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Schalke verliert gegen ManU: Manuel Neuer - ein Torwart ohne Team

Trotz der 0:2-Niederlage im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United gab es auf Seiten der Schalker einen Gewinner: Manuel Neuer. Sogar der Gegner war beeindruckt.

Von Klaus Bellstedt, Gelsenkirchen

Edwin van der Sar ist ein alter Hase im Geschäft. Der 40-jährige Torhüter, der auf Clubebene so ziemlich jeden Pokal gewonnen hat, den es zu gewinnen gibt, drosch in der zehnten Minute des Champions-League-Halbfinales zwischen dem FC Schalke 04 und Manchester United plötzlich und ohne ersichtlichen Grund den Ball auf die Tribüne. Daraufhin deutete er dem Schiedsrichter an, dass dem Spielgerät die Luft ausgegangen sei. Prompt wurde an der Seitenlinie für Nachschub gesorgt. Ein neuer Ball war in der Partie – und der schöne Spielfluss der Schalker fortan dahin. Ob van der Sar mit seiner Aktion genau das bezwecken wollte, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Auf Nachfrage wollte sich der Keeper dazu im Anschluss nicht äußern. Er lächelte nur vielsagend.

Van der Sars Gegenüber, Manuel Neuer, sah nach der 0:2-Niederlage seiner Schalker auch nicht gerade traurig aus. Mit seinem typisch wippenden Gang schritt er die Mixed Zone in den Katakomben der Veltins-Arena ab, gab vereinzelte Interviews, machte hie und da sogar einen kleinen Scherz und verabschiedete sich schließlich nach einer Weile höflich in Richtung Dusche. Normalerweise verhalten sich Verlierer anders. Aber Manuel Neuer gehörte an diesem frühsommerlichen Abend auch nicht wirklich zu den Verlierern. In Wahrheit war er trotz des aus Schalker Sicht so ernüchternden Ergebnisses ein Gewinner.

Mehr Lob geht nicht

Der 25-jährige Nationaltorwart, der seinen bis Sommer 2012 datierten Vertrag bei den Schalkern nicht verlängern wird, wehrte in einer einseitigen Partie auf fast irrwitzige Art und Weise einen Schuss nach dem anderen ab. Rooney, Park, Hernandez, Giggs, Valenica: Manchesters Offensive zog nach den ersten zehn Schreckminuten ein großes Spiel auf, schoss und köpfte aus allen Lagen, aber Manuel Neuer zog die Bälle wie ein Magnet an. Die Menschen im Stadion schauten sich nach jeder neuen Wunderparade noch ein Stückchen ungläubiger an. Aber das, was dort unten auf dem Rasen von Manuel Neuer aufgeführt wurde, war kein Traum. Es war die Leistung des zurzeit wahrscheinlich besten Torhüters der Welt.

"Neuer hat meine Spieler frustriert", gab hinterher Manchesters lebende Trainer-Legende Sir Alex Ferguson zu Protokoll. Das war noch nicht alles. Ferguson schnaufte einmal kurz durch und erhob Neuer dann mit einem für ihn bemerkenswerten Satz in den Adelsstand: "Es ist die beste Leistung eines Torhüters, die ich je gegen meine Mannschaft gesehen habe." Mehr Lob geht im Weltfußball kaum.

Wo war Jurados ordnende Hand?

Bis zur 67. Minute hielt der Torwart das Champions-League-Match zwischen dem FC Manuel Neuer und Manchester United mit sieben atemberaubenden Rettungsaktionen offen. Dann war auch er geschlagen. Zuerst gegen den wunderbaren Oldie Ryan Giggs, dann, nur drei Minuten später, musste Neuer den zweiten Treffer durch Wayne Rooney schlucken. Neuers Mitspieler ließen ihren Torwart nicht nur in den beiden entscheidenden Szenen des Spiels im Stich. Schwerfällig wie Sattelschlepper mit Anhänger in der Kölner Altstadt – so bewegten sich die Schalker, zumindest im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten in dieser Champions-League-Saison.

Wo war Jurados ordnende Hand? Wo waren Farfans Tempodribblings? Wo Raúls Nachsetzen, seine Zweikampfstärke und die Torgefahr? All die Trümpfe kamen auch deshalb nicht zur Geltung, weil der Mannschaft von Ralf Rangnick der Mut gefehlt hat. "Wir haben von Anfang an zu viel Respekt gehabt", sagte Neuer im Anschluss an die hochverdiente 0:2-Niederlage. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Schalke muss seine Hoffnungen auf das Erreichen des Champions-League-Finales auch deshalb schnell begraben, weil Manchester United als Mannschaft fast eine Klasse besser ist – nur eben nicht auf der Torhüterposition.

United braucht Ersatz für van der Sar

Auch Schalkes Trainer Ralf Rangnick hatte nach der Partie mehr Lust, über Neuers Leistung zu plaudern, als über die schwache Gesamtvorstellung seines Teams. "Es gibt für mich keinen besseren Torwart - in Europa oder sonst wo." Als der strenge Fußballlehrer diesen Satz sprach, wirkte er fast ein bisschen beleidigt. Vielleicht schwang aber auch nur Frust in seinen Worten mit. Frust darüber, seinen besten Mann in absehbarer Zeit ziehen lassen zu müssen.

Manuel Neuer selbst wollte sich nach Spielschluss nicht zu seiner Zukunft äußern. Zumindest nicht öffentlich. Dass er seinen Herz- und Schmerzclub verlassen wird, ist klar. Fragt sich nur wann und in wohin? Über den FC Bayern München wurde am Rande der Partie nicht gesprochen. Dann schon eher über Manchester United. Und auch wenn beide Seiten auffallend heftig dementieren: Die Red Devils brauchen schon ganz bald Ersatz für ihren in die Jahre gekommenen Keeper.

Die beiden Klassetorhüter trafen sich übrigens nach dem Schlusspfiff für eine Weile im Mittelkreis. Es folgte eine angeregte Unterhaltung, an deren Ende van der Sar Neuer etwas ins linke Ohr flüsterte. Gut möglich, dass der Alte dem Jungen von Old Trafford, Manchester Uniteds Heimspielstätte, die man auf der Insel ehrfürchtig auch "Theatre of Dreams" nennt, vorgeschwärmt hat. Neuer im "Theater der Träume", das hätte schon Charme. Dass er Hauptrollen mit Bravour spielen kann, muss er den Engländern nach diesem Abend nicht mehr beweisen.

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