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Olympia 2012: Ryan Lochte schlägt Michael Phelps: Wachablösung in der Weltspitze

Michael Phelps schien zehn Jahre lang nur so übers Wasser zu fliegen. Doch nach der Olympia-Niederlage gegen Landsmann Ryan Lochte könnte es eine neue Nummer eins im Schwimmen geben.

Von Christian Ewers, London

Es war der erste Wettkampftag in der olympischen Schwimmarena von London, und vielleicht war es das Ende einer Ära. Um kurz nach halb acht Ortszeit kletterte Michael Phelps aus dem Becken, die Schultern schlaff, der Gang schwer, ein müder Wink ins Publikum. Phelps, der Mann, der zehn Jahre lang übers Wasser zu fliegen schien, war geschlagen. Im Rennen über 400 Meter Lagen quälte er sich auf Rang vier – 2008 hatte er bei den Sommerspielen in Peking kein einziges Rennen verloren, sieben Weltrekorde aufgestellt und acht Goldmedaillen geholt. "Es war einfach ein beschissenes Rennen", sagte Phelps knapp.

Der neue Held des Schwimmsports heißt Ryan Lochte, US-Amerikaner wie Phelps, und 27 Jahre alt. Er schwamm in London sein eigenes Rennen. Lochte führte von Beginn an und zwar so deutlich, dass man befürchten musste, Lochte würde sich überschätzen und später ermattet einbrechen. Aber Lochte ließ nicht nach. Sein Vorsprung wuchs Bahn für Bahn, und als er die letzten 50 Meter in Angriff nahm, sprangen die Zuschauer von ihren Klappsitzen hoch. Lochte lag auf Weltrekordkurs. Als er anschlug und das Lämpchen auf seinem Startblock blinkte, war er Olympiasieger – nicht aber neuer Weltrekordhalter. Lochte, geboren in Canandaigua, Bundesstaat New York, gewann in 4:05,18 Minuten; der Weltrekord liegt bei 4:03,84. Aufgestellt von Michael Phelps 2008 in Peking.

"Ich wusste, dass ich bei diesen Spielen den Sieg holen kann", sagte Lochte nach dem Rennen. Auf sein Verhältnis zu seinem Teamkollegen angesprochen, fügte Lochte hinzu: "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich bin froh, gegen Michael antreten zu dürfen. Er ist einer der härtesten Wettkämpfer, die ich kenne."

Phelps Leben war skandalumwittert

Die Wachablösung in der Weltspitze hatte sich in den Wochen vor den Sommerspielen angedeutet. Bei den Qualifikationsrennen in den USA hinterließ Ryan Lochte den stärkeren Eindruck als Phelps. Aber es waren eben nur Ausscheidungsrennen. Viele Beobachter glaubten, Phelps wolle klug haushalten mit seinen Kräften und werde topfit sein in den entscheidenden Minuten in London. Nach der klaren Niederlage gegen Lochte erscheint nun vieles in einem anderen Licht; Phelps Jahre nach den Triumphen von Peking lassen sich nun lesen wie die Chronik eines angekündigten Absturzes.

Phelps Leben war skandalumwittert; die Boulevardzeitung "News of the World" druckte 2009 ein Foto, das ihn mit einer Wasserpfeife zeigt. Phelps entschuldigte sich öffentlich und sprach von einem Fehler. Wenig später war er leicht alkoholisiert in einen Verkehrsunfall verwickelt. Ihn traf keine Schuld, allerdings besaß er zum Unfallzeitpunkt keinen gültigen Führerschein. Positive Nachrichten gab es wenige. Phelps, der Frühvollendete, mäanderte antriebslos durchs Leben. Doch immer schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Phelps zurückfinden würde zu alter Dominanz. Sein Trainer Bob Bowman würde ihn schon wieder einschwören auf neue Ziele. Wie so oft vor großen Wettkämpfen.

Lochte wippte im Takt zu Bruce Springsteen

Michael Phelps ist noch nicht fertig in London. Er hat noch eine ganze Woche voller Rennen vor sich. Und einem wie ihm ist alles zuzutrauen. Ryan Lochte allerdings auch. Jahrelang stand er im Schatten von Phelps, er musste sich mit hinteren Plätzen begnügen und mit wenig Aufmerksamkeit. Am Samstagabend genoss er seinen Triumph sichtlich. Lochte ließ sich feiern auf dem purpurfarbenen Treppchen, er wippte mit im Takt von Bruce Springsteens "Born in the USA", schloss die Augen und atmete tief ein. Er wirkte, als wolle er das Podest nicht so schnell wieder für jemand anderen räumen.

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