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America's Cup: Die zwei Musketiere

Jochen Schümann, Sportdirektor bei Alinghi, hat das, wovon andere deutsche Segler nur träumen können: den Cup, den Ruhm und das Geld. Aber weder Tim Kröger von Shosholoza noch Tony Kolb von BMW Oracle scheinen ihm das übel zu nehmen. Seltsam, oder etwa nicht?

Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Moment mal, es waren eigentlich drei Musketiere, nicht zwei. Stimmt, und so ist es eigentlich auch beim diesjährigen America's Cup: drei deutsche Top-Segler, verteilt auf drei verschiedene Teams. Das Problem ist, dass die heilige Dreifaltigkeit des deutschen Segelsports hier in Valencia nicht aus Vater, Sohn und selig machendem Geist besteht, sondern aus zwei Söhnen und einem Übervater, der dank Alinghi leibhaftig über das Wasser schwebt. Woran sollen die beiden ewigen Nachwuchs-Stars Tim Kröger von Shozholoza und Tony Kolb von BMW Oracle noch glauben, was sich erhoffen? Denn die weithin sichtbare Lichtgestalt über der See ist niemand anders als Jochen Schümann, und aus seinem goldenen Schatten treten zu wollen, erscheint schwer, wenn nicht sogar unmöglich.

Schon neben Jochen Schüman überhaupt wahrgenommen zu werden, ist nicht ganz einfach: neun europäische Titel zwischen 1983 uns 1998, vier Weltmeistertitel zwischen 1992 und 2005, drei Gold- und eine Silbermedaille bei Olympischen Spielen zwischen 1976 und 2000, einen Louis Vuitton Cup und einen America's Cup, beide 2003 mit Alinghi. Immerhin, Schümann, 53, hat nicht alle Segelwettbewerbe der letzten dreißig Jahre gewonnen: Der Admiral's Cup, den Tim Kröger seit 1983 sein Eigen nennen darf, fehlt in Schümanns Sieges-Sammlung ebenso wie das Volvo Ocean Race, das Tony Kolb an Bord der Illbruck im Jahr 2002 nachhause fuhr. Hier in Valencia ist das aber bisher kaum einem deutschen Journalisten aufgefallen: Schümann erstrahlt auf allen Kanälen, lächelt uns in allen Formaten entgegen und besingt und preist den Erfolg auf allen Sportseiten zwischen hier und Elmsbüttel. Dass er vorläufig noch nicht übers Wasser läuft, liegt nur daran, dass er mit Alinghi bei Wind wesentlich schneller vorankommt.

So viel Erfolg, sollte man meinen, ruft Neider auf den Plan. Auch unter den besten Seglern, zumal den Deutschen, muss es doch einen Jago oder wenigstens einen Heinz-Harald Frentzen geben, der dem ewigen Sieger mit Sauermine und knirschendem Lächeln laut gratuliert und gleichzeitig still dessen baldigen Untergang herbei fleht. Aber nein, weit gefehlt. Als ich Tim Kröger, 43, Captain bei Shosholoza, vorsichtig auf die Schümannsche Allgegenwart anspreche, macht dieser mich fast zur Schnecke: "Um Gottes Willen, ich würde eher sagen, dass Jochen Schümann zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Jochen ist in unserem Sport das Aushängeschild und der erfolgreichste von uns allen!" Und auch von Tony Kolb, 31, Vorschiff-Mann bei BMW Oracle, bekomme ich keine schlagzeilenträchtigen Kommentare zum Thema Schümania zu hören: "Jochen ist mein Leben lang mein großes Vorbild gewesen. Er ist ein netter Typ und er ist genau so ein Freund von mir wie Tim Kröger."

Also doch drei Musketiere? Insider klären mich hinter vorgehaltener Hand über diese unheimlich anmutende Harmonie unter Segel-Alphatieren auf: Jochen Schümann erscheint demnach, fast so wie ein richtiger Mensch, öfter Mal in der Basis von Shosholoza, und sitzt dann mit Tim Kröger und Tony Kolb bei einem Bier zusammen, ohne dass die beiden Jüngeren Lobgesänge anstimmen oder Autogrammkarten zücken würden. Ob die drei dabei so wie andere Männer auch über Steuersparmodelle, Garagentore und Flachbildfernseher oder aber über eine zukünftige deutsche Kampagne mit Schümann, Kröger und Kolb an Bord diskutieren, wollten mir die Allwissenden nicht verraten. Auch nicht, ob die beiden Jüngeren mit ihrem großen Vorbild am 8. Juni gemeinsam dessen 53. Geburtstag feiern werden. Vielleicht gibt Schümann ja dann bekannt, dass er sich schon bald, nämlich an seinem 75. Geburtstag, aus dem America's Cup zurückziehen wird, um für die nachfolgenden Generationen Platz zu machen. Bis dahin heißt es für die zwei anderen Musketiere allerdings noch ein wenig warten, oder wie es der wackere D'Artagnan bei Alexandre Dumas so schön auf den Punkt bringt: "Denn die Zukunft kann mich nicht enttäuschen, ich erwarte mit Bestimmtheit bessere Zeiten."

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