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Olympia 2016 Noch nie waren Olympische Spiele so verlogen

IOC Präsident Thomas Bach und Whistleblowerin Julija Stepanowa
Hürdenläuferin Julija Stepanowa sorgte mit ihren Zeugenaussagen maßgeblich für die Aufdeckung des russischen Doping-Betrugssystems. Trotz der erdrückenden Faktenlage konnte sich das IOC und sein Präsident Thomas Bach nicht zu einem generellen Startverbot der russischen Athleten durchringen
© Michael Kappeler/DPA

IOC und Thomas Bach stellen die Wirtschaftsinteressen über den Kampf für sauberen Sport. Ein Abgesang auf die olympische Idee.
Von Christian Ewers

Die Sommerspiele in Rio haben zwar noch nicht begonnen, doch schon jetzt steht fest, dass sie die besten Spiele aller Zeiten sein werden. Das jedenfalls wird Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), bei der Schlussfeier im Estádio do Maracanã ausrufen. So ist es seit Jahrzehnten Brauch beim IOC. Egal, was auch passiert ist: Immer haben wir die tollsten Wettkämpfe gesehen, immer leben wir in der schönsten aller Sportwelten.

Und tatsächlich wird Rio 2016 ein Fest der Superlative sein. Denn wohl noch nie waren Olympische Spiele so verlogen. Wohl noch nie hat das IOC so feige, inkonsequent und zynisch gehandelt wie in diesem Sommer. Ganz offen, für jedermann erkennbar.

Erdrückende Fakten

Das IOC verzichtet auf einen kompletten Ausschluss der russischen Olympiamannschaft, obwohl die Faktenlage erdrückend ist. Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada haben in einem fast 100-seitigen Report beschrieben, wie unter staatlicher Führung systematisch mit Medikamenten manipuliert wurde. Auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB war beteiligt. Der Bericht liest sich an manchen Stellen wie ein schlechtes Drehbuch, durchgeknallt und realitätsfern.

Es ist aber wahr, dass der frühere Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigorij Rodschenkow, Steroid-Cocktails für jene Sportler entwickelte, die er eigentlich testen sollte. Männer tranken den Cocktail gemischt mit Whiskey, die Frauen mit Martini. Alkohol sollte helfen, die Wirkstoffe schneller ins Blut zu transportieren.

Erwiesen ist auch, dass während der Winterspiele 2014 in Sotschi, Russland, Urinproben ausgetauscht wurden. Nachts, durch ein Loch in der Wand des Doping-Kontrolllabors. Die Agenten füllten sauberen Urin ein, und manchmal gaben sie noch Tafelsalz oder destilliertes Wasser hinzu, um auf exakt jenes Gewicht zu kommen, das die ursprüngliche Probe besaß.

Kotau vor Putin bei Olympia?

Insgesamt sind in Russland seit Ende 2011 643 positive Proben in negative verwandelt worden, stellte die Wada fest. Zudem seien 1400 Proben vernichtet worden. All dies genügt dem IOC nicht, um einen kollektiven Bann gegen Russland zu verhängen. Die Leichtathleten bleiben zwar gesperrt – andere Sportler aber sind willkommen aus dem Reich Wladimir Putins, einem engen Freund von IOC-Präsident Bach. Sie müssen sich zwar einem "Doping-Check" der Fachverbände unterziehen, aber niemand weiß genau, wie dieser Test ablaufen soll.

Und das interessiert offenbar auch die wenigsten Sportfunktionäre. Nur wenige Stunden nachdem das IOC die "Checks" zur Auflage gemacht hatte, erteilte der internationale Tennisverband sieben russischen Spielerinnen und Spielern die Starterlaubnis für Rio.

Bach dürfte das recht sein. Olympia bedeutet ein Milliardengeschäft für das IOC. Die Spiele sind das Kräftemessen der Besten, so wird es Medien und Sponsoren verkauft. Und da will man auf Russland ungern verzichten, eine der erfolgreichsten Sportnationen der Welt.

Fatales Signal

Wie wenig ernst es dem IOC mit seinem angeblichen Kampf für einen sauberen Sport ist, zeigt sich im Fall Julija Stepanowa. Die russische Läuferin, einst selbst wegen Dopings gesperrt, hatte mit ihren Zeugenaussagen maßgeblich zur Aufdeckung des staatlichen Betrugssystems beigetragen. In Rio wäre Stepanowa gern unter neutraler Flagge gestartet; auch der internationale Leichtathletikverband sprach sich aufgrund ihrer Verdienste in der Doping-Aufklärung dafür aus. Doch das IOC sperrt sich. Stepanowa erfülle nicht "die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten".

Ein fatales Signal. Eine Entmutigung für jeden Athleten, der sich mit dem Gedanken trägt, Missstände öffentlich zu machen; zu berichten von schmutzigen Hinterbühnen, von Manipulation und Vertuschung. Also all das zu erzählen, was die Illusion bedroht, dass wir in der besten Sportwelt aller Zeiten leben.

Olympia 2016: Noch nie waren Olympische Spiele so verlogen

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