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Olympia: Deutsche Reiter unter Doping-Schock

Der deutsche Pferdesport ist nach einer positiven Probe bei Christian Ahlmanns Pferd Cöster vom schlimmsten Doping-Fall seit Athen 2004 erschüttert worden. Der gesamten Reitszene droht jetzt ein herber Imageverlust. Drei weitere Reiter sind ebenfalls erwischt worden.

"Der Schatten fällt auch auf alle anderen im Team", sagte Verbands-Generalsekretär Hanfried Haring am Donnerstag in Hongkong und befürchtet einen großen Imageschaden: "Ich schwanke zwischen Unverständnis und Wut." Zweifel an der Schuld hat Haring trotz des fehlenden Ergebnisses der B-Probe nicht: "Kann doch keiner sagen, dass das vom Himmel fällt."

Weitere Final-Teilnehmer betroffen

Auch drei andere Reiter sind erwischt worden: Denis Lynch (Irland) mit Lantinus, Tony Andre Hansen (Norwegen) mit Camiro und Bernardo Alves (Brasilien) mit Chupa Chup. Die vier Reiter wurden suspendiert und durften nicht mehr am Einzel-Finale am Donnerstagabend teilnehmen. Die norwegische Equipe könnte ihre Bronzemedaille an die Schweiz verlieren, sollte das Ergebnis bei Hansens Camiro sich in der B-Probe bestätigen.

"Ich bin fassungslos", sagte der deutsche Delegationsleiter Reinhard Wendt zum Fall Ahlmann. "Das ist ein Desaster." Der Betroffene selbst verließ nach einer Anhörung am Morgen fluchtartig Hongkong. Der Springreiter ist aus der deutschen Olympia-Mannschaft ausgeschlossen und von sofort an vom Turniersport vorerst suspendiert worden.

Schmerzen lassen das Pferd höher springen

Vier Jahre nachdem die deutschen Springreiter ihr Gold aus Athen wegen einer verbotenen Medikation von Ludger Beerbaums Pferd Goldfever zurückgeben mussten, schlug die Nachricht über Ahlmanns positiven Doping-Test wie eine "Bombe" ein. Bei Cöster - wie bei den anderen drei Pferden - wurde die verbotene Substanz Capsaicin festgestellt. Diese ist nach Angaben des deutschen Mannschafts-Tierarztes Björn Nolting ein Bestandteil der Chilischote und kann zur Durchblutungsförderung eingesetzt werden. Möglich ist aber auch der Einsatz der Creme an den Vorderbeinen oberhalb des Hufes, um die Haut zu reizen, was das Anschlagen an die Stangen schmerzhafter macht. Die Substanz wäre auch deshalb geeignet, weil sie laut Nolting "als flüchtig" gilt. Capsaicin fällt grundsätzlich in die Klasse der verbotenen Medikation, im Falle des Missbrauchs allerdings unter Doping.

Nolting versicherte, dass er von keiner Behandlung des Pferdes Cöster gewusst habe. Alle deutschen Reiter haben unterschrieben, dass die Tiere acht Wochen vor sowie während der Spiele nicht ohne Absprache mit dem Veterinär behandelt werden dürfen. "Wir haben zig-fach darüber gesprochen", berichtete Nolting. Die Reiter seien "mehrfach aufgeklärt" worden.

Erinnerungen an die Spiele von Athen werden wach

"Wir stehen trotzdem heute da wie vor vier Jahren", klagte der Veterinär. "Die Enttäuschung ist auch deshalb so immens, weil wir wissen, was wir unternommen haben, um so etwas zu unterbinden", sagte Delegationsleiter Wendt. "Ich dachte, wir hätten nach Athen ausgiebig genug darüber gesprochen." Vor vier Jahren in Athen hatte die deutsche Mannschaft ihre Goldmedaille im Teamwettbewerb wegen einer sogenannten Medikation bei Goldfever verloren, die möglicherweise unproblematisch gewesen wäre, wenn die Behandlung angemeldet worden wäre.

Die Zahl von insgesamt vier positiven Fälle bezeichnete Peter Hofmann, der Vorsitzende des deutschen Springausschusses, als "Supergau für den Sport" und als "absolute Katastrophe". Da denke "man natürlich darüber nach, welche Auswirkungen, das auf den olympischen Reitsport hat". Die drei Pferdesport-Disziplinen gelten wegen der hohen Kosten seit Jahren als Streichkandidaten für das olympische Programm. Die neuen Doping-Fälle vergrößern das Problem. Vor vier Jahren hatte auch der Springreiter Cian O’Connor seine Medaille nach einem Positiv-Test verloren.

Ahlmann kann sich den Befund nicht erklären

"Das wird davon abhängen, wie die FEI damit umgeht", sagte Haring zur Zukunft des Reitsports und forderte eine schnelle Aufarbeitung. Zur Behandlung des Ahlmann-Falles durch den deutschen Verband meinte er: "Da gibt es keine alten Verdienste und keinen Artenschutz." Ahlmann hatte nach Angaben des Verbandes bei der Anhörung gesagt, dass er sich die positive Probe nicht erklären könne und dass er mehr Zeit für die Recherche benötige.

Ahlmann gehörte zur deutschen Equipe, die am Montag im Mannschafts-Wettbewerb Fünfte geworden war. Die Probe war einen Tag zuvor genommen worden. Nach der Öffnung der B-Probe am Freitag im "Hong Kong Analytical Laboratory" soll das Ergebnis drei Tage später vorliegen. Vor dem Abflug zu den Spielen in Hongkong hatte es eine interne Kontrolle der deutschen Olympia-Teilnehmer gegeben. Dabei sind nach Angaben des deutschen Tierarztes alle Proben negativ gewesen.

Von Michael Rossmann/DPA / DPA

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