Segel-Star Jochen Schümann im Interview "Wir halten das durch!"


Fünf Monate, nachdem das Schweizer Team Alinghi den America's Cup erfolgreich verteidigt hat, ist die Zukunft des ältesten Segelwettbewerbs ungewisser denn je. stern.de sprach mit Segel-Star und United Internet Team Germany-Chef Jochen Schümann über die Zukunft des Cups und die deutsche Kampagne.

Herr Schümann, sind Sie ein Segelbösewicht oder ein fairer Sportsmann?

(lacht): Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht ganz.

Nun, Sie waren ja noch Sportdirektor bei Alinghi, als das Schweizer Team unmittelbar nach der Cupverteidigung damit begonnen hat, die Regeln des America’s Cup zu beugen, wenn nicht sogar zu brechen.

Ich sehe mich durch und durch als sehr fairen Sportsmann und auch als sehr offenen - deshalb will ich gerne ihre Frage beantworten: Alinghi hat zwar handwerkliche Fehler gemacht, formale Fehler, aber das hat nichts mit der Vision, mit dem Konzept dahinter zu tun. Ernesto Bertarellis Vision eines modernen, medienwirksamen America’s Cup ist richtig. Ich persönlich sehe das Problem eher darin, dass BMW Oracle mit seinem Gang vor Gericht eine Entwicklung blockiert hat, die nicht nur Alinghi will, sondern auch die Herausfordererteams. Und das ist für den Segelsport insgesamt ganz sicher nicht gut.

Glauben Sie nicht, dass sie mit dieser Meinung ziemlich alleine stehen? Erst kürzlich hat sich die Mehrheit der Herausforderer in einem Papier mit BMW solidarisch erklärt.

Moment, das war erst vor zwei Wochen, und da saßen wir Deutschen von United Internet Team Germany selbst mit am Tisch und haben wie alle anderen Teams BMW Oracle den Rücken gestärkt. Das aber nur, weil Alinghi mittlerweile schweigt und schweigt und eine mögliche Einigung immer weiter verzögert, was ich, ehrlich gesagt, auch nicht verstehe. Aber ich bleibe dabei: Alinghis ursprüngliche Pläne für Valencia 2009 waren ganz sicher nicht so schlecht, dass man dagegen hätte klagen müssen.

Alinghi hatte einen Yachtclub als "Challenger of Record" auserkoren, der offenbar nur aus vier Personen bestand. War das tatsächlich nur ein handwerklicher Fehler?

Schauen Sie, das ist die reale Cupwelt. Historisch gesehen treten alle Teams beim America's Cup ja als Vertreter von Yachtclubs an und diese wiederum als Vertreter von "befreundeten Nationen". Aber die Teams sind heute in Wirklichkeit längst Unternehmen, hinter denen aber, aufgrund des Regelwerks, immer noch ein Yacht Club stehen muss.

Dann ist also das Regelwerk des America's Cup, der "Deed of Gift", überholt...

Ja, natürlich, absolut.

... und Alinghi-Chef Bertarelli kein moralischer Vorwurf zu machen?

Man kann ihm moralische Dummheit vorwerfen, das vielleicht ja, ich weiß nicht, wie man das sonst formulieren soll. Unmoralisch waren Alinghis Absichten jedenfalls nicht, da bin ich mir sicher. Sie wollten niemanden hintergehen, als sie die Spanier zum "Challenger of Record" machten.

Das Resultat ist für United Internet Team Germany und die anderen Herausforderer gleichwohl deprimierend, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der nächste America's Cup ein so genanntes "Deed of Gift Race" sein, ein gerichtlich angeordnetes Rennen zwischen Alinghi und dem Kläger BMW Oracle.

Da wissen Sie mehr als ich. Das ist doch nur ein Szenario unter mehreren möglichen. Nummer eins: Eine Einigung zwischen den beiden Parteien, vielleicht sogar auf das Jahr 2009. Unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar. Szenario zwei: Alinghi geht gegen das Urteil von New York in Berufung, und das kann ewig dauern. Die dritte Möglichkeit ist die, die Sie genannt haben. Was tatsächlich passieren wird, weiß niemand, und deshalb warten wir erst einmal ab.

United Internet Team Germany bleibt also am Ball und schickt seine Segler noch nicht nach Hause?

Richtig, anders als andere Herausforderer haben wir unsere Segler nicht nach Hause geschickt. Aber wir haben einige Investitionen gekürzt und andere ganz gestrichen, denn natürlich sind wir Realisten. Das, was wir wollten, war ja ursprünglich eine kosteneffiziente Zwei-Jahres-Kampagne auf den Weg nach Valencia 2009. Nun sieht es aber so aus, dass der nächste reguläre Cup vielleicht erst 2011 stattfindet, und das ist ein Problem, weil wir aufgrund der herrschenden Ungewissheit praktisch mit keinem unserer Geschäftspartner einen echten Vertrag aufsetzen können. Aber wir halten das durch, denn wir betrachten unser Personal und unsere Technik als die Basis für zukünftige Erfolge. In der Zwischenzeit entwickeln wir die Bordtechnik weiter und arbeiten mit Simulationen.

Ihre Sponsoren halten Ihnen also die Treue?

Momentan ja, und das macht uns entsprechend stolz. Porsche Consulting, Audi AG und Adidas, vor allem aber die United Internet AG um Ralph Dommermuth zeigen sich auf positive Weise stur und sagen: "Wir wollen mit UITG am nächsten America's Cup teilnehmen!". Aber natürlich brauchen wir sobald wie möglich die konkreten Vorgaben für die Boote und das Austragungsdatum, damit die Kampagne nicht nur am Leben, sondern auch lebendig bleibt.

Sie sind vom Sieger des letzten America's Cup zum weit hinten platzierten United Internet Team Germany gewechselt. Was waren Ihre ersten Schritte als neuer Chef der deutschen Kampagne?

Nun, zunächst einmal haben wir einige sehr gute Leute aus anderen Teams hierher gebracht und auch einige Partner aus der Hochtechnologie-Branche wie eben Porsche und Audi. Ich denke, dass Deutschland genug technische Power besitzt, um den America's Cup ganz vorne mitgestalten zu können. Vor allem aber haben wir eine neue Denke mitgebracht: Mehr Transparenz, mehr Offenheit und 130prozentigen Einsatz. Die Arbeitsatmosphäre soll sich ändern: "Ich arbeite gerne hier, und deshalb bringe ich mich auch voll in die Kampagne ein." Das ist das Ziel. Die Kultur des Teams, da habe ich von Anfang an den größten Handlungsbedarf gesehen, glaube ich.

Sie gelten als sehr ehrgeiziger Mann. Was ist Ihre sportliche Vision für das United Internet Team Germany?

Das ist ganz klar: Wir wollen in die Riege der Top-4-Teams aufsteigen, wir wollen also beim nächsten America's Cup im Halbfinale segeln. Wir möchten jedoch in jeder Hinsicht zu den Spitzen-Teams gehören, also nicht nur sportlich: Das fängt beim Erscheinungsbild bzw. bei der Öffentlichkeitswirksamkeit des Teams als Ganzes an und reicht bis zum Auftritt des einzelnen Athleten. Sportlichen Erfolg brauchen wir aber natürlich auch, denn nur wenn wir langfristig erfolgreich sind, können wir die guten Leute, die wir haben, auch halten und neue dazu gewinnen. Eine Plattform, die auf diese Weise stärker und stärker wird, könnte irgendwann sogar für einen deutschen Sieg beim America's Cup sorgen.

Wird das passieren? Wird ein deutsches Team irgendwann den America's Cup tatsächlich gewinnen?

(lacht) Warum nicht? Wenn man alles richtig macht?

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