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Olympische Winterspiele 2018: Biathlon-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier – seelenruhig im Gold-Rausch

Laura Dahlmeier absolvierte 1000 Stunden Lauftraining, 8000 Übungsschüsse und sie probte ihre Jubelpose bereits als Kind: Für die Biathletin gehen in Südkorea Träume in Erfüllung.

Olympiasiegerin Laura Dahlmeier – seelenruhig zum Gold-Rausch

Wie erlöst: Laura Dahlmeier nach ihrem zweiten gewonnenen olympischen Wettbewerb.

Die letzten Meter sind ein Schweben. Mit weichen, lang gezogenen Schritten gleitet Laura Dahlmeier über die Ziellinie des Alpensia Biathlon Centre von Pyeongchang. Das Gesicht feuerrot vor Kälte und Anstrengung, auf den Wangen festgefrorener Speichel, minus zehn Grad sind es hier. Sie weiß jetzt, dass es reichen wird. Dahlmeier reißt die Hände hoch und boxt kreischend Löcher in die Nachtluft.

Olympisches Gold, das hatte ihr, der siebenmaligen Weltmeisterin, noch gefehlt. Gleich im ersten Rennen, im Sprint über 7,5 Kilometer, holte sie es sich. Zwei Tage später wird sie erneut Erste werden, in der Verfolgung nun. Laura Dahlmeier, 24 Jahre alt, Tochter eines Möbelhändlers und einer Schmuckdesignerin aus Garmisch-Partenkirchen, eines der Gesichter der Winterspiele 2018.

"Jetzt ist etwas Großes in Erfüllung gegangen."

Was solche Triumphe mit einer Sportlerin machen, diese Momente, in denen sich die Arbeit von Monaten verdichtet, von 1000 Stunden Lauftraining, 300 Stunden Halteübungen mit dem Gewehr und 8000 Übungsschüssen – das war Laura Dahlmeier anzumerken.

Sie, die oft ernst und streng wirkt, schien wie erlöst. "Ich habe schon als kleines Mädchen von einem Olympiasieg geträumt und auf meinem Stockbett das Jubeln geübt", sagte sie nach dem ersten Gold, und ihre Locken wippten bei jedem ihrer Sätze mit. "Jetzt ist etwas Großes in Erfüllung gegangen."

Wer Dahlmeier während der Vorbereitung auf die Winterspiele begleitet hat, erlebte eine stille Athletin. Eine, die mitunter wie ab getaucht wirkte in eine eigene Welt, schwer erreichbar für ihre Mitmenschen.

Mit Muskeln und Technik: Intensiv bereitete sich Dahlmeier auf Olympia vor, hier im Kraftraum in Garmisch-Partenkirchen

Mit Muskeln und Technik: Intensiv bereitete sich Dahlmeier auf Olympia vor, hier im Kraftraum in Garmisch-Partenkirchen

Mitte Dezember im Kraftraum des Olympia-Skistadions von Garmisch-Partenkirchen. Laura Dahlmeier kann nur wenig trainieren; wieder mal hat sie eine Grippe hinter sich. Sie hockt auf einem Turnkasten, dessen brauner Lederbezug so viel Schweiß geschluckt hat in den vergangenen Jahren, dass er an manchen Stellen fast schwarz ist.

Dahlmeier spricht über Konzentration. Über ihre Fähigkeit, die Nerven zu behalten beim Schießen, auch wenn der Druck noch so groß ist und der Puls noch so heftig hämmert. Über jene Seelenruhe, die sie einzigartig macht im Biathlon. Und derzeit nahezu unbezwingbar.

"Ich bin extreme Situationen vom Klettern gewohnt", sagt Dahlmeier. "In der Felswand muss jeder Griff und jeder Tritt sitzen, sonst kann es gefährlich werden. Beim Biathlon kann nur ein Schuss danebengehen. Daran hängt nicht mein Leben."

Laura Dahlmeier nimmt nichts als gegeben hin

Im Sommer ist sie in den peruanischen Anden zum Bergsteigen gewesen. Ishinca, Tocllaraju, Alpamayo, stolze Berge, um die 6000 Meter hoch. Ob sie diese Gipfel allein erklommen hat? "Nein", sagt sie. Mit wem? "Tut nichts zur Sache."

Laura Dahlmeier kann schroff sein, und wenn man sie nur oberflächlich kennt, könnte man dies für rotzig oder arrogant halten. Aber das trifft es nicht. Dahlmeier will bei sich bleiben; sie will keine Türen öffnen, schon gar nichts Privates erzählen, was weitere Nachfragen auslösen könnte.

Bundestrainer Gerald Hönig, der die deutschen Biathletinnen in Pyeongchang betreut, sagt: "Laura hat ihren Fokus. Wenn sie einmal im Tunnel ist, kommt sie da nicht so schnell wieder raus."

Hönig, 59, aufgewachsen im DDR-Sportsystem und Mitglied des SV Motor Tambach-Dietharz in Thüringen, hat einige Mühe mit Dahlmeier. Es gibt keinen Streit, aber Klärungsbedarf. Hönig muss seine Trainingspläne stets im Detail erläutern. Dahlmeier nimmt nichts als gegeben hin, sie hinterfragt viel und justiert gern nach.

Viele Athleten sind froh, stur einen Plan abarbeiten zu dürfen. Sie fühlen sich dann frei im Kopf und können sich auf den Sport konzentrieren. Nicht so Laura Dahlmeier. Für sie ist Biathlon auch ein intellektuelles Spiel. Ein ständiges Entwickeln und Verwerfen von Thesen, ein Durchdenken von Szenarien, immer auf der Suche nach minimalen Verbesserungsmöglichkeiten.

"Wir wollen ja mündige, selbstbewusste Athleten", sagt Hönig, "Sportler, die ein wenig eckig und sperrig sind, denn die pflegeleichten kommen selten ganz vorn an."

Was nicht ganz stimmt. Magdalena Neuner, zwölfmalige Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin im Biathlon, ist so etwas wie der Gegentypus zu Dahlmeier gewesen. Offen, freundlich, leicht zu führen für ihre Trainer. Und sie genoss das Leben mit der Mannschaft; selten stellte sie besondere Ansprüche.

Neuner stammt aus Wallgau, 20 Kilometer von Garmisch entfernt. Bis zu ihrem Karriereende 2012 trainierte sie in der Gruppe ihres Jugendcoachs Bernhard Kröll. Dahlmeier hingegen, die ebenfalls von Kröll ausgebildet wurde, nahm sich vor drei Jahren einen Individualtrainer.

"Es werden sich die bulligen Typen durchsetzen"

Thomas Schöpf ist ein Tüftler. Der 47 Jahre alte Trainer hat mit Dahlmeier die so wichtigen Routinen am Schießstand perfektioniert. Mit einem Puls von 160 bis 180 Schlägen pro Minute kommt Dahlmeier dort an, betritt die Matte, legt das Gewehr an, holt Luft und stoppt die Ausatmung nach etwa zwei Dritteln.

"Der Körper ist dann für eine halbe Sekunde ganz ruhig", sagt Schöpf, "Laura muss das erspüren."

Dieser Moment, ein Wimpernschlag nur, ist das sogenannte Schussfenster. Jetzt muss Dahlmeier abdrücken.

Im ersten Rennen von Pyeongchang klappte das perfekt. Null Fehler. Im zweiten Wettkampf ein einziger Fehler; das reichte locker für Gold.

Schöpf liebt es, an Feinheiten zu arbeiten, er macht viele Videoanalysen – und schaut dabei vor allem auf die Männer. Den Laufstil des Franzosen Martin Fourcade, der überragende Biathlet dieses Jahrzehnts, hat er genau seziert, und er glaubt, darin die Zukunft erkannt zu haben.

"Es werden sich die bulligen Typen durchsetzen", sagt Schöpf, "explosive Antritte, kraftvoller Stockeinsatz, das wird in den nächsten Jahren gefragt sein. Die Zeit der leichten, drahtigen Läufer wird zu Ende gehen."

Dreimal in der Woche schickt er Dahlmeier in den Kraftraum. Er feilt mit ihr an der Technik, an harten Impulsen mit dem Stock, die es auch auf der Olympiastrecke braucht. Diese hat ein welliges Profil, es gibt kaum Flachstücke zur Erholung, ein ständiges Hoch und Runter auf betonhart gefrorenen Loipen.

Die Winterspiele in Südkorea waren ihr großes Ziel

"Laura hat das Zeug, den Biathlon über Jahre zu dominieren", sagt Schöpf. "Sie könnte eine Ära prägen."

Aber will sie das überhaupt?

Beim Deutschen Skiverband (DSV) sind sie sich da nicht so sicher. Es sei durchaus vorstellbar, dass Dahlmeier sich in nicht allzu ferner Zukunft zurückziehe, heißt es. Der Rummel um ihre Person sei ihr ein Graus.

Dahlmeier sagt kaum etwas zu ihrer Zukunft, auch in diesen selbstvergessenen Minuten nach ihrem ersten Triumph in Pyeongchang nicht. "Ich weiß nicht, was ich nächstes Jahr mache", sagte sie, "ich weiß ja noch nicht mal, was ich morgen mache."

Das war ein wenig kokett, denn natürlich hat Dahlmeier einen Plan. Die Winterspiele in Südkorea sind ihr großes Ziel gewesen, hier will sie das Maximum für sich herausholen. Abseits der Loipe ist das anders. Ihr Manager Jörg Heger wird überflutet mit Anfragen aus der Werbeindustrie, aber Dahlmeier wählt genau aus und macht lieber einen Sponsorentermin zu wenig als einen zu viel.

"Es wäre deutlich mehr möglich", sagt Heger. "Wir gehen einen Mittelweg mit Laura. Es hätte auch keinen Sinn, sie unter Stress zu setzen. Das wäre für Laura schlecht und für ihre Leistung ebenfalls."

Magdalena Neuner, die ebenfalls von Heger betreut wird, ist noch heute, sechs Jahre nach ihrem Rücktritt, voll im Geschäft. Von ihren Hauptsponsoren sind alle dabeigeblieben; Neuner hat an bis zu 60 Tagen im Jahr Werbetermine. Dahlmeier kommt auf 40 bis 50.

Laura Dahlmeier hat schon jetzt ein Leben jenseits des Leistungssports. Sie arbeitet in der Garmischer Bergwacht mit, deren Einsatzleiter ihr Vater Andreas ist. Hier ist sie nicht die Biathlon-Heldin, sondern eine von 120 Bergretterinnen und Bergrettern.

Eine Weltreise, mehrere Monate lang, ohne Training

Wie sehr sie das genießt, davon kann Thomas Müller erzählen. Seit 15 Jahren arbeitet er bei der Bergwacht, neben seinem Beruf als Hallenwart des Werdenfels-Gymnasiums. "Laura hat hier viele Freunde", sagt Müller, "sie hilft in der Rettung, wann immer sie kann, vor allem im Sommer. Sie macht die Ausbildungen auf der Meilerhütte am Dreitorspitz mit und ist ein ganz normales Mitglied der Gruppe. Niemand fragt sie nach ihrem Sport. Ich glaube, das weiß sie sehr zu schätzen."

Dahlmeier hat schon eine Idee, wie sie sich für ihre Erfolge in Pyeongchang belohnen könnte. Eine Weltreise würde sie gern machen, mehrere Monate lang, ohne Training, ohne Pflichten. Einfach so treiben lassen.

Die Seelenruhe, die es dazu brauchte, die trägt Laura Dahlmeier schon jetzt in sich.

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