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Joannie Rochette: Zwischen Regentanz und Freudentränen

Mit einer unglaublichen Energieleistung hat sich Joannie Rochette im Einzelwettbewerb des Eiskunstlaufens Bronze gesichert. Zwei Tage vor dem Wettkampf war ihre Mutter an einem Herzinfarkt gestorben. Nach der Kür sorgte sie für den rührendsten Moment der Olympischen Spiele.

Von Mathias Schneider, Vancouver

Die Siegerehrung war längst vorüber, es war weit nach 22 Uhr, als Joannie Rochette diesen Olympischen Spielen noch einen großen Moment schenkte, der gerade seiner Stille wegen nachwirkte. Sie tat es diesmal nicht auf dem Eis des Pazific Coliseum, dort wo sie noch eine Stunde zuvor den dritten Platz im Damenwettbewerb im Eiskunstlauf für ihr Land Kanada erlaufen hatte, nur geschlagen von der Japanerin Mao Asada und der famosen Yu-Na Kim aus Korea. Joanne Rochette trat in die Pressekonferenz, und sprach offen und zart über die letzten Tage, und wie sie es geschafft hatte, trotz ihres riesigen Schmerzes, eine solche Energieleistung zu vollbringen.

Zwei Tage vor dem Start des Wettbewerbs hatte Rochette ihre Mutter, 55, verloren. Sie war nach Vancouver gereist, um ihre Tochter bei den Olympischen Spielen im eigenen Land zu erleben. Es sollte der letzte Akt eines gemeinsamen Projektes zwischen Tochter und Mutter sein. Frau Rochette erlebte ihn nicht mehr. Sie starb am Sonntagfrüh um fünf Uhr an einem Herzinfarkt, kurz nach der Ankunft in Vancouver. Joannie Rochette war dennoch an den Start gegangen, hatte sich am Dienstag grandios im Kurzprogramm geschlagen. Gesprochen hatte sie da noch nicht.

"Ich habe mich nicht nach Eislaufen gefühlt"

Nun trat sie vor die Presse und erzählte von der Anteilnahmen, die sie vor dem schwersten Wettkampf ihres Lebens erfahren habe. Mails und Briefe habe sie erhalten. Die Energie aus der Zuneigung habe ihr gut getan. Es war jetzt still im Raum. "Ich habe mich nicht nach Eislaufen gefühlt", sprach Joanne Rochette. "Aber in zehn Jahren hätte ich mir gewünscht, gelaufen zu sein und meine Mutter hätte es auch gewollt."

Die Mutter, ob sie über die Mutter, was sie in ihrem Leben bedeutete, noch reden könne, wollte einer vorsichtig wissen. Ja die Mutter, sie sei ihr größter Fan, ihr bester Freund und manchmal auch die größte Nervensäge gewesen. "Wenn ich 98 von 100 Punkten in der Schule holte, fragte sie mich, wo die zwei anderen Punkte geblieben waren", erzählte Joannie Rochette. Sie spricht liebevoll von ihr, doch zwischen den Zeilen fiel es nicht schwer, sich vorzustellen, dass es mit Frau Rochette nicht immer ganz einfach war. Der Wettkampf habe bei ihr immer im Mittelpunkt gestanden, sagte die Tochter. Gut war wohl oft nicht gut genug.

Abscheid ohne Erlösung

Joannie Rochette hätte einfach davon gehen können nach diesem Wettbewerb, die Ovationen der Fans waren ihr längst sicher, doch sie wollte über ihre Mutter reden, jetzt, es war ihr ein Bedürfnis. Sie sprach zärtlich von ihr, frei von jener Affektiertheit, die Eiskunstläuferinnen in ihre Vorträge packen. Sie tat es eher wie eine junge Frau, die den unglaublichen Verlust zu begreifen versucht, der ihr da gerade widerfahren ist. Und die verarbeitet.

Um Viertel vor Elf beendete die Moderatorin abrupt das Zwiegespräch. Jonannie Rochette zog noch zweimal die Nase hoch, dann entschwand sie zum Seitenausgang aus dem Gebäude. Sie trug noch ihr Kleidchen aus der Kür. Sie hat nicht für Kanada Gold geholt bei diesen Winterspielen. Aber niemand in der Mannschaft der Gastgeber hat für seine Medaille so leiden müssen, wie sie. Erlöst ist sie noch lange nicht.

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