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Dopingexperte Müller: "Olympisches Motto aufgegeben"

Es sind die Spiele der Rekorde. Viele Zuschauer können sich die Leistungen von Phelps, Bolt und anderen nur mit Doping erklären. Im Interview mit stern.de hofft Dopingexperte und Mitglied der Nationalen Anti Doping Agentur, Professor Klaus Müller, dass die Athleten aufgrund vieler Kontrollen sauberer sind.

Herr Prof. Müller, in Peking purzeln die Weltrekorde in etlichen Disziplinen. Die Namen Usain Bolt und Michael Phelps bleiben uns allen im Gedächtnis. Allein im Schwimmen stellten die Athleten insgesamt 25 neue Bestmarken auf. Wie bewerten Sie als Dopingexperte die Flut der Rekorde bei diesen Spielen?

"Ich bin absolut gegen eine Vorverurteilung der Athleten. Die Tatsache, dass bestimmte Sportler noch nicht positiv getestet wurden, spricht zuerst für ihre Unschuld. Es gibt Ausnahmetalente, die unter optimalen Trainingsbedingungen reifen. Aber der Zuschauer am Bildschirm muss sich daran gewöhnen, dass er bei jedem neuen Rekord auch etwas Unbehagen fühlt. Trotzdem hoffe ich in Peking weiterhin auf besonders intensive Kontrollen bei besonders auffälligen Leistungen. Unabhängige Beobachter der Welt-Anti-Doping-Kommission (Wada) und die Einbeziehung vieler ausländischer Experten im dortigen Labor - auch aus Köln und Dresden - werden ihr Übriges tun, dass da nichts vertuscht werden kann. Die Kontrolle aller Teilnehmer in der Vorbereitungsphase steht auf einem anderen Blatt. Hier kann man eher Schwächen vermuten."

Bestmarken fielen zuletzt auch im Stabhochsprung der Frauen durch die Russin Jelena Issinbajewa und über die 3000 Meter durch eine weitere Russin. Schon vor den Spielen wurden mehrere russische Leichtathleten gesperrt. Gibt es Länder, die systematisch dopen?

"Kontrollen außerhalb des Wettkampfs erfolgen überwiegend durch nationale oder regionale Antidoping-Agenturen und damit noch nicht garantiert unter gleichen Voraussetzungen und Bedingungen wie bei Olympia. Hier liegen meines Erachtens die größten Reserven für eine weltweit einheitliche Kontrolle. Zwischen technischen Schwierigkeiten und Schwächen, Halbherzigkeit und noch nicht völlig auszuschließender Duldung oder Förderung von Doping liegt eine große Spannweite. Manche Sportverbände und auch einige Länder müssen hier noch viel unternehmen. Für konkrete Einzelfälle fehlen mir aber die Detailkenntnisse."

Nun gab es bei diesen Spielen verhältnismäßig wenig positive Tests, darunter vor allem wenig Prominenz. Liegt es daran, dass die Athleten zur Vernunft gekommen sind oder dass die Dopingkontrolleure versagt haben?

"Im Vorfeld der Spiele wurden mehr Kontrollen als üblich angekündigt. Ich hoffe, dass dieser Warneffekt wirkt. Zudem besteht die Möglichkeit, Proben sogar nach längerer Aufbewahrung noch nachträglich zu untersuchen. Auch dies könnte einen Effekt erzielen. Ob Athleten letztlich aus Überzeugung oder aus Angst vor dem Überführtwerden auf Dopingversuche verzichten, weiß ich nicht. Aber ich hoffe darauf, dass die Vernunft zunimmt. Dazu gehört es auch, die Überzeugung zu vermitteln, dass Dopingversuche häufiger unternommen werden, als sie ihr Wunschziel erreichen: Das Risiko hat man sicher, den Erfolg nicht."

Wie erklären Sie sich das Phänomen Michael Phelps?

"Ich hoffe, dass er ein fleißiges Ausnahmetalent ist. Wenn er - was anzunehmen ist - intensiv kontrolliert wird, ist zwar die Existenz eines unbekannten Wundermittels nicht absolut auszuschließen, bleibt aber eine unwahrscheinliche Unterstellung."

Im Moment gilt nur die Leistung als Verdachtsmoment. Wie weit hängt im Schwimmen und in anderen Sportarten die Anti-Doping-Forschung der Entwicklung neuer illegaler Mittel hinterher?

"Die Behauptung, neue illegale Mittel würden ständig und massenhaft neu entwickelt, ist ein unausrottbares Gerücht. Doping geschieht nahezu ausschließlich über den Missbrauch von Wirkstoffen und Methoden, die für medizinische Zwecke produziert wurden. Die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs kostet Hunderte Millionen und dauert bis zur Markteinführung viele Jahre. Schon während dieser Entwicklungsphase sind die künftigen Medikamente längst bekannt. Wenn die Mittel dann auch noch dopingrelevant sind, können sie bereits verboten und für die Analytik berücksichtigt werden. Mehrere Beispiele zeigen, dass auch bislang unbekannte oder unübliche Mittel alsbald auffallen und verboten sowie kontrolliert werden. Allerdings gibt es eben auch seltene Ausnahmen. Die Möglichkeiten sind zwar stark begrenzt, trotzdem wird mit einzelnen noch unbekannten Mitteln oder Taktiken gedopt. Schwachstellen der Nachweisbarkeit liegen am ehesten an dem kurzen Zeitfenster, in dem die Wirkstoffe im Körper anwesend sind. Oder wenn die Athleten zur falschen Zeit oder gar ganz von Kontrollen fernbleiben."

Was bringt einen Athleten eigentlich beim Schwimmen weiter? Oder anders ausgedrückt: Dopen Radsportler, Schwimmer und Sprinter heute immer noch unterschiedlich?

Früher waren es überwiegend Anabolika, die letztlich auch heute immer noch die 'Renner' der Statistik von Dopingfällen sind. Das inzwischen längst auch nachweisbare Erythropoietin (Epo), das eigentlich nur bei Ausdauerleistungen Vorteile verspricht, wurde auch schon bei Kurzzeitleistungen missbräuchlich angewandt. Ansonsten kann man angesichts der relativ geringen Zahl bekanntwerdender Verstöße weder zwischen Sportarten noch zwischen den Dopingmitteln 'Rollenverteilungen' erkennen."

Die Deutschen können bisher nur eine durchwachsene Bilanz bei den Spielen ziehen. Vor allem im Schwimmen hechelte der Deutsche Schwimmverband bis auf Britta Steffen nur hinterher. Woran liegt das, sind die Kontrollen in Deutschland so gut?

"Die Kontrollen sind zweifellos in Deutschland und nahezu in ganz Europa vorbildlich. Sie werden außerdem laufend überwacht und verbessert. Das ist aber noch nicht überall so. So kann man in manchen Ländern "Nischen" für unentdecktes Dopen in der Vorbereitungsphase nicht ausschließen. Ob es weitere Gründe für mehr erfolgreiche Schwimmer aus anderen Herkunftsländern gibt, darüber müssen sich die Trainer und die Verantwortlichen für die Athletenauswahl und -förderung Gedanken machen."

So lange die Sportwelt immer neue Höchstleistungen fordert, wird es immer neue Varianten des Dopings geben. Welche Rolle spielt dabei noch das Talent der Athleten?

"Es wird hoffentlich immer das bestimmende Moment bleiben. Selbst Doping bewirkt doch bei untalentierten oder schlecht trainierenden Sportlern noch keine Höchstleistungen. Doping verzerrt ja den Wettbewerb vor allem, wenn es den entscheidenden - und oft kleinen - Unterschied zwischen den Spitzenleistungen der vordersten Plätze überbrückt. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass Doping ebenso wie andere menschliche Fehlverhaltensweisen - seien es Rauchen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Gewaltanwendung usw. - nicht völlig abzuschaffen sind."

Gendoping ist wohl die neueste Variante. Sie haben vor den Spielen zum Thema Gendoping gesagt: "Richtiges Gendoping mit der Aussicht auf Erfolg ist nach meiner Kenntnis noch nicht möglich." Bleiben sie dabei?

"Ja. Allerdings hatte ich meiner Einschätzung hinzugefügt, dass man einzelne Versuche nicht ausschließen kann. Dazu gehört eine hohe Risikobereitschaft für die Gesundheit der Athleten und ein hoher finanzieller Aufwand. Es handelt sich dabei aber um Methoden aus dem Experimentalstadium. Eine 'neue Welle' von 'richtigem' Gendoping ist aber nur zu erwarten, sobald am Menschen erprobte Verfahren in die medizinische Therapie eingeführt werden und dann gewissermaßen 'nur' missbraucht werden müssen."

Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Olympischen Spiele in Peking am Fernseher?

"Bei aller Hochachtung vor sportlichen Spitzenleistungen sehe ich den Leistungssport vor allem als Vorbild für den Breiten- und Freizeitsport an. Deshalb bin ich nicht glücklich über das absolute Anstreben von Rekorden, Medaillen und Siegen. Das frühere Motto "Teilnahme ist wichtiger als Sieg" wurde gänzlich aufgegeben."

Interview: Sebastian Pittelkow

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