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Olympia: Internet-Zensur spaltet IOC

Die unerwartete Internet-Zensur durch Olympia-Gastgeber China sorgt für mächtig Wirbel im Internationalen Olympischen Komitee. Dessen Chef Jacques Rogge steht arg in der Kritik - vor allem weil er den Bruch der Zusagen durch den Gastgeber offenbar tatenlos hinnimmt.

Angesichts der weltweiten Proteste gegen die Internetzensur in China zeichnen sich Differenzen innerhalb des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ab. Pressechef Kevan Gosper deutete am Donnerstag an, IOC-Präsident Jacques Rogge müsse von den geplanten Beschränkungen seitens der chinesischen Behörden gewusst haben. Dagegen habe er selbst erst am vergangenen Dienstag erfahren, dass sich Chinas Versprechen auf freien Internetzugang für Journalisten nur auf die reine Sportberichterstattung beziehen solle.

Erst bei einem Treffen mit dem Sprecher des Pekinger Organisationskomitees, Sun Wiede, habe es plötzlich geheißen, Journalisten würden lediglich einen "ausreichenden Zugang" zum Internet erhalten, sagte Gosper der Nachrichtenagentur AP. Und er fügte hinzu: "Es würde mich überraschen, wenn jemand eine solche Änderung beschlossen hätte, ohne ihn (Rogge) zumindest darüber zu informieren." Aus seiner Sicht habe es jedenfalls eindeutige Änderungen mit Blick auf die Vereinbarungen zur Zensur gegeben, und dies stehe nicht im Einklang mit den normalen Gepflogenheiten für die Berichterstattung über Olympische Spiele.

Journalisten können im Pressezentrum der Olympischen Spiele in Peking keine Internetseiten mit bestimmten Inhalten öffnen: Zum Beispiel die Seiten von Amnesty International sowie Seiten, die sich mit Tibet oder dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 befassen, konnten in den vergangenen Tagen nicht aufgerufen werden. Bei der Vergabe der Olympischen Spiele im Jahre 2001 hatte China noch eine "völlig freie Berichterstattung" versprochen.

IOC-Sprecherin Giselle Davies erklärte, es habe offensichtlich eine Reihe Missverständnisse gegeben. Diese wolle man nun gemeinsam mit den Veranstaltern aufklären. Zurzeit herrsche noch große Verwirrung.

IOC-Chef Rogge selbst sagte bei seiner Ankunft in Peking am Donnerstag nichts dazu. Am Samstag beginnt in der chinesischen Hauptstadt aber eine zweitägige IOC-Vorstandssitzung, bei der die Internetzensur im Mittelpunkt stehen dürfte. Zudem dürften das Anti-Doping-Programm und die Luftverschmutzung in Peking zur Sprache kommen.

Kritik aus Deutschland

Der Deutsche Olympische Sportbund forderte das IOC auf, sich für einen ungehinderten Internetzugang für alle akkreditierten Journalisten einzusetzen. "Die Organisatoren sind dabei, ein Eigentor zu schießen", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am Donnerstag im ZDF-Morgenmagazin. "Natürlich gehört zur Pressefreiheit auch eine freie Recherchemöglichkeit." Vesper betonte, es sei Sache des IOC, das Problem mit den chinesischen Organisationen zu klären.

Amnesty International wies dem IOC eine Mitverantwortung für die Internetzensur zu. Das Komitee habe mit seiner Strategie der stillen Diplomatie versagt, erklärte die China-Expertin der Menschenrechtsorganisation, Verena Harpe, im rbb-Inforadio. "Es hat ein Zeitfenster gegeben, in dem klar war, wie wichtig den Chinesen ein Gelingen der Spiele ist. In diesem Zeitfenster hätte das IOC Druck ausüben müssen. Diese Gelegenheit hat das IOC nicht genutzt."

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