Olympia: Eishockey Kanadas Urknall auf dem Eis


Kanada rückt der erhofften Goldmedaille im Eishockey immer näher. Gegen Russland zeigte das Team eine großartige Leistung und sorgte dabei für einen der emotionalen Höhepunkte dieser Winterspiele.
Mathias Schneider, Vancouver

Als alles vorbei war, 19.300 Zuschauer noch einmal zum finalen Jubel an einem unvergesslichen Abend anhoben und Russland bereits das Eis des Canada Hockey Place verlassen hatte, da nahm Roberto Luongo doch noch die Maske ab. Zweieinhalb Stunden hatte er sein Gesicht dahinter versteckt, immer wieder Schlagschüsse der Russen abgewehrt, nun brauchte er sie nicht mehr. Es war vollbracht. 7:3 leuchtete es von jenem überdimensionierten Würfel, der von der Mitte der Arena herabhängt. 7:3. Gegen das große Russland, das so oft zu groß für das stolze Kanada gewesen war. Als brauchten sie Gewissheit, dass wirklich passierte, was sie da gerade erlebt hatten.

Ein letztes Mal brüllten sie Luongos Namen, dieses langgezogene "Luuuuuc", das man hierzulande früher immer hörte, wenn der Völler "Ruuuuudi" gegen den Fußball trat. Luongo ist Kapitän der Vancouver Canucks in der National Hockey League. Er hat Heimvorteil und avancierte schon deshalb zum spirituellen Führer dieser kanadischen Nationalmannschaft in einer Nacht, in der nicht weniger auf dem Spiel stand als der Stolz eines ganzen Landes. "Es ist eine elektrisierende Atmosphäre gewesen", erklärte er, kaum, dass er vom Eis gefahren war.

Einer der großen Momente

Man muss ja immer vorsichtig sein mit Superlativen, gerade im modernen Sport, der so sehr auf die Inszenierung setzt, dass sich bisweilen nicht mehr zwischen wahrer und kommunizierter Größe unterscheiden lässt. Doch dieses Spiel wird als einer der großen Momente in die Historie des Sports im Land des Gastgebers dieser Olympischen Spiele eingehen. Die Menschen zwischen Vancouver und Quebec werden sich noch in einigen Jahren erinnern, wo sie gewesen sind an jenem Mittwoch im Februar, als Kanada die Eishockeygroßmacht Russland wieder einmal das Fürchten lehrte.

Sie lieben ihr Hockey in Nordamerika auf eine Art und Weise, wie es sich am ehesten noch mit dem Fußball in England vergleichen lässt. Es ist ein unbändiger Stolz auf dieses Spiel, das ihr Aushängeschild ist. Sie haben es erfunden, sie gelten als die Gralshüter des Sports, sie sind das Land der gefrorenen Seen und leiten auch daraus ein natürliches Anrecht auf ihr Hockey ab.

Kanada lechzt nach Siegen

Eine ganze Nation zieht aus diesem Umstand ihr Selbstwertgefühl. Nichts hat Kanada auf der Welt so bekannt gemacht wie Eishockey. Sie haben gelechzt nach diesem Sieg, Kanada hat gegen Russland seit 1960 nicht mehr bei Olympischen Spielen gewonnen. 8:0 lautete die Bilanz für die Russen seither, in Turin schlugen die Sbornaja ein uninspiriertes kanadisches Team zuletzt 2:0. Auch jetzt, im eigenen Land, musste man das Schlimmste befürchten. Durch die Vorrunde hatte sich die Mannschaft von Mike Babcock eher geschleppt als kombiniert. Würden auch sie dem Druck der Erwartungen nicht standhalten, dieses Gold für 33 Millionen Kanadier gewinnen zu müssen?

Es kam ein Urknall.

Wie entfesselt stürmte Kanada in dieses Spiel, als wollte es in einem Viertel allein für all die enttäuschten Hoffnungen kanadischer Sportler bei diesen Spielen entschädigen. Nach 13 Minuten stand es 3:0 und der Canada Hockey Place drohte, vor lauter Überschwang einzustürzen. Wo in der Vorrunde Verkrampfung dominierte, schaukelten sich Zuschauer und Mannschaft nun gegenseitig in einen Rausch. Die Energie ließ das Gebäude beinahe vibrieren. Zum ersten Mal bei diesem Turnier war spürbar, welch großer Vorteil das Spiel vor eigenem Publikum bedeuten kann.

Russland war geschockt. Russland war irritiert. Es hatte mit einer Welle der Begeisterung gerechnet und lag doch machtlos unter ihr begraben. Dass die Kanadier nicht nur mit ihren ureigenen Tugenden Kampfkraft und Organisation überzeugten, sondern auch eine faszinierende Fertigkeit am Puck demonstrierten und mit blitzschnellen Kombinationen auf dem Terrain des Gegners punkteten, muss sich für das Team von Coach Bykow angefühlt haben, als spielte man da gegen seinen perfekten großen Bruder. Nichts hatten sie dem Wirbel entgegenzusetzen. Drangen sie doch einmal durch die Weiß-Rote Wand, stand ihnen Luongo im Weg. Er wird auch im Halbfinale gegen die Slowakei wieder im Tor stehen. Ein ganzes Land wird dann auf ein zweites Russland hinter ihm hoffen.


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