geld nichts." Statt abzukassieren, besuchte sie ihr Patenkind in Afrika.

Sie sagt, dass Sport so ernst geworden sei. Überhaupt, die ganze Gesellschaft sei so egomanisch, und die Leute hätten keine Zeit mehr füreinander, und immer gehe es nur um Geld. Je länger sie monologisiert, desto mehr wird sie zur Predigerin. Schade, dass Gandhi nicht mehr lebt. Man hätte die beiden gern miteinander bekannt gemacht.

Carolina erzählt jetzt schon eine ganze Weile von Liebe und Respekt und Frieden, und ihre blauen Augen leuchten immer mehr. Ihr Kumpel Lars Jörbrink, der dem Gespräch zunächst noch interessiert zugehört hat, fängt demonstrativ an zu schnarchen. Sie legt halt immer dieselbe Platte auf.

Als Live-Darbietung kann man trotzdem kaum genug davon bekommen.

Markus Götting

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