Turnen Chusovitina springt ins Glück


Als 17-Jährige holte sie ihre erste Olympia-Medaille im Turnen, damals noch mit der GUS-Mannschaft. 16 Jahre später schlägt sie erneut zu, und diesmal für Deutschland: Oksana Chusovitina - mittlerweile 33 - holte sich sensationell Silber im Sprung. Und ans Aufhören denkt die "Turn-Oma" noch lange nicht.

Oksana Chusovitina sprang mitten ins Glück. Jubelnd fiel die 33 Jahre alte "Turn-Oma" aus Köln ihrer Trainerin Shanna Poljakowa in die Arme, als sie mit ihren beiden perfekten Sätzen in Peking die Silbermedaille erkämpft hatte. Für die gebürtige Usbekin schloss sich bei ihren fünften Spielen damit ein im Turnen noch nie dagewesener Olympia-Kreis, den sie 1992 als 17-Jährige mit Gold in der Mannschaft der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eröffnet hatte.

"Diese Medaille widme ich meinem Sohn Alisher", sagte die Mutter des fast Neunjährigen. Wegen seiner Leukämie-Erkrankung und der besseren Behandlungsmöglichkeiten in Köln war sie vor Jahren nach Deutschland gezogen, erst vor zwei Jahren nahm sie die deutsche Staatsbürgerschaft an. "Über seine Krankheit möchte ich jetzt nicht mehr sprechen, er ist jetzt gesund und ich bin glücklich", meinte sie und kündigte an, ihre Karriere fortzusetzen. "Einen Kopf wie mit 33, aber einen Körper wie mit 23 - das wäre optimal", sagte sie schmunzelnd.

Älteste Olympionikin der Turn-Geschichte

Mit frappierender Sicherheit brachte die älteste Olympia-Teilnehmerin der Turn-Geschichte beide Sprünge, den Überschlagsalto vorwärts mit eineinhalb Schrauben und den neuen Sprung, den Tsukahara mit Doppelschraube, in den Stand. "Als die Landung klappte, war ich soooo zufrieden. Immerhin war es Premiere, ich habe den Sprung zum ersten Mal gezeigt. Auf Bronze hatte ich gehofft, von Silber nicht geträumt", gestand sie, winkte in die TV-Kameras und hob den Daumen. Nur die Nordkoreanerin Hong Un Jong landete mit 15,650 Punkten vor der Deutschen, die im Mittel beider Sätze auf 15,575 kam. Top- Favoritin Cheng Fei aus China stürzte und musste sich mit Bronze zufrieden sein.

"Die Feier steigt im Deutschen Haus. Da stören wir Fabian (Hambüchen) nicht in seinen Vorbereitungen und kommen auch ganz leise wieder ins Quartier zurück", kündigte Sportdirektor Wolfgang Willam eine größere Party an. Immerhin war Chusovitina die erste deutsche Turnerin seit 20 Jahren, die wieder eine Olympia-Medaille erkämpfte. Zuletzt hatte Dagmar Kersten aus Berlin in Seoul Silber am Barren für die DDR geholt. Ergriffen war Cheftrainerin Ulla Koch: "Wir können das noch gar nicht realisieren. Mein Sohn hat am Telefon geweint, mein Mann hat geweint und ich war den Tränen nah."

Hambüchen schrammt an erster Medaille vorbei

Fabian Hambüchen hatte sich zuvor selbst mit einer fast makellosen Kür am Boden Rückenwind für das Reck-Finale am Dienstag verschafft und als Vierter Bronze nur um den Hauch von 0,075 Punkten verpasst. Dennoch fand der nach den beiden Reck-Abstürzen so traurige deutsche Turnstar sein Lächeln wieder und war zufrieden. "Natürlich habe ich auch kurz an Bronze gedacht. Aber man wünscht ja keinem Konkurrenten etwas Schlechtes", gestand Hambüchen, der erst vom letzten Starter, dem Spanier Gervasio Deferr (15,775), vom Treppchen gestoßen wurde. Aufgrund des Schwierigkeitsgrades seiner Übung von 6,5 hatte er vorab nicht unbedingt auf eine Medaille hoffen können. Der Sieg ging an den Chinesen Zou Kai (16,05), Bronze hinter Deferr holte sich Anton Golozuzkow (Russland/15,725).

"Jetzt kann ich am Dienstag an Barren und Reck wieder voll angreifen", sagte Hambüchen, der diesmal nicht von seinem Vater betreut werden konnte, weil er mit Fieber das Bett hütete. "Am Reck wäre das nicht so schön, aber bis dahin ist er wieder fit", ist sich Fabian sicher. "Natürlich haben die Stürze seine Psyche angegriffen, der Druck ist immens", meinte Manager Klaus Kärcher und prophezeit in den verbleibenden Stunden noch viel Arbeit für Mentaltrainer Bruno Hambüchen, Fabians Onkel. Die Verletzung am kleinen Finger wird den Weltmeister kaum noch behindern. Zuletzt hatte Hambüchen spekuliert, das Barren-Finale abzusagen. "Der Finger ist wieder okay. Ich werde auf jeden Fall starten. Ich werde nicht ein Finale wegschenken, wenn es keinen Grund gibt", sagte er nun.

Frank Thomas/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker