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Medaillen-Biss in London: Warum Olympiasieger zu Vampiren werden

Biss zum Morgengrauen, Biss zur Mittagsstunde, Biss zum Abendrot: Ob Gold, Silber oder Bronze - wer in London auf das Podest steigt, knabbert seine Medaille an. Aber warum? Ein Erklärungsversuch.

Von Swantje Dake

Ryan Lochte haut seine Glitzerzähnchen hinein, die 15-Jährige Schwimmerkollegin Ruta Meilutyte knabbert ganz zaghaft und Radrennfahrer Alexander Winokurow beißt richtig zu: Wenn sich Olympiasieger, Zweit- und Drittplatzierte nach der Siegerehrung zum Fototermin aufstellen, nehmen viele ihre Medaille zwischen die Zähne. Das Hochhalten in die Kamera - verständlich. Ein Küsschen in Ehren – ja, okay. Aber warum hauen so viele Sportler ihre Beißerchen ins Edelmetall?

Womöglich ist es die Ungläubigkeit über das Erreichte. Nach dem Anschlag am Beckenrand, nach dem überqueren der Ziellinie, nach der geglückten Turnkür geht alles so schnell: Nur fix in den Trainingsanzug, die Haare mit den Fingern gekämmt und ab ins Rampenlicht. Kein Wunder, dass die Athleten noch gar nicht begriffen haben, was sie in den Minuten zuvor großartiges geleistet haben. Um es greifbarer zu machen, erfolgt der Biss in die soeben verliehene Medaille und die Bestätigung: "Ja, sie ist da, es ist wirklich wahr."

Medaille mit Abdruck

Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es zu dem Thema nicht. Die Hamburger Psychologin Uta Karschnik sieht in der Geste den Beginn der Realisierung des Erlebten: "Die Sportler haben vier Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Die Seele braucht viel Zeit, um das Erreichte zu verarbeiten. Der Biss ist ein Signal, dass der große Stress vorbei ist, die Mühen sich gelohnt haben."

Und dieser Moment hat sich zum siegerehrungtypischen Fotomotiv entwickelt. Die Medaillen hängen um den Hals, die Blumen sind überreicht, die Hymne verklungen. Und dann greift der Athlet zur Medaille, begreift seinen Triumph im wahrsten Sinne des Wortes, hält sie freudestrahlend in das Blitzlichtgewitter der Fotografen - und knabbert auf Geheiß auch daran. "Bei mir verlangten die Fotografen den Biss. Ich war mit dem Erhalt einer Medaille komplett überfordert und fand sie baumelnd um den Hals schon ganz schön. Aber mit diesem Bild haben die Fotografen die Medaillenfarbe und das Gesicht auf einem Bild. Der Ausdruck purer Freude wäre es eher, wenn man die Medaille am Band durch die Gegend schleudert und hüpft", sagt Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann, der bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 überraschend die Silbermedaille gewann.

Drum prüfe, wer ein Sieger ist

Dem Biss kann man auch einen historischen Bezug andichten. Als Waren noch in Gold und Silber aufgewogen wurden, testeten Kaufleute die Münzen mit den Zähnen, die Echtheit des Edelmetalls. Je weniger Gold in dem Taler enthalten war, desto deutlicher hinterließen die Zähne in dem weichen Metall einen Abdruck. Und offenbar zweifelt der eine oder andere Athlet, ob ihm wirklich Edelmetall um den Hals gehängt wird. Oder hofft er auf einen Schokotaler in Goldfolie?

Diese Bedenken sind bei den Medaillen der Olympischen Spiele von London völlig unbegründet. Geprägt wurden die Plaketten mit dem Design des britischen Künstlers David Watkins in der königlichen Münzanstalt im Süden Wales. Für die Anfertigung waren eigens 15 Experten abgestellt. Sie prägten 4700 Mal (für die Olympischen Spiele und die Paralympics) die Siegesgöttin Nike und die Themse, als Symbol für London.

Größer, schwerer und mit Bissspur

Größer als je zuvor ist das Edelmetall der 30. Spiele - 85 Millimeter im Durchmesser und 7 Millimeter dick. Damit sind sie deutlich größer als vom Olympischen Komitee gefordert. Die Trophäen am Band wiegen zwischen 375 und 400 Gramm, je nach Legierung. Und siehe da - der Biss eines Sportlers müsste tatsächlich Spuren hinterlassen. Denn gerade mal 6 Gramm Gold sind in der Medaille für den Erstplatzierten enthalten. Der Hauptbestandteil ist Silber. In der Silbermedaille ist ein kleiner Anteil Kupfer enthalten und die bronzefarbene Plakette besteht hauptsächlich aus Kupfer mit minimalen Anteilen von Zink und Zinn.

Zumeist ist es ja nur ein angedeuteter Biss. Das ist auch besser so, denn bleibende Spuren wären die Folge. Busemanns Edelmetall hat gelitten. "Jeder der sie jetzt sieht, denkt, ich hätte sie dellig gebissen", so Busemann. Tatsächlich ist die Medaille mal auf die Straße gefallen. Lochte, Meilutyte & Co sollten demnach nicht wirklich herzhaft in ihre Goldstücke beißen. Jetzt können sie ja locker lassen und mit dem Genießen beginnen.

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