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SPORT: SCHMERZ LASS NACH!

Es sieht nicht nur gemein aus, es kann auch sehr wehtun, wenn beim Pro-Wrestling muskelbepackte Männer sich gegenseitig durch den Ring klatschen. Dennoch ist dieser Zeitvertreib für einige Jungs ein Traumberuf.

Uuaaaggh, Patsch. Mit einem lauten Knall schlägt Jonathan Sargent rücklings auf dem Ringboden auf. Uuaaaggh, patsch. Schon wieder kracht ein Körper zu Boden. Diesmal landet Ledon Mason auf der Matte. Was da wie ein verunglückter Salto aussieht, ist durchaus gewollt: In der dritten Trainingseinheit stehen Fallübungen sind auf dem Programm - willkommen beim Anfängerkurs in der Wrestling-Schule All Pro Wrestling (APW) im kalifornischen Hayward.

Zweimal pro Woche treffen sich hier gut 20 Schüler zum Training. Der Übungsraum sieht wie eine ehemalige Montagehalle aus, es ist kühl, und um den Ring macht sich Schweißgeruch breit. Nicht die Spur vom Medienspektakel, das man aus dem Fernsehen kennt. Kein gröhlendes Publikum, keine laute Rockmusik, keine Superhelden mit großer Klappe und großspurigen Gesten. Nur verschwitzte Ringer in Jogginghosen.

Der Altersdurchschnitt der Truppe liegt bei Anfang 20; Jonathan aus Sebastopol in der East Bay von San Fracisco ist mit 18 Jahren der jüngste. Schon seit dem Vorschulalter steht für ihn fest: »Wrestling ist einfach die großartigste Sache der Welt.« So schnell wie möglich will er bei den Profis der World Wrestling Federation (WWF) dabei sein, dort locken Fernsehauftritte, Live-Shows - und das große Geld.

Bis es so weit ist, hat Jonathan noch einen mühsamen Weg vor sich. Mindestens zwei Jahre dauert die Ausbildung: Drei Trainingsblöcke sind Plicht bevor man vor Publikum auftreten darf. Doch immer wieder kommt es vor, dass APW-Boss Roland Alexander, 47, komplette Blöcke wiederholen lässt. »Wer hierher kommt, hat einen Traum: Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und ein Star zu werden«, sagt Alexander. »Da ist die Ausbildung das Wichtigste.«

Möglichst schnell, möglichst viel Muskelmasse aufbauen

Aber auch auf den Körper kommt es an. Seit Beginn des Kurses Ende Januar lebt Jonathan nach einer von Wrestling-Lehrer Robert Thompson zusammengestellten Zehn-Wochen »Diät«: Täglich muss er mindestens sieben Mahlzeiten zu sich nehmen. »Vor allem Kohlenhydrate, Bohnen oder Hühnchen - und bloß kein Fett«, erklärt Sargent. Momentan ist der Teenager nicht mal 70 Kilo schwer. Nun gilt es, möglichst schnell möglichst viel Muskelmasse aufzubauen. Dafür stemmt er jeden Tag Gewichte im Fitnessstudio.

»Doch trotz intensivstem Trainings und Aufbaudiäten schaffen viele Schüler nicht die körperlichen Voraussetzungen«, sagt Alexander. Der APW-Präsident, ein ehemaliger Buchhalter, spricht aus Erfahrung: In den 80er Jahren platzte auch sein Traum von einer großen Wrestling-Karriere. Seit mehr als zehn Jahren mimt er nicht mehr den starken Mann im Ring, sondern gibt den Wrestling-Mäzen, der optisch alle Klischees perfekt erfüllt: sattes Doppelkinn, strähniges Haar, Oberlippenbart, getönte Brille.

Alexanders Schule zählt zu den renommiertesten in den USA. Aus dem ganzen Land kommen junge Wrestling-Fans nach Nordkalifornien, die Kurse sind schon Monate im Voraus ausgebucht. Und auch die Ausbilder genießen einen hervorragenden Ruf: Bryan Danielson alias »American Dragon« war bis vor kurzem noch beim WWF in Memphis unter Vertrag und gilt trotz seines zarten Alters von 20 Jahren bereits als Idol in der Szene. Auch sein Trainerkollege Thompson steht schon seit Jahren immer wieder bei Tourneen des größten Wrestlingverbandes im Profi-Ring.

Doch die Trainer können noch so gut sein: Nur wenige Nachwuchs-Wrestler schaffen es tatsächlich in den Profizirkus. »Von jedem Jahrgang erreichen etwa 30 Prozent das Pro Camp«, sagt Alexander. »Und von denen werden wiederum nur zehn Prozent tatsächlich Profis.« In den USA gibt es derzeit einige hundert Wrestler, die sich mit Kämpfen ein Taschengeld verdienen. Nach der »Graduation«, einem Abschluss an einer der zwölf lizenzierten Wrestling-Schulen, erhalten sie für ein Match gerade mal zwischen 25 und 100 Dollar. Das große Geld gibt es nur bei der WWF: Ihre knapp 100 Professionals kassieren von 100.000 Dollar bis zu mehreren Millionen im Jahr.

Anerkennung lässt sich mit dem vielen Geld jedoch nicht erkaufen: Auch in den USA belächeln viele Menschen die Wrestler als Superhelden-Verschnitte mit viel Muskeln und wenig Hirn. »Für unsere Kritiker ist Wrestling Schauspielerei, ein ?Fake'«, klagt Alexander. »Ein böses Wort; schließlich ist alles, was im Ring passiert, echt.« Das gilt vor allem für die Schmerzen hinterher. Danielson sagt: »Ich könnte ausrasten, wenn die Leute sagen, Wrestling sei bloß Show. Ich habe mir schon oft wehgetan in diesem verdammten Ring.« Ihren Frust tragen die APW-Instruktoren auch auf ihren T-Shirts zur Schau: »Wrestling is real - Life is fake«, heißt es dort.

Angst hat Sarah keine

Dabei galt Wrestling bis Anfang der 80er Jahre noch als »echter« Sport. Erst 1983 kamen findige Promoter auf die Idee, aus dem biederen Ringkampf eine Show zu machen. Raus aus den kleinen stickigen Hallen, lautete die Direktive. Die Kämpfe sollten zu »good guy versus bad guy«-Seifenopern werden, aufgemotzt mit Musik, Pyrotechnik und Moderatoren als Einpeitscher. Mit Hilfe von Prominenten wie etwa dem Schauspieler Mr. T. oder der Popsängerin Cyndi Lauper mutierten Wettkämpfe schnell zu Spektakeln. Protagonisten mit Namen wie »Hulk Hogan« avancierten über Nacht zu internationalen Superstars.

In Japan dagegen genießt noch der pure Ringkampf hohes Ansehen. Das wissen auch die US-Wrestler zu schätzen und treten dort regelmäßig zu Wettkämpfen an. Bryan Danielson schwärmt: »Profis verdienen da bis zu 12.000 US-Dollar pro Woche.« Auch er absolvierte, als er noch in der WWF-aktiv war, Tourneen in Japan. Heute zählen drei ehemalige APW-Schüler, darunter der indischstämmige Vier-Zentner-Koloss Dalip Singh, zu den Topstars im japanischen Ring-Sport.

Auch die einzige Frau im APW-Beginner-Kurs, Sarah Amato, träumt von einer Karriere in Asien. »Die US-Wrestlerinnen sind doch nur sexy Models, die ein bisschen trainiert haben«, sagt Sarah. Roland Alexanders Schule hat zwar bereits ein halbes Dutzend Frauen ausgebildet, dennoch bleibt für den Boss Girl-Wrestling eine reine »Tits 'n' Ass«-Veranstaltung.

Amato lässt sich von der Geringschätzung nicht abschrecken »Ich möchte wirkliche Kämpfe absolvieren«, sagt sie, »und hoffe, eines Tages in Japan auftreten zu können.« Tagsüber arbeitet die 21-Jährige als Rezeptionistin, das Geld für die Ausbildung hat sie sich mühsam zusammengespart. Im Training nimmt sie es mit 150-Kilo-Männern auf. Angst hat Sarah keine, und das, obwohl sie sich bei ihrem ersten Anfängerkurs schwer am Knie verletzte. »Von meinem Traum, eine erfolgreiche Wrestlerin zu werden, bringt mich nichts ab«, sagt Sarah. »Da ist mein Wille stärker als die Schmerzen.«

Auch Jonathan Sargent ist nicht zimperlich. »Dass man immer mal wieder was abbekommt, gehört einfach dazu«, sagt er. Immerhin hat Alexander ihn schon mal bei einem Schaukampf eingesetzt - wenn auch nur als Ringrichter. »Aber der Boss wollte für diesen Job einen der Besten aus unserem Kurs mitnehmen. Ich bin stolz, dass er mich ausgewählt hat.«

Jochen A. Siegle, 33, schreibt in San Francisco u. a. für »Spiegel Online«, »F.A.Z.« und »Frankfurter Rundschau« vor allem über die Internet-Welt, Medien und das spannende Leben in den USA.

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